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„Dionysos“-Uraufführung in Salzburg Ich bin dein La-La-La-Labyrinth

 ·  Es gibt viel zu lachen in Wolfgang Rihms Oper „Dionysos“, die jetzt in Salzburg uraufgeführt wurde. Aber es gibt noch mehr zu staunen: über die Wunder des Bühnenbilds und die Zaubereien der Musik.

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Eine Oper ist eine Oper ist eine Oper. Sie hat eigene Gesetze, die außerhalb des Opernbetriebs unlogisch, lächerlich oder bizarr erscheinen müssen. „Als ich begann, wusste ich nicht mal, was ein Libretto ist!“ sagte vor ein paar Tagen beispielsweise Jonathan Meese, der die Bühnenbilder für die neue Oper „Dionysos“ von Wolfgang Rihm entworfen hat, die am Dienstag im „Haus für Mozart“ uraufgeführt wurde, zu seinem Malerkollegen Daniel Richter (der mit den Bühnenbildern für die Salzburger Neuinszenierung von Alban Bergs „Lulu“ befasst ist). Darauf Richter: „Du dachtest, es sei ’ne Torte?“ Und Meese: „Nein. Eher Freiheit oder so was.“ Damit liegt er nicht mal verkehrt. Ein Opernlibretto muss bekanntlich vor allem Leerstellen haben und sehr, sehr kurz sein, so dass der Musik die Freiheit bleibt, Wörter und Phrasen zu wiederholen, zu übermalen, zu verschieben und mit Pausen, Seufzern, Frage- und Ausrufezeichen zu verweben.

Jedes Wort im Libretto der Oper „Dionysos“ stammt von Friedrich Nietzsche. Wolfgang Rihm hat sich den Text selbst zusammengestellt. Es ist seine achte, neunte oder gar zehnte Oper, je nachdem, ob auch Kammeropern wie der frühe „Jakob Lenz“ mitgerechnet werden und textloses, spätes sogenanntes „Musiktheater“ wie „Séraphin“. Und seit langem schon, seit Rihms dritter Symphonie, seinem Quartettsatz „Selbsthenker!“ und dem Orchesterliederzyklus „Umsungen“, wandern die Worte Nietzsches durch sein Musikschaffen. Das neue Stück verarbeitet die späten, erst 1889 veröffentlichten „Dionysos-Dithyramben“, die Nietzsche allerdings so früh begonnen hat, dass darin auch noch Zarathustra herumspukt – die er aber andererseits so spät zu Papier brachte, dass der ausbrechende Wahnsinn mit seinen spitzen Krallen deutliche Spuren hinterließ. Es sind viele bekannte, auch geflügelte Worte dabei, immer auf dem Sprung, sich loszureißen und selbständig zu machen, zum Beispiel der herrliche Spruch von den schönen „Locken des Zufalls“. Die Opernfiguren aber, welche die Zauberworte des göttlichen „Privat-Hanswursts“ nun abendfüllend singen und sagen dürfen, dieser schwindelhoch glitzernde Sopran, die lieblichen Mezzo- und Altstimmen, der schlank-schmelzende Tenorheld und der dunkle, saftig-sinnliche Bariton: Die haben wir alle schon mal irgendwo anders gesehen und gehört.

N. alias Nietzsche alias Dionysos alias Marsyas

Los geht’s mit Wagners Rheintöchtern. Frauenlachen fliegt von unten hoch, dringt mit einer Dur-Terz grundiert und einem Hauch von Geigentriller aus der Tiefe. Zwei Nymphen, später dazu drei nixenartig glitzernde Delphine (die diesmal wirklich tonwörtlich aus dem „Rheingold“ zitieren) machen sich lustig über einen gutsituierten Herrn, der ihnen nur zu gern an die Wäsche ginge, wäre er nicht so verklemmt. Dieser Herr ist nämlich nicht etwa der geile Alberich, sondern „N.“ alias Nietzsche. Rudernd versucht er, zu entkommen über den See, bei dem es sich zweifellos um den Vierwaldstätter See handelt, auf dem Nietzsche einst bei einer Bootsfahrt Cosima Wagner, deren große Ohren ihm sehr gefielen und die ihn auch sonst mächtig beeindruckte, Avancen gemacht hatte: Sie sollte seine Ariadne, er wollte ihr Dionysos sein. Daraus wurde bekanntlich nichts. Doch hier ist das anders. Da wirft rasch eine der Nymphen ihre prollige Glitzerperücke ab, verwandelt sich in Ariadne, wickelt den blutroten Spinnenfaden auf, umgarnt und verführt den Mann, stößt ihn weg, klagt ihn an, bis der endlich die Sprache wiederfindet und sich stotternd verwandelt in jenen Gott Dionysos aus dem Mythos, der am Strand von Naxos die Verlassene aufgabelte und tröstete: „Ich bin dein Labyrinth.“ Allerdings zu spät: Schon tritt sein Widersacher auf den Plan, der tenorsingende Apoll alias „Ein Gast“ – er kann alles besser.

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