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Berliner Rundfunkorchester : Es gibt ihn noch, den romantischen Überschwang

Die Ökonomie der Gesten erreicht den Grad eines perfekten Designs: Vladimir Jurowski dirigiert das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin im Konzerthaus am Gendarmenmarkt. Bild: Bettina Stöß

Die neuen Chefdirigenten der Berliner Rundfunkorchester stellen sich vor: Vladimir Jurowski und Robin Ticciati. Der eine treibt die Motorik bis zur Weißglut, die Spontaneität des anderen fordert seinen Klangkörper heraus.

          Hamburgs Elbphilharmonie, so prächtig sie aussieht, muss erst noch beweisen, dass sie mehr ist als ein Fetisch des Fremdenverkehrs. Werden all die Gäste von Hausführungen, all die Spaziergänger auf der Außenplaza auch zu Konzerthörern? Auf den Gästen aus der Ferne ruht die große Hoffnung der Betreiber. Bis jetzt nämlich hat Hamburg, was Berlin nicht hat: ein chronisches Akzeptanzproblem von Orchesterkonzerten beim regionalen Publikum.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Bei etwa siebzig Prozent dümpelten in den letzten Jahren die Auslastungszahlen vor sich hin. Damit steht Hamburg am unteren Ende der Bundestabelle, die angeführt wird von Berlin, wo der Zuspruch zwischen achtzig und neunzig Prozent liegt. Die Anteilnahme der Berliner am Schicksal der drei Opern-, zwei städtischen und zwei Rundfunkorchester ist leidenschaftlich und neugierig. Man merkt es gerade in diesen Tagen, wo künstlerisch so viel im Umbruch ist.

          Marek Janowski zum Beispiel, der vierzehn Jahre lang an der Spitze des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin (RSB) stand und sich vor zwei Wochen erst mit Beethovens Neunter von seinem Ensemble verabschiedet hatte, kehrt plötzlich als Gast zu den Berliner Philharmonikern zurück. Nach 23 Jahren. Kurzfristig wurde jemand gebraucht, der statt des erkrankten Riccardo Chailly das Requiem von Giuseppe Verdi dirigieren konnte. Janowski kann es. Und wie!

          Jetzt versetzt er alle in Erstaunen

          Er strafft die Zügel, schafft gleich im ersten Abgang der Violoncelli ein hartes, kein zartes Pianissimo. Das Orchester und der Rundfunkchor Berlin, von seinem neuen Chef Gijs Leenaars auf maximale Einsatzbereitschaft trainiert, lassen bald darauf die Akzente zügig zucken, immer genau auf Lücke. Aber diese Präzision hat nichts Maschinelles. Sie erzählt von Trauer als Widerfahrnis, nicht als Ausdrucksverhalten oder Pose. Hier überfällt etwas den Körper und lässt ihm keine Wahl. Alles steht unter Druck.

          Die Philharmonie ist voll. Auch Hans-Dieter Sense, vor einem Jahr noch Geschäftsführer der Bayreuther Festspiele, und Willi Steul, bis zum 1. Mai noch Intendant des Deutschlandradios, lassen sich das Ereignis nicht entgehen. Beide wissen, dass Janowski ein dirigentisches Schwergewicht ist. Jetzt, mit fast 78 Jahren, versetzt er in Bayreuth, wo er vergangenen Sommer Richard Wagners „Ring“ von Kirill Petrenko übernahm, und Berlin alle in Erstaunen, die ihm bislang nur lokale Relevanz zugestehen wollten.

          Er weiß, wie seine Schlagtechnik aussieht

          Das RSB hat er jedenfalls weit nach vorn gebracht. Und nun, da sich auch sein designierter Nachfolger auf dem Posten des Chefdirigenten, Vladimir Jurowski, erstmals seit der Vertragsunterzeichnung vorgestellt hat, lässt sich schon sagen: Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin wird seinen Vorsprung ausbauen und in harte Konkurrenz zu Spitzenensembles wie dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks treten, woran früher nicht zu denken war. Jurowski setzt Janowskis Arbeit fort, interessiert sich für die Moderne jenseits von Schönberg und Strawinsky, nämlich für Paul Hindemith und Bohuslav Martinů; und er setzt die Rehabilitierung Sergej Rachmaninows fort, für dessen Spätwerk schon Janowski mit Ausdauer gekämpft hatte.

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