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Dirigent Andris Nelsons : In der Musik ist alles da

Andris Nelsons Ende Mai bei einer Probe mit dem Gewandhausorchester in Leipzig Bild: dpa

Andris Nelsons ist Chefdirigent in Boston und bald auch beim Gewandhausorchester in Leipzig. Ein Gespräch über Schostakowitsch, Stalin und eine Jugend zur Endzeit der Sowjetunion.

          In einem Zyklus, der im vergangenen Jahr begonnen hat und den Sie nun, am 24. September in Boston, fortsetzen, werden Sie mit dem Boston Symphony Orchestra sämtliche fünfzehn Symphonien von Dmitri Schostakowitsch aufführen. Die Deutsche Grammophon dokumentiert diese Serie in Live-Mitschnitten. Wie bewältigt das Orchester die riesige Aufgabe, die Sie ihm gestellt haben?

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in München und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Es bewegt mich, wie gut das Orchester Schostakowitsch versteht. In seiner Musik gibt es einen Subtext, der sehr tief unten sitzt. Es passiert immer viel mehr, als in den Noten steht. Die spieltechnischen Anweisungen wie marcato muss man mit dem Charakter verbinden. Zwei Komponisten, die das Orchester unter meinen Vorgängern als Chefdirigenten in den vergangenen Jahrzehnten kaum noch gespielt hat, sind Schostakowitsch und Bruckner. Serge Koussevitzky, Chefdirigent von 1924 bis 1949, war der Letzte, der sich um Schostakowitsch bemüht hat. Das Boston Symphony Orchestra hat natürlich die technische Brillanz, die man von einem amerikanischen Orchester erwartet; aber es weiß ebenso gut in philosophische Tiefen vorzudringen.

          Sie sind in Riga aufgewachsen und haben am Konservatorium in Sankt Petersburg studiert. Als die Sowjetunion sich auflöste, waren Sie dreizehn Jahre alt. Welche Bedeutung hatte Schostakowitsch für Sie in Ihrer Jugend?

          Meine Eltern waren Musiker. Ich muss sechs Jahre alt gewesen sein, als ich zum ersten Mal Schostakowitsch hörte. Die fünfte Symphonie stand sehr oft auf den Konzertprogrammen, und sie war die erste, die ich in der Musikschule analysierte. Zu Hause hörte ich die Symphonien auf Schallplatte, dirigiert von Jewgeni Mrawinski und Gennadi Roschdestwenski. Als Trompeter im Orchester habe ich mehrere Symphonien gespielt. In der Schule hatte ich die offizielle Geschichte von Schostakowitsch gelernt, und nach dem Fall des Eisernen Vorhangs las ich seine angeblichen Memoiren, die 1979 in englischer Übersetzung veröffentlicht wurden. Da steht etwas ganz anderes, und ich fragte mich: Was ist denn hier los? Die Fünfte etwa: Mein Gott, dort steht, dass das Finale als Satire eines Triumphzugs gedacht ist!

          In der zweiten Lieferung des Zyklus haben Sie zur Fünften die Achte und die Neunte gestellt. Was haben diese Werke gemeinsam?

          Die fünfte bis zehnte Symphonie können unter der Überschrift stehen: Im Schatten Stalins. Zwischen Schostakowitsch und Stalin gibt es meiner Meinung nach eine sehr enge, sozusagen persönliche Beziehung. Schostakowitsch und das Regime ist ein Thema, ein anderes ist Schostakowitsch und Stalin als Person. In den Symphonien spüre ich so etwas wie eine emotionale Verbindung.

          Welche Subtexte treten hervor, wenn man die Symphonien der Stalin-Zeit nacheinander hört?

          Die Neunte, von 1945, ist für mich jene, die am meisten schockieren kann. Nachdem der Krieg gewonnen war, musste man ein Stück erwarten, das den Sieg zelebrierte, in welcher Weise auch immer. Natürlich stand auch eine Totenehrung an, aber als Teil der Siegesfeier. Schostakowitsch versprach, er werde etwas mit Gesangssolisten und Chor schreiben. Die Neun hat eine besondere Bedeutung wegen der Vorgänger: Beethoven, Schubert, Bruckner. So gab es ungeheuer hohe Erwartungen. Und dann schrieb er diese kleine Symphonie, als wär’s ein Witz. Fast eine Kränkung. Sehr mutig und immer noch schockierend. Wir haben sie absichtlich mit der populären Fünften zusammen aufgenommen. Und dann die Achte: eine seiner persönlichsten Symphonien, die gleichzeitig sehr dramatisch ist. Die drei letzten Sätze entfalten sich wie ein Monolog. Und doch endet sie in Dur. Irgendwie schafft Schostakowitsch es immer, in Dur zu enden. (Singt.) Sie endet mit einem Ausdruck der Hoffnung, einer Vision, einem Ausblick nicht nur in die Zeit nach dem Tod Stalins, sondern auch in die Zukunft der Zivilisation. Schostakowitsch dachte sehr global, er hatte keine politische, sondern eine philosophische Botschaft.

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