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Bockenheimer Depot : Die Schienen sind die Saiten

Bademäntel inklusive: Szene aus „Das Ministerium der verlorenen Züge“ Bild: Robert Schittko

Alles hinter sich lassen: Péter Kárpátys „Das Ministerium der verlorenen Züge“ im Bockenheimer Depot.

          Mit der Transsibirischen Eisenbahn zu reisen war schon zu Zeiten des Eisernen Vorhangs ein Abenteuer, das gerade westliche junge Menschen gerne suchten. Sich in endlosen Weiten verlieren, nicht wirklich ein Ziel haben, eintauchen in eine fremde Welt in Bewegung, dazu ein monotoner Sound: Die Schienen sind die Saiten, der Zug ist das Plektrum, heißt es in „Das Ministerium der verlorenen Züge“ von Péter Kárpáty, das eher einer surrealen Revue mit vielen komischen Momenten gleicht als einem herkömmlichen Theaterstück. Es wird viel gesungen, „All that Jazz“ beispielsweise am Anfang und am Ende und zwischendurch immer wieder russische Volksweisen, für die eigens ein kleiner, als Passagiere kostümierter Chor engagiert wurde.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Jetzt hatte das Auftragswerk als Produktion des Frankfurter Schauspiels im Bockenheimer Depot Premiere, Regie führte Viktor Bodó. Er, der Autor und ein paar andere, die mit der Inszenierung zu tun haben, waren im Mai dieses Jahres von Moskau nach Peking gefahren, um sich Anregungen zu holen. Zu Beginn werden auch die Erwartungshaltungen in Szene gesetzt, mit denen die Fahrgäste ihren Aufbruch verbinden, die Nervosität und Hochgestimmtheit, das Glück, endlich abzufahren und alles hinter sich zu lassen.

          Romantische Eskapisten

          Die strenge Schaffnerin Olga Fjodorowna (Katharina Linder), die eine zentrale Rolle an diesem Abend spielen wird, gehört mit ihrer schmucken Uniform zur postsowjetischen Folklore, der sich die Zuggäste ausliefern, sobald sie sich auf diese berühmte Strecke begeben, die durch 87 Städte und über „16 riesige Flüsse“ führt, so sagt es ein Reiseleiter. Wir werden ihm später nicht mehr begegnen, und auch andere Personen in diesem figurenreichen bewegten Tableau haben Auftritte, die zu nichts weiterem führen.

          Zwei Stunden lang eilt der Zug durch Tag und Nacht, durch Träume und Albträume, durch das real existierende und durch das imaginierte Russland, das in Bildern und Tönen lebt. Mit Moritz (Sebastian Reiß) aber schicken die Theatermacher einen deutschen Schriftsteller auf die Reise, einen auf der Flucht vor dem eigenen Ich im Zug gelandeten romantischen Eskapisten in der Nachfolge des Eichendorffschen Taugenichts: „Ich bekomme körperliche Schmerzen, wenn ich eine Aufgabe zu erfüllen habe.“ Immerhin macht er sich Notizen, ein bisschen Prosa möchte er schreiben, verwirft diesen Gedanken aber rasch und entscheidet sich für die dramatische Form, doch in der Bahn wird er ständig abgelenkt, muss mit den Fahrgästen im Abteil Wodka trinken und wird von Figuren, die er sich gerade ausgedacht hat, in Atem gehalten.

          Transit, Übergang, Reise, Ziellosigkeit

          Die Zuschauer blicken zunächst auf einen Waggon, der sich alsbald seines blechernen Äußeren entledigt und den Blick auf drei Schlafabteile freigibt, in denen sich die zusammengewürfelte Reisegesellschaft ihren sexfreien Vergnügungen hingibt. Eine große Projektionsfläche bildet die zweite Ebene, auf ihr wird das Geschehen auf der Bühne verdoppelt, die Kamera, die stets mit dabei ist, legt den Fokus auf Details, oft aber rauscht auch einfach die Landschaft als Film vorbei. Die Illusion von Bewegung und die Erzeugung von Rhythmus werden von den ersten Szenen an zu Themen, mit Kopfwackeln zur Russendiskomusik oder realen Darstellern in Slow Motion.

          Eine Fülle von Einfällen erfreut das Publikum, auf das sich einmal die Aufmerksamkeit der Schauspieler und die Scheinwerfer richten: Da sitzt die dritte Klasse. Aber zwischen dem Kampf der Raucher mit der Schaffnerin, einem Schauspieler, der mit seiner ungeschriebenen Rolle hadert, einem Schamanen, von dem irgendwie auch keine Rettung zu erwarten ist, und etlichen anderen Personen und Motiven ist kein Platz für eine Geschichte. Das muss vielleicht auch nicht sein. Immerhin tanzen hier die Metaphern. Transit, Übergang, Reise, Ziellosigkeit, das ist das Leben. Und selten einmal wurde das so amüsant verhandelt.

          Quelle: F.A.Z.

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