03.08.2007 · Sie wählen Filme und Bücher für ihre Bühnenstücke. Wo aber sind die interessanten Autoren? Gerhard Stadelmaier blickt voraus auf das, was uns in der kommenden Saison in den deutschsprachigen Theatern erwartet.
Von Gerhard StadelmaierManchen Theatern scheint es so schlecht zu gehen, dass sie sogar ihr Publikum mitspielen lassen. Nicht aber wie früher neckisch aktionistisch, als der kurz auf die Bühne Gebetene schnell wieder im Zuschauerraum („Danke schön!“) Platz nehmen durfte, sondern richtig mit Auftrittsverpflichtung. Es herrscht im subventionierten Betrieb eine gewisse Sehnsucht nach richtigem Laienspiel, also nach Verrat: an der Kunst. Und nach Selbstaufgabe: hin ans unverdichtete Leben.
Wo schon in den letzten Spielzeiten in Hamburg und Essen die Theater auf Stadtteilspaziergänge mit starker Eingeborenenbeteiligung gingen oder wo wie in Mannheim Lokallaienpolitiker ihren Senf zu Machtfragewürstchen gaben, was dann seltsamerweise „Wallenstein“ genannt wurde – da wird im Verlauf dieser Mode, die allerorten unter dem Verblendungsbegriff „Projekt“ firmiert und wohl auch der Gagenersparnis diente, in der kommenden Saison in Köln schon mal „Passanten Bares geboten, damit sie bei der Show mitmachen“. Wie in den Nachmittagssendungen des Fernsehens werden da „wirkliche Menschen“, nicht Theaterfiguren „gecastet“, damit diese „ihr Gesicht hergeben“. Titel: „In diesem Kiez ist der Teufel eine Goldmine“.
So kommt Zeitgeschichte ins Theater
Wobei die Goldmine im Schauspiel Stuttgart thematisch doch etwas verminter scheint. Dort werden ortsansässige Laien anlässlich einer „Peymann-Beschimpfung“ und eines RAF-Vorhabens des Staatsschauspiels mit dem Titel „Endstation Stammheim“ die Briefe auf der Bühne vorlesen, die der Schauspieldirektor, der im Herbst vor dreißig Jahren eben zur heute jubiläumsreifen RAF-Zeit im Hause amtete, erhielt, weil er zu einer Zahnheilspende aufrief, die der in Stammheim einsitzenden Terroristin Gudrun Ensslin zugutekommen sollte. Was aus Peymann einen Märtyrer machte, der von rechten Politikern „aus der Stadt vertrieben“ ward. Wovon er noch heute nimbusmäßig zehrt, weshalb er die laienhafte „Peymann-Beschimpfung“ sofort in sein professionelles „Berliner Ensemble“ einzuladen versprochen hat. So kommt Zeitgeschichte ins Theater.
Die Frage sei doch: „Was steckt hinter den Anderen? Hinter den Gesichtern und Gesten?“ So fragt sich der Prospekt des Schauspiels Köln, das das „Leben eines einzelnen, gemeinen Menschen erzählen“ will, wobei der lettische Regisseur Alvis Hermanis in der „Kölner Affäre“ zwei seiner Schauspieler auf die Straßen schickt, wo sie „einen beliebigen Mann und eine beliebige Frau“ auftreiben sollen, mit deren Leben sie dann „verschmelzen“. Das sei „mehr wert als der ganze Goethe“ (Hermanis). So will man sich „die Gesellschaft“ mit dem, was sie drückt und plagt, ins Theater holen. Und fühlt sich dabei so herrlich authentisch, durch keinerlei Drama gestört. Das Theater Freiburg geht dabei so weit, krebskranke Jugendliche für ein derartiges gutes Theatergefühl zu gebrauchen.
Das Dramatische medial ersetzen
In Sachen Laien aber geht das Schauspiel Graz am weitesten. Es fordert Blogger (Leute also, die im Internet zu allem Beliebigen beliebig was zu sagen haben) aus Ostblockländern auf, dem Haus ihre Internet-Ergüsse zuzumailen, woraus es dann immerhin „richtige Dramen“ zu basteln verspricht. So passt das Laienbeitragswesen im Zuge der allmählichen Selbstauflösung der Theater zu einer zweiten Tendenz: das ureigenste Dramatische medial zu ersetzen, es aus Film und Roman zu beziehen. Roman- und Filmbearbeitungen nehmen denn auch in der kommenden Saison noch einmal drastisch zu und also auch die Möglichkeiten, einen Stoff frei und unbehindert von lästigen Stückstrukturen zu behandeln, den Regisseur an die Stelle des Autors zu setzen und die Vorlage nur noch als Eintrittskarte für den Materiallieferanteneingang zu betrachten.
