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„Die Zofen“ in Berlin : Klassenkampfspiele für drei bissige Damen

  • -Aktualisiert am

Schrille Feger: Samuel Finzi und Wolfram Koch als Genets „Zofen“. Bild: Barbara Braun/drama-berlin.de

Brillanz auf Stöckelschuhen: Samuel Finzi und Wolfram Koch spielen in Genets „Die Zofen“ am Deutschen Theater Berlin großartig und eindringlich.

          Der Klassenkampf interessierte den französischen Dichter, Dieb, Zuchthäusler und Gewohnheitsschwadroneur Jean Genet nicht im politischen Sinne, sondern einzig als poetisches Traumgespinst: Die Unterschicht tritt in seinem 1947 in Paris uraufgeführten Stück „Die Zofen“ gegen die Oberschicht an, aber statt in revolutionärer Absicht in Form eines raffinierten, ausgetüftelten Spiels. Die Dienstbotinnen Claire und Solange ziehen es regelmäßig mit festen Regeln und lockeren Sitten, mit viel Akribie und noch mehr Leidenschaft durch.

          Sie sind arm, wohnen in einer schäbigen Mansarde und verehren zutiefst, wie sie nicht müde werden zu betonen, ihre „Gnädige Frau“. Die hassen sie natürlich in Wahrheit, was sie nicht daran hindert, sich heimlich ihre Kleider, ihren Schmuck, ihre Gesten, Worte, Ansichten auszuleihen. Wenigstens für eine kleine Weile wollen sie wie diese vornehme, vermögende Dame sein. Dabei schrecken sie nicht vor Mordphantasien zurück und denunzieren ihren Liebhaber mit falschen Vorwürfen bei der Polizei, worauf der prompt festgenommen wird. Sie haben keine Angst vor dem Risiko und sie beißen, obwohl sie nur spielen wollen.

          Im Deutschen Theater Berlin hat der Regisseur Ivan Panteleev die drei Frauenrollen, wie es Genet ursprünglich vorschwebte, mit männlichen Darstellern besetzt: Mit Wolfram Koch als Solange, die Ältere, mit Samuel Finzi als Claire, die Jüngere, und mit Bernd Stempel als Gnädiger Frau. Es sind kräftige, unrasierte Männer mit strammen Waden in bunten Strumpfhosen, die zeitweise Frauenperücken und immer Frauenkleidung tragen. Entworfen hat diese Johannes Schütz und außerdem das Bühnenbild, eine lange, nicht ganz bis zum Boden reichende Spiegelwand, auf deren heller, stoffbezogener Rückseite drei Kleider und drei Bügel hängen.

          Wenn Solange und Claire am Anfang auf die leere Bühne kommen, ein paar Requisiten wie einen Telefonapparat, eine Tasse mit Lindenblütentee, einen laut tickenden Wecker hereinbringen, tun sie das quasi mit Anlauf: Man sieht sie überraschend erst im Spiegel auftauchen und dann in natura. Dieses bewusst irritierend arrangierte Spiel über Bande ist die Matrix der Aufführung, die sich damit genau an das Stück hält.

          Beschwingte Inszenierung

          Darin ist nämlich nichts, was es zu sein scheint: Die Frauen sind Männer, die Schwestern tauschen manchmal ihre Namen aus, die Herrin, deren allgemeine Arglosigkeit unglaubwürdig wirkt, bringt diese ohnedies ständig durcheinander, das Dominanzgebaren der Zofen ist Schwindel, ihr Aufruhr nicht mehr als Attitüde. Angesichts dieser vielen Brechungen finden sie nie zu ihrer eigentlichen Identität, höchstens zu einem Spiegelbild, doch das ist in Ivan Panteleevs kluger, beschwingter Inszenierung ebenfalls oft in Bewegung, denn die Spiegelwand dreht sich an einem irgendwo im Bühnenplafond verschwindenden schlanken Mast.

          Wolfram Koch und Samuel Finzi, die zusammen mit Panteleev 2014 „Warten auf Godot“ in Koproduktion zwischen den Ruhrfestspielen Recklinghausen und dem Deutschen Theater Berlin herausbrachten, entdecken gänzlich unangestrengt eine Verwandtschaft im künstlerisch Absurden zwischen Genet und Samuel Beckett, für die im Programmheft stellvertretend zwei Zitate genannt werden: „Willst du nicht spielen? / Was spielen?“ aus „Godot“ und „Können wir überhaupt weiterspielen?“ aus „Die Zofen“. Gegen die Sinnlosigkeit der Welt mit ihren aberwitzigen Regeln und Abstrusitäten sträuben sich die Schwestern also mit ihrem unerbittlichen Spiel als alleinigem Mittel, sich ihrer selbst zu vergewissern.

          Koch und Finzi machen daraus ein herrlich komisches Duell mit hämischen Untergriffen und zynischen Überhebungen. „Sie glauben, Sie können die Schönheit des Himmels rauben und mich leer ausgehen lassen?“, keift Solange etwa einmal der abwesenden Herrin nach. Jean Genets dämmrig-düsterer Text wird den beiden wie auch dem blasierten, tuntig parlierenden Bernd Stempel zu einer lebendig strahlenden Knetmasse, aus der sie ihre rätselhaft verlorenen Figuren modellieren und luftig beseelt zwischen Herz und Schmerz, zwischen Sein und Haben traumtänzeln lassen. Wer kann da schon wissen, ob es am Schluss tatsächlich eine Leiche durch eine Überdosis Schlaftabletten gibt?

          Claire und Solange jedenfalls kauern sich an die Rampe, stimmen ein altes französisches Seemannsliedchen an und lächeln dabei, als hätten sie soeben ein Papierboot gefaltet und aufs Wasser gesetzt, das all die Schmerzen, Turbulenzen und Sehnsüchte ihrer unentschiedenen Existenz mit sich fortträgt. Und ein Schiffbruch, weiß der fröhlich unverzagte Regisseur Ivan Panteleev mit seinem famosen Ensemble zu zeigen, ist gar nicht schlimm – solange er gespielt wird wie hier: großartig und eindringlich.

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