23.01.2010 · Wahrscheinlich sitzt Django Reinhardt gerade auf einer sehr französischen Wolke und spielt dort auf seiner Selmer-Gitarre „Nuages“, seinen größten Hit. Was würde die Jazz-Legende wohl denken, wenn sie das ganze Tamtam sähe, das zum 100. Geburtstag veranstaltet wird?
Von Claus LochbihlerWahrscheinlich sitzt Django Reinhardt gerade auf einer sehr französischen Wolke und spielt Billard oder seine geliebte Selmer-Gitarre, vielleicht „Nuages“, seinen größten und bekanntesten Hit, der ihm hier noch luftiger gelingt als zu Lebzeiten. Ab und zu schauen andere Jazzlegenden vorbei. Am liebsten jammt Django Reinhardt mit Charlie Parker, Bud Powell am Klavier und dem Gitarrenkollegen Charlie Christian – dann gilt es, ganze Kapitel der Jazzgeschichte nachzuholen, die die Musikgenies in ihren kurzen Jazzer-Leben nicht auch noch schreiben konnten. Manchmal beugt sich Django, der an diesem Samstag hundert Jahre alt geworden wäre, auch herunter, um zu sehen, was man dort so treibt.
Aber was würde er zu dem ganzen Tamtam, den neu eingeweihten Statuen, den Django-Reinhardt-Sinfonien, den Festivals und den riesigen CD-Boxen – darunter „Django Reinhardt plays Django Reinhardt“, 5 CDs, und „Django Reinhardt: Manoir de ses Rêves“, 26 CDs (beides bei Chant du Monde/Harmonia Mundi) – wohl sagen?
Einer der großen Suchenden des Jazz
In die Freude könnte sich auch Ärger darüber mischen, dass es auch dieses Mal vorwiegend um den geht, den ohnehin jeder kennt: Den Hot-Club-Django des „Minor Swing“, den Begründer des „Gipsy Jazz“, der an der Seite von Stéphane Grappelli mit seiner verstümmelten Greifhand Gitarrenwunder vollbringt, aber erst, nachdem man ihn, den großen Unzuverlässigen, aus seinem Wohnwagenbett geholt und auf die Bühne gesetzt hat. Nicht, dass gegen diesen Django und die großartige Musik der Jahre 1934 bis 1939 etwas einzuwenden wäre. Aber mindestens so wichtig und erfüllend wie die Musik des „Quintette du Hot Club de France“ ist jene des ganz späten Django Reinhardt, der zwischen seiner Tournee mit Duke Ellington (1946/47), die entgegen allen Mythen keineswegs ein einziger großer Flop war, und seinem Tod im Alter von dreiundvierzig Jahren einer der großen Suchenden des Jazz war.
Wenn Woody Allen seinen Emmet Ray, den Gitarristen, mit dem Django-Reinhardt-Komplex in „Sweet and Lowdown“ auf einem hölzernen Mond auf die Bühne herabstürzen lässt, zitiert er damit nur eine narzisstische Idee Django Reinhardts. Der ließ sich 1943 tatsächlich einen solchen Mond bauen, ließ das Herabschweben auf die Bühne dann aber sein. Das Leben im von deutschen Truppen besetzten Frankreich war für einen Sinto schon gefährlich genug.
Reinhardt hatte den Bebop Dizzy Gillespies und Charlie Parkers für sich entdeckt und lieben gelernt – so sehr, dass er eine seiner vom bebopgeprägten und doch unverwechselbar djangoesquen Kompositionen seinem Sohn und gleichzeitig dem Aufbruch in die Jazzmoderne widmete: „Babik (bi-bop)“ von 1947. Parallel dazu wurde aus dem akustischen ein elektrisch verstärkt spielender Gitarrist, was nichts anderes bedeutete, als dass er sich und seinen Stil neu erfinden musste, was Michael Dregni in seiner großartigen Biographie sehr treffend mit einem Vergleich aus der Malerei analysiert hat: Der Sound des akustischen Django Reinhardt habe einem musikalischen Pointillismus, einem hochvirtuosen Malen mit unzähligen, dünnen Strichen geglichen; auf der elektrischen Gitarre dagegen musste er das Malen mit einem wesentlich dickeren Pinsel, den Umgang mit Lautstärke, Sustain und einer neuen Plastizität des Tons erlernen.
Ein unerreicht schönes, aber kurzes Gitarrensolo
Dass ihm dies gelang, noch dazu in ziemlich kurzer Zeit, daran besteht kein Zweifel, wenn man sich Aufnahmen der Jahre 1951 bis 1953 anhört. Sie zeugen von großer Meisterschaft und der Bereitschaft, alles, aber auch alles in Frage zu stellen, um genauso unverwechselbar wie zuvor im Swing nun auch in der Jazzmoderne anzukommen. Sogar „La Pompe Manouche“, die für den Gipsy Jazz typische Gitarrenbegleitung, den Begleitrhythmus seines Lebens, lässt Django Reinhardt über Bord gehen, als er erkennt, dass der neue Stil eine größere rhythmische Flexibilität erfordert. Was späte Aufnahmen wie den „Troublant Boléro“, die Ballade „Anouman“ oder das geradezu avantgardistische „Flèche d’Or“ auszeichnet, ist eine rätselhafte Nähe des Komponierens zum Improvisieren. Wo das eine anfängt und ins andere übergeht, ist manchmal kaum zu sagen – ähnlich wie bei seinen improvisierten Soloaufnahmen, allerdings im Kontext einer Jazz-Combo.
Wenn jemand sein Leben bis zuletzt wie ein großartig intensives, unerreicht schönes, aber leider zu kurzes Gitarrensolo gelebt hat, dann Django Reinhardt. Wenn man ihm eine Freude machen will, dann legt man für jeden „Minor Swing“ ein „Anouman“ oder die letzte, elektrisch verstärkte Version von „Nuages“ auf. Man wird es nicht bereuen.