Dabei kommt es zum Kuriosum, dass, bevor noch Lars von Triers neuester Film „The Boss of it All“ in die deutschen Kinos kommt, das Nationaltheater Mannheim diesen Plot aus der Wahnwelt der Wirtschaft, bei dem ein erfundener Chef durch eine Firma spukt und „peinigende Verwirrungen und tiefe Wunden“ hinterlässt, zur Uraufführung bringt. Derart übertrumpft das Theater das Kino, das es abkupfert, wenigstens terminmäßig. Wobei von Trier mit seinen Außenseiterfiguren, die an einem geschlossenen System sich wundstoßen, mittels „Europa“ (Düsseldorf), „Manderlay“ (Stuttgart), „Breaking the Waves“ (Magdeburg) auch ältere Filme ins neueste entdramatisierende „Uraufführung“-Rennen der Theater schickt. In Dresden und Krefeld konkurriert er zudem mit Florian Henckel von Donnersmarcks jüngst oscargekröntem „Leben der anderen“ (einer Spionagetragödie), in Kassel mit François Ozons „5 mal 2“ (einer Ehekatastrophe) und in Mainz mit Bernd Langes und Hans-Christian Schmids „Requiem“ (einer Exorzismusstory) – Stoffe und Konflikte, die sich das Theater ausborgt, als habe es selber keine.
Lieber lesend zu Hause bleiben
Bestseller freilich sind nicht nur beim Filmimport bevorzugt. Clemens Meyers „Als wir träumten“, der Roman einer verzweifelten Ostjugend, wird in Leipzig uraufgeführt, „Popeye, der Spinatmatrose“ nach dem Comic von E. C. Segar kommt in Freiburg heraus, wo man sich auch uraufführungsweise an Nobelpreisträger Orhan Pamuks „Schnee“-Roman macht, während der Arztgattin Andrea Maria Schenkels auflagenstarker Dorfkrimi „Tannöd“ in Dresden und in Innsbruck mit dem ungeklärten Grausamkeitsmord von 1922 im bayerischen Hinterkaifeck Furore machen soll, das Wiener Burgtheater die „Brüder Karamasow“, die Münchner Kammerspiele Joseph Roths „Hiob“, das Schauspiel Essen A. L. Kennedys „Paradies“, das Berliner Deutsche Theater den Skinheadroman „No Llores (Weine nicht)“ von André Pilz, das Hamburger Schauspielhaus Rocko Schamonis „Dorfpunks“ uraufführen werden. Womöglich wird man an vielen Premierenabenden lieber lesend zu Hause bleiben können.
Der Rest aber, das Terrain also, das die Theater mit Ureigenem neu betreten, ist: vorwiegend Gemetzel. Im Familienrahmen. Oder es sind Absahnereien einer thematische Aktualmode, die gerade um die politische Diskurs- oder Prominentenecke herum liegt: Felicia Zeller zum Beispiel holt in „Kevin – tot zu Haus“ (Uraufführung in Freiburg) das Thema Kindesmisshandlung von den Dachzeilen der Boulevardpresse auf die Bühne, und Christoph Nußbaumeder spendiert in „Jetzt und in Ewigkeit“ (Uraufführung in Mannheim) dem Benedikt-Nachfolger Innozenz XIV., dem ersten amerikanischen Papst, gleich auch noch einen komisch staubigen Bruder aus Iowa. Man bedient sich halt auch da, wo man den Coup wittert.
Komödiantischer Geniestreich
Den – qualitativen – Coup der letzten Saison versuchen in der kommenden sage und schreibe fünfzehn Bühnen nachzumachen, die Yasmina Rezas „Gott des Gemetzels“ huldigen, jenem komödiantischen Geniestreich, der zwei Ehepaare im Streit um ihre Bengel-Buben vernichtet und damit das Familienterrain so katastrophisch wie lachbar definiert. Roland Schimmelpfennig macht in „Calypso“, uraufgeführt vom Hamburger Schauspielhaus, zwei Familien nach einem Bootsunfall auch seelisch ziemlich nass und lässt im „Reich der Tiere“, uraufgