31.10.2005 · Im Theater des Dieter Dorn sieht man vor allem: die merkwürdig leuchtenden Augen seiner Schauspieler. An diesem Montag wird der Regisseur, einer der letzten Theater-Gläubigen, siebzig.
Von Gerhard StadelmaierEs wirkte wirklich wie ein Wunder. Exakt in der Minute in der Nacht, in der in Rom der vormalige Heilige Vater starb, ertönte im Bayerischen Staatsschauspiel mitten in der Münchner Premiere von „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ die Alarmanlage.
Ein durch und durch dringender jaulender Ton, der die Schauspieler auf der Bühne wegzufegen drohte. Als seien jetzt alle Gesetze des Dialogs mit einem Schlag suspendiert, als sei das Drama überhaupt aufgehoben. Als gelte jetzt nur noch: Lärm. Krach. Tonscherbenspur. Dies wäre kein Wunder gewesen: in jedem anderen Theaterhaus. Dort hätte man diesen schrillen Überfall „Leben“ genannt, ihn dementsprechend inszeniert und ihn sofort mit der Kunst verwechselt. Nicht aber im Theater Dieter Dorns. Dort muß es schon ein Wunder, also ein geistlicher Effekt, oder eine Panne, also ein technischer Defekt, sein, wenn das über die Bühne hereinbricht, was überall anderswo gang und gäbe, also Konvention, ist.
Die leuchtenden Augen der Schaupieler
Daß Dorn das in diesem Sinne antikonventionelle Theater par excellence macht, wurde an diesem Premierenabend auch dadurch schnell deutlich, daß der jungenhaft elegante, mit einer Grausilberlockenmähne begabte Intendant auf die Bühne federte und das Publikum artig bat, so lange im Foyer eine Zwangspause einzulegen, bis der Schaden in der Hauselektronik behoben sei. Anderswo hätte man vor der Premiere Ohrstöpsel verteilt und die Schauspieler sich zum anschwellenden Sirenengesang stumm prügeln oder mit Blutschlachtplatten bewerfen lassen. Bis man ihre Augen nicht mehr gesehen und ihre Gesichter vergessen hätte.
Im Theater des Dieter Dorn jedoch sieht man vor allem: die merkwürdig leuchtenden Augen seiner Schauspieler noch bis in Nebenrollen hinein. Und diese hellen, gescheiten Köpfe, diese mitlesenden und mitdenkenden Spielhirne. Und es ist, als ob ihr Regisseur noch in der intimsten, subjektivsten oder ausdrucksstärksten Szene sozusagen hinter ihnen zurückträte, in ihnen verschwände: als ob nicht er sie inszeniere, sondern als ob sie ihn überflüssig machten. Sie sehen immer so aus, als unterwürfen sie sich nie einem individuellen, subjektiven Willen (gar einer Willkür), einem Personalstil, einer Haus- und Stilmarke. Dorns Theater objektiviert sich in einer Art virtuos sich ergebender Multi-Subjektivität: Man erkennt es nie am Stil. Immer an einer Haltung: den Schauspielern gegenüber. Sie sind die Drittelhauptsache. Die beiden anderen Drittelhauptsachen im Hause Dorn bilden die Autoren und die Texte. Die heilige Drei-Unantastbarkeit. Hinter ihr verschwindet Dorns Theater. Und ist als solches einmalig in der Republik.
Närrisch-unzeitgemäße Theaterliebe
Ob Dorns Schauspieler nun Shakespeare oder Achternbusch oder Botho Strauß oder Tschechow oder Bernhard oder Dorst oder Kleist oder Schimmelpfennig oder Walser, ob sie's mehr oder weniger glücklich oder gelungen spielen - immer scheinen sie, von denen die meisten und besten schon jahrelang bei ihm sind, aufeinander zu hören und zu reagieren wie feinste Kammer-Musikanten. Und nie auf etwas herabzuschauen. Nie auf eine Figur herab. Nie auf einen Text herab. Nie auf ein Drama herab. Immer schauen sie hinauf zu etwas Größerem. Unter dessen Gesetz sie sich stellen. Von dem sie sich gleichsam prüfen lassen. Sich ihm zu nähern suchen. Hoch erhobenen Hauptes - und strahlenden Auges. Aber durchaus mit bangem Herzen. Es ist dies die Hochmögenheit, also die wahre Arroganz der theaterkünstlerischen Demut. Es zeigt sich darin eine närrisch-unzeitgemäße Theaterliebe: das ungeheure Zutrauen, daß im Theater die Aktion weniger zähle als die Verwandlung. Und daß sich im Theater der Mensch spielend verändere.
