Wie aufregend Wagner doch ist, wenn ein Sänger weiß, was er singt! Und wenn er uns das nicht nur begreifen, sondern spüren lässt. Es geht da um weit mehr als Wortverständlichkeit. Bei Bryn Terfel, dem walisischen Wotan der Met, ist buchstäblich jeder Buchstabe eines jeden Worts klar zu verstehen. Aber das Wunder, das er als menschlich und übermenschlich fehlender Gott vollbringt, besteht darin, wie sich aus seinem singenden Sprechen und sprechenden Singen das gesamte Drama entfaltet. Die Sprache der Musik wird eins mit der Musik seiner Sprache, in einem Nuancenreichtum und einer gesamtkunstwerklichen Breite, die keine Grenzen zu kennen scheint. Hier ein Flüstern, ein kaum vernehmbarer Seelenhauch, den er gleich noch einmal expressiv zurücknimmt. Dort wuchtige Ausbrüche, die sich steigern, bis Wotan in höchster Erregung und letzter Verzweiflung „Wer meines Speeres Spitze fürchtet, durchschreite das Feuer nie!“ der Welt und dem Kosmos entgegenschleudert, aber dann den Feuerzauber als gebrochener Mann über sich ergehen lassen muss, zusammengekauert an der Rampe.
Terfels Bassbariton gehört nicht zu den Wotan-Orgeln und -Posaunen, die allein mit vokaler Masse das Orchester in Schach halten und das Publikum an einen Bühnengott glauben lassen. Im pathologisch zugespitzten Wutanfall über Brünnhildes Ungehorsam, in der abgrundtiefen Verachtung gegenüber Hundings Dumpfheit und auch in den weitgespannten Legatobögen des Abschieds findet er gleichwohl zu herrlich kernigen, bronzenen Tönen, die sich nie nur selbst gefallen. Aber die Ausdrucksfülle, die emotionale Transparenz und Intelligenz, die keiner Silbe den musikalischen und dramatischen Sinn verwehrt, sind die des Liedsängers.
Achtung, Verletzungsgefahr?
Wie unentbehrlich ein solch subtiler Ansatz auch im Strudel Wagnerscher Orchesterklänge bleibt, ist in der gleichen Vorstellung zu erleben. Fricka, Wotans unnachgiebige Gemahlin, ist mit einem Stimmphänomen besetzt: mit Stephanie Blythe, der glatt zuzutrauen wäre, jeden Kanonendonner zu übertönen. Ein überwältigender Auftritt, keine Frage. Abgesehen davon, dass kein Wort zu verstehen ist, bleiben bei ihr jedoch auch die musikalischen Gedanken verborgen, mag ihr sagenhaft opulenter Prachtmezzosopran noch so verführerisch funkeln.
Zwischen Terfel und Blythe, den beiden extremen sängerischen Polen eines auch sonst seltsam zerklüfteten Abends, schlägt sich Jonas Kaufmann, ungeachtet seines Status als aktueller Toptenor, auf die Seite des fein abgestuften Liedgesangs. Auch ihn prägen Spürsinn und Leidenschaft des wissenden Sängers, der Siegmunds schnell aufkeimende Schwesterliebe nicht weniger berührend in Töne fasst als sein heldisches Aufbegehren. Wie Terfel ist Kaufmann kein Stimmkraftsportler, auch wenn er die Rufe nach Vater Wälse wirkungssicher mit endlosen Fermaten versieht. Wunderschön strömt sogar da noch sein samtig eingedunkelter Tenor, und dennoch ist ihm der tief liegende Part nicht in die Stimme geschrieben. Achtung, Verletzungsgefahr?
