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Dirigent Nikolaus Harnoncourt : Farbstabiles Chamäleon der heiligen Tonkunst

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Ja nicht lachen: Nikolaus Harnoncourt dirigiert 2003 das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Begonnen hatte er als Cellist unter Karajan. Heute zählt er zu den wirkungsmächtigsten Dirigenten der letzten fünf Jahrzehnte. Er bleibt sich treu, indem er jede Aufführung als Uraufführung nimmt: Nikolaus Harnoncourt zum Achtzigsten.

          Größe liegt darin, eine Richtung zu weisen. Johann Nicolaus Graf de la Fontaine und d'Harnoncourt-Unverzagt, Cellist, Dirigent und Musikschriftsteller, zählt in seiner evolutionären Wirkung zu den wirkungsmächtigsten Interpreten der letzten fünf Jahrzehnte.

          Wie einst Artur Schnabel als der Mann bezeichnet wurde, „der Beethoven erfand“, wurde der in Berlin geborene Spross aus luxemburgisch-lothringischem Hochadel in den sechziger Jahren durch die historische Aufführungspraxis zum (Neu-)Erfinder von Johann Sebastian Bach, Georg Philipp Telemann und anderen Komponisten des Barocks; wurde als Initiator einer neuen Interpretationsrichtung mit weltweiter Ausstrahlung zu einer Epochenfigur.

          Seiner Richtung ist er allerdings schon früh entwichen: nicht nur hin zu Monteverdi und Mozart, zu Haydn, Beethoven und Schubert, sondern auch zu Weber und Verdi, Smetana und Bartók. Aus der Originalklangbewegung, zu der er Dutzende von Kollegen und Hunderte von Ensembles inspiriert hat, wurde eine „historisch informierte“ Aufführungspraxis mit einem mehr als kühnen Anspruch: „Jede Aufführung soll eine Ur- oder Erstaufführung sein.“ Jüngst hat er sich bei der Grazer „Styriarte“, dem 1985 für ihn ins Leben gerufenen Festival, zu seinem achtzigsten Geburtstag eine Aufführung von Gershwins „Porgy and Bess“ geschenkt. Und wie immer hat er mit der ihm eigenen Überzeugungskraft die Aufführungsgeschichte auch dieses Werks als Irrweg enttarnt, insbesondere die populistische Umformung der ursprünglich dreiaktigen Oper in ein zweiaktiges Semi-Musical. Er habe ein anderes Ziel gehabt: dem amerikanischen Pendant zum „Wozzeck“ eine „gleichsam ideale Werkgestalt“ zurückzugeben - eine Denkfigur, die sich leitmotivisch durch die Kommentare zu seinen Arbeiten zieht.

          Bei einem Konzert des Concentus Musicus im März 2007 in Luzern

          Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen

          Vor Harnoncourt kannte die Interpretation, zugespitzt gesagt, zwei konträre Strömungen. Die aus dem neunzehnten Jahrhundert überkommene Espressivo-Lesart des klassischen und romantischen Repertoires in der Nachfolge Wagners fand ihre wichtigsten Vertreter in Gustav Mahler, Willem Mengelberg, Wilhelm Furtwängler und John Barbirolli. Zu ihren Mitteln gehörten starke Tempo-Rückungen nach dem Chronos der Erlebniszeit: der subjektive Ausdruck. Als einer der wichtigsten Exponenten der Gegenbewegung erklärte Igor Strawinsky: „Je déteste l'Ausdruck.“ Er verabscheute „Interpretation“ als subjektive Willkür und verlangte nichts als „exécution“ - die strikte, sachliche und am „Chronos der Realzeit“ orientierte Wiedergabe des musikalischen Textes. Zu den Vertretern dieser Richtung gehörten Hermann Scherchen und Arturo Toscanini, später Fritz Busch und Erich Kleiber, Fritz Reiner und George Szell.

          Harnoncourt, zu Beginn seiner Laufbahn Cellist der damals von Herbert von Karajan geleiteten Wiener Symphoniker, hatte 1953 eine Gruppe von Musikern um sich geschart, darunter seine geigenspielende Frau Alice, die sich mit der Aufführungspraxis der vorklassischen Musik beschäftigten. 1958 trat das Ensemble unter dem Namen „Concentus Musicus“ an die Öffentlichkeit. Der Weg führte zunächst zu einem in Vergessenheit gesunkenen Repertoire. Durch die „historisierende“ Interpretation - das Spiel auf alten Instrumenten und aus textkritisch rekonstruierten Partituren - kam es, wie der amerikanische Musikologe Richard Taruskin sagte, zur „Pastness of the Present and the Presence of the Past“, zur Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen.

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