Während die meisten seiner Kollegen (bis auf ein paar Mit-Ausnahmen) das Theater schon längst zynisch aufgegeben haben, es wie Peymann nur noch in Interview-Form aufkochen oder es wie Castorf oder Kriegenburg als wie auch immer maskierte oder geschminkte Betriebsleiche unter ihren diversen Elektroschockbehandlungen zucken und zappeln lassen, an deren politische oder ästhetische oder menschliche Wirkung sie gar nicht mehr glauben, ist Dorn auf geradezu grotesk-naive Weise einer der letzten Theater-Gläubigen. Die wahren Gläubigen aber sind auch in diesem Raum die Leichteren, die Schwereloseren, die Glücklicheren, die Intelligibleren: Sie trauen dem, was sie trägt. Die Ungläubigen tragen schwer an dem, dem sie nicht mehr trauen. (Und hassen die Gläubigen dafür.)
Seltsam glücklich gläubig
Seit der gebürtige Leipziger, der 1956 in den Westen floh und im Landestheater Hannover als Schauspieler (meistens im Freilichtbereich, meistens im Regen) anfing, Reporter und Sprecher beim Norddeutschen Rundfunk war, Regie-Erfahrungen in Essen, Oberhausen, Basel und Wien sammelte, dann mit Hans Lietzau 1971 im Schillertheater eine „Berlinische Dramaturgie“ zu begründen suchte und vor allem als Bernhard-Regisseur („Die Macht der Gewohnheit“, Salzburg, 1974) auffiel, seit dieser seltsam glücklich gläubige Theatermann 1976 an die Münchner Kammerspiele kam, deren Intendanz er dann 1983 übernahm, aus der ihn dann 2001 eine ignorante städtische Kulturpolitik vertrieb, so daß er die Straßenseite wechselte und ans größere Staatstheater ging, seit er mit einem Ensemble, das seinesgleichen sucht, in München Theater macht, nun schon fast dreißig Jahre lang - seitdem hat Dieter Dorn keine Theatermode mitgemacht. Sondern blieb immer nur seine eigene Mode.
Er ist dabei keineswegs „texttreu“ oder gar „werktreu“ (solche nichtssagenden Oberlehreradjektive passen nicht zu ihm). Dorn ist vielmehr haltungstreu. Und er benimmt sich wie ein guter, erfahrener Liebhaber dieser Treue gegenüber: Er nimmt sie nicht für selbstverständlich, sondern hält sie karessierend lebendig. Als müsse er sie jedesmal neu erobern. Aber nie mit schwerer, knetender, immer mit leichter, streichelnder Hand.
Manchmal zu schön
Eine Dorn-Inszenierung, wenn sie weniger glückt, malt ein Stück leicht aus. Immer ein wenig zu sehr an der Rampe, immer wunderschön, aber immer ein wenig zu bunt. Manchmal zu schön, manchmal zu schön kalkuliert, um noch wahr oder ganz anders als menschenmöglich zu sein: Dorns etwas unglückliche Liebe zur Antike (die „Bakchen“ jüngst) läßt dort Oberflächen funkeln, wo darunter erst das Entscheidende passieren müßte. Eine Dorn-Inszenierung, wenn sie glückt, hebt dagegen ein Stück vom Bühnenboden auf, hält es in der Luft, verschafft ihm Zeit zum Schweben und zum Leben: Dorns große Shakespeare- und Strauß-Arbeiten, sein „Kaufmann von Venedig“ (2001), sein „Park“ (1984), sein „Narr und seine Frau heute abend in Pancomedia“ (2003) und „Die eine und die andere“ (2005) sind von dieser Art. Dann spielen Dorn und sein wunderbares Ensemble - darunter Rolf Boysen, Thomas Holtzmann, Gisela Stein, Lambert Hamel, Jens Harzer, Sunnyi Melles, Juliane Köhler, Sibylle Canonica, Cornelia Froboess - die großen Menschenversucher.
Dann kommen Shylock und Antonio nicht als Feinde, sondern als Brüder um ihr Stück Fleisch in Venedig, dann verwandeln sich die Mythenmenschen des Botho Strauß in den Menschenwitz, der aus „Ithaka“ einen bewohnbaren Ort und aus „Groß und klein“ einen bundesdeutschen Schmerzenskomödienparcours macht, dann lächelt Lear, dann tanzt Malvolio, dann wird ein unzüchtiger Diktator in „Maß für Maß“ zu einem hilflosen Liebhaber, dann werden aus Kriegen Feste („Troilus und Cressida“) und aus Hochzeiten Kapitulationen (“Sommernachtstraum“), dann schwirren die zum ewigen Weiterleben vor dem Tod verdammten alten Kunst-Männer Karl und Robert in „Der Schein trügt“ von Thomas Bernhard wie Existenzialkolibris ums große, dunkle Lebensloch herum.
Dann verdrehen und verwandeln und verkehren sich die Verhältnisse. Dann geht man aus dem Theater anders heraus, als man hineinging. Dann ist es ein Theater der Menschendichter, wo die Güte und die Liebe wohnt. Heute feiert dieser große Verwandlungsermöglicher seinen siebzigsten Geburtstag. Das deutsche Theater kann sich zu ihm nur gratulieren.