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Dietrich Fischer-Dieskau ist tot Das Genie der hohen Deklamation

 ·  Er war einer der größten Opernsänger des Jahrhunderts und ein bis heute unerreichter Interpret romantischer Liedkunst: Der Bariton Dietrich Fischer-Dieskau ist im Alter von 86 Jahren gestorben.

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Jean Cocteau entdeckte mit sensiblem Ohr bei Dietrich Fischer-Dieskau das Geheimnis großen Singens: „Sie singen so, als komponierten Sie im Augenblick des Singens.“ Das hört sich irgendwie ganz einfach an. Ist es aber nicht: Ein genuiner Sänger, ein Liedsänger besonders, darf sich nicht mit dem Produzieren „schöner Töne“, dem Dahinfließen einschmeichelnder melodischer Linien begnügen – was natürlich immer auch vordergründig Effekt macht.

Liedgesang muss ja die perfekte Verbindung, ja Durchdringung von Wort und Ton sein. Die gedankliche Erfassung dessen, was da im Text mitgeteilt und ausgedrückt werden soll, und dann die kongeniale Verschmelzung mit den musikalisch-vokalen Ausdruckselementen, die der Komponist gleichsam als überhöhenden Kommentar hinzugefügt hat – erst wenn diese beiden Schichten eines Kunstliedes in perfekter Ausgewogenheit in eine geschlossene Gestaltung einfließen, kann von authentischem Liedgesang gesprochen werden.

Geistig durchdrungene Musik

Der Sänger Dietrich Fischer-Dieskau erfüllte diese Ideal-Voraussetzungen der Liedkunst geradezu perfekt. Er hätte es einfach gehabt, seinen hohen lyrischen Bariton als vokale Verführung einzusetzen – der Erfolg wäre ihm ebenso sicher gewesen. Aber Fischer-Dieskau, einer Berliner Gelehrtenfamilie entstammend, verweigerte sich, intelligent, wie er war, diesem schlichten Rezept.
Von Anfang an bestimmte die geistige Durchdringung eines jeden Liedes seine Interpretationen.

Dietrich Fischer-Dieskau, der schon 1947 seine erste „Winterreise“ aufnahm, hatte bei alledem auch das Glück, kongeniale Begleiter zu finden – den großen Gerald Moore an erster Stelle. Mit seinem unbeugsamen Kunstwillen eröffnete er nach dem Zweiten Weltkrieg dem damals fast bis zur Unkenntlichkeit darniederliegenden deutschen Lied eine neue und immer glänzender strahlende Zukunft. Fischer-Dieskau fühlte sich dazu gleichsam „beauftragt“.

Botschafter seiner Nation

Den unendlichen Kosmos des deutschen romantischen Klavierliedes, das Schaffen von Schubert, Schumann, Brahms und Hugo Wolf, öffnete er nicht nur für das deutsche Publikum, er reiste mit seinen anspruchsvollen Programmen auch in die Welt, nach England und Frankreich immer wieder, auch nach Holland, in die Schweiz und Italien.

Wer sich noch an die oft reservierten Haltungen dieser Länder gegenüber dem „feindlichen“ Deutschland erinnern kann, muss Künstlern wie Fischer-Dieskau bewundernden Respekt zollen: Diese Künstler waren Botschafter des neuen demokratischen Deutschland, die mit ihrem Auftreten bekundeten, dass es immer auch ein anderes, besseres Deutschland gegeben hat, dessen Kultur stets auch der Welt gehörte.

Gesang, aus Worten gewonnen

Dietrich Fischer-Dieskaus im Prinzip lyrisch-weich timbrierte Baritonstimme war aber auch, und das eben wegen der präzisen Textbehandlung, zum dramatischen Ausdruck fähig. Damit stand ihm zugleich die Welt der Oper offen. Im Herbst 1948 verpflichtete ihn die Städtische Oper Berlin als ersten lyrischen Bariton. Verdis Marquis Posa in „Don Carlo“, der Wolfram von Eschenbach in Wagners „Tannhäuser“, Papageno in der „Zauberflöte“, Don Fernando in Beethovens „Fidelio“, Verdis Falstaff und Graf Almaviva in Mozarts „Figaro“ – rasch erarbeitete sich Fischer-Dieskau ein breites Repertoire, mit dem er an den bedeutendsten Opernhäusern auftrat: in Wien und München ebenso wie an der Mailänder Scala, bei den Festspielen in Edinburgh und Salzburg und natürlich in Bayreuth.
Seine Fähigkeit, den Gesang aus dem Text heraus zu gestalten, machte ihn zu einem nachahmenswerten Beispiel für den authentischen Wagner-Gesang, für Wagners spezifischen Deklamationsstil. Was da heute oft auf unseren Opernbühnen, auch in Bayreuth, an verquollenem Ton-Text-Knödeln zu vernehmen ist, nähert sich schon einem Skandal.

Wer Dietrich Fischer-Dieskau nur auf das deutsche Liedrepertoire fixiert, wird dem Sänger nicht gerecht. Seine Neugier, sein unbändiger Wissensdrang durchforstete die Liedschätze quasi Europas: Debussy, Ravel, Poulenc, Fauré in Frankreich, Tschaikowsky in Russland – ihnen galt ebenso des Sängers forschende Aufmerksamkeit. Der Opernsänger Fischer-Dieskau aber beschränkte sich keineswegs auf das tradierte Repertoire. Hans Werner Henze schrieb ihm die Hauptrolle des Gregor Mittenhofer in der „Elegie für junge Liebende“ gleichsam punktgenau auf die charakteristische Stimme. Winfried Zilligs „Troilus und Cressida“, Gottfried von Einems „Dantons Tod“, Busonis „Doktor Faustus“, Hindemiths „Mathis“ und Bergs „Wozzeck“ waren weitere Operntitel.

Ikone des Leids

Und der ganz große Augenblick in Dietrich Fischer-Dieskaus Opernlaufbahn kam 1978 mit der Übernahme der Titelrolle in Aribert Reimanns Skakespeare-Oper „Lear“. Seit der Uraufführung an der Bayerischen Staatsoper geistert Fischer-Dieskaus Gestaltung des Königs durch alle Nachfolge-Inszenierungen, die oft verzweifelt versuchen, dem übergroßen Leidensdruck, den Fischer-Dieskau der Figur einprägte, zu entkommen, wieder stärker auf den „verrückten“ Herrscher zurückzuverweisen. Aber es ist schon seltsam: Immer, wenn man einer veränderten Interpretation begegnet, kommt einem Fischer-Dieskaus Leidensikone in die Erinnerung – was natürlich auch an Reimanns Musik liegt: Sie fordert geradezu den Leidensgestus heraus.

Dietrich Fischer-Dieskau, am 28. Mai 1925 in Berlin als Sohn eines Altphilologen und einer Pianistin geboren, beendete Anfang 1993 seine Konzerttätigkeit. Dirigieraufträge, schriftstellerische Tätigkeiten (mit klugen Büchern, unter anderem über Hugo Wolf), besonders aber das Engagement für den Sängernachwuchs bildeten den Mittelpunkt seiner späten Karriere. Gerade junge Sänger konnten von Fischer-Dieskaus Sing-Erfahrungen ungemein profitieren. Mit seiner Frau, der Sängerin Julia Varády, unternahm er gelegentlich noch Reisen mit Szenen aus Opern, die er dirigierte. Das war eher marginal, ebenso wie seine Seitenhiebe gegen das allzu moderne Regisseurstheater. Am gestrigen Freitag ist Dietrich Fischer-Dieskau im Alter von sechsundachtzig Jahren in Berg am Starnberger See gestorben.

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