Als Sieglinde konnte Eva-Maria Westbroek nur ahnen lassen, was sie vermag. Sie musste wegen Indisposition vom zweiten Akt an durch Margaret Jane Wray vertreten werden, ganz und gar verlässlich. Brünnhilde ist erstmals Deborah Voigt, um die es im Voraus einiges Bangen gab. Ihr Sopran hat viel vom Glanz und der Üppigkeit früherer Tage verloren, und wo, wie in der Todesverkündigung, die Mittellage zum sonoren Tragen kommen sollte, fehlt jetzt die klangvolle Substanz. Es hilft nicht, dass Wagners Verse nur sorgsam artikulierte Wörter bleiben. Immerhin setzt die Voigt alles daran, sich darstellerisch in eine Walküre zu verwandeln, die ihrem kriegerischen Naturell eine burschikose Komik abtrotzt. So darf sich ihr letztes Hojotoho in einen spitzen Schrei verwandeln, weil Wotan, der noch gutgelaunte Papa, ihr gerade mit seinem Speer einen herzhaften Klaps auf den Hintern versetzt hat.
Das geräuschvolle Dings namens „The Machine“
Der Einfall gehört zu den raren Augenblicken, in denen Robert Lepage sich als Regisseur überhaupt bemerkbar macht. Überraschen will er uns nachher noch mit einem Wotan, der den sterbenden Siegmund väterlich in die Arme schließt und den Streit mit Fricka zu schlichten versucht, indem er sich seiner alten Verführungskünste entsinnt. Es menschelt beträchtlich im Götterreich.
Aber viel öfter stehen Götter, Halbgötter und Menschen einfach herum oder formieren sich zu Bildern, die uns auch in angegilbtem Zustand vertraut sind. Personenregie findet so gut wie nicht statt. Niemand wird Lepage deswegen vorwerfen, er habe sich zu sehr um die enorme Bühnenmechanik gekümmert. Denn der Technokoloss, der in seiner industriell glatten, viele Millionen Dollar teuren Wucht die Bühne ausfüllt, gerät nur recht sporadisch in Bewegung. Ein einziges Mal bringt er das Publikum zum Staunen, Kichern und Klatschen, als die vierundzwanzig Wippschaukeln des keineswegs geräuschlosen Dings, das in „Das Rheingold“ enthüllt wurde (Die neue „Met“: Männer, die mit Stäben steuern) und seitdem an seinem Standort bloß noch „The Machine“ heißt, die Walküren zum Ritt einladen und den Kriegerinnen auch noch als Rutschbahnen dienen, über die sie wieder festen Walkürenfelsenboden erreichen. Verblüffend bei einem mit allen Show- und Avantgardewassern gewaschenen Mann wie Lepage ist freilich, wie atmosphärisch öde die Bühne trotz aller Videoprojektionen von Schneestürmen und Lawinenabgängen bleibt. Als grasgrüner Lichtstreif lacht der Lenz ausgesprochen flau in den Saal.
Der Knalleffekt kommt erwartungsgemäß zum Schluss, mit dem Feuerzauber, währenddessen sich „The Machine“ bis hinauf in den Bühnenhimmel reckt und um Brünnhildes Double herum, das kopfüber in der Maschinenmitte hängt, in Rauch und Flammen gerät. Akrobat, schön! Fünf Stunden müssen wir darauf warten, aber James Levine verkürzt uns im Orchestergraben die Zeit, und zwar bisweilen, indem er den musikalischen Puls stark verlangsamt. Die meditativen Passagen kommen fast zum Stillstand, und auch der schimmert selbst an einem nicht mustergültigen Abend noch in den delikatesten Farben und kostbarsten Verwebungen. Levine bietet Wagner einmal mehr als sensualistisches Ereignis. Auch in seiner zweiten „Ring“-Lieferung hat Lepage dem nichts Ebenbürtiges entgegenzusetzen oder hinzuzufügen. Solange Terfel sich mit Levine verbündet, ist „The Machine“ überflüssig.
Das hört sich doch fast gut an
Benedict Weichert (B-Weichert)
- 26.04.2011, 01:41 Uhr