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Oper über Flüchtlinge in Malta : Wir sitzen alle im Schlepperboot

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Eine Flüchtlingsfrau muss im Lager erleben, dass ihr radikalisierter Bruder im Streit ihren Vater tötet. Szene aus der Oper „Ahna Refugjati“. Bild: Foto Matthew B Spiteri

In der Europäischen Kulturhauptstadt Valletta wird eine Oper über Flüchtlinge uraufgeführt. Sie vermittelt in Malta populäre Botschaften, lässt die Guten aber dumm aussehen. Und das Publikum bleibt aus.

          Am Ende steht Karl allein auf der Open-Air-Bühne. Karl ist der Unterstützer, der Vertreter der Nichtregierungsorganisation, der „Gutmensch“, der die Sache falsch eingeschätzt hat. Von der syrischen Familie sind fast alle tot. Aus den Sitzreihen kommt höflicher Applaus für die über 120 Darsteller, darunter zehn Sänger, den Dirigenten Richard Merrill Brown, den Komponisten Mario Sammit und den Librettisten Mario Philip Azzopardi. Letzterer ist auch Künstlerischer Leiter von „Valletta 2018“ und hat noch bis zur letzten Minute höchsten Marketingaufwand für seine Produktion betrieben. Mit reißerischen Trailern wurde „Ahna Refugjati“ („Wir sind Flüchtlinge“) zur Primetime im maltesischen Fernsehen beworben. Trotzdem blieb die Kartennachfrage deutlich hinter den Erwartungen zurück, und das, obwohl viele Familienmitglieder der Chorstatisten die rund achthundert Plätze füllten – und Migration in Malta ein gesellschaftliches Dauerthema ist.

          Der Kleinstaat im Mittelmeer erlebte seinen Höhepunkt der Asylanträge 2008. Damals waren es vor allem Somalier und Eritreer, die die Insel per Boot erreichten. Im vergangenen Jahr baten laut der Flüchtlingsstatistik der Vereinten Nationen hauptsächlich Syrer und Libyer um Asyl, 1616 Menschen insgesamt. Dabei ist für viele der 476 000 Einwohner die Grenze schon lange erreicht: Malta ist der am dichtesten bevölkerte Staat der Europäischen Union. Wenn also ein NGO-Schiff wie die „Aquarius“ im Juni mit 629 Geretteten Einfahrt in den Hafen begehrt, ist das im Vergleich zur Bevölkerungszahl so, als ob auf einmal fast 110 000 Flüchtlinge an einem deutschen Grenzübergang stehen würden. Drei Jahre lang kamen fast keine „irregulären Einwanderer“, so die offizielle Bezeichnung, mehr auf dem Seeweg. Währenddessen macht die Küstenwache Dienst nach Vorschrift und sammelt Menschen in Seenot in ihrem Hoheitsgebiet auf. Manchmal, wie Mitte August, als die „Aquarius“ wiederum die Medienaufmerksamkeit auf sich zog, lehnte ein Migrantenboot maltesische Hilfe aber auch ab, um seinen Weg nach Italien fortzusetzen.

          Vorbild Italien

          „Salvini hat recht“, sagt der Besucher Carmel in der Opernpause und meint damit den italienischen Innenminister und sein hartes Vorgehen gegen Migranten. Die maltesische Labour-Regierung unter Premierminister Joseph Muscat verfolgt eine ähnliche Linie, wenn auch diplomatischer. Seinen Landsleuten versichert er, rechtlich und moralisch korrekt zu handeln. Doch die Häfen bleiben den NGO-Schiffen inzwischen verschlossen, es sei denn, die Flüchtlingsverteilung innerhalb der EU ist geklärt. Dabei betont Muscat gebetsmühlenartig, dass der Weg über Verhandlungen führe und Malta immer seinen Verpflichtungen gegenüber der EU und der internationalen Gemeinschaft nachkomme.

          Manche werten dies als eine Strategie des Vierundvierzigjährigen, ein möglichst gutes Bild in Brüssel abgeben zu wollen, um sich für eine spätere EU-Karriere zu empfehlen. Die Perspektiven der eigenen Kinder haben hingegen oft Malteser im Blick, die Migranten vorwerfen, sie nähmen ihnen die Jobs weg. Und immer schwingt die Angst vor der Islamisierung mit, auf Inseln, die über Jahrhunderte gegen Angreifer aus dem arabischen Raum zu kämpfen hatten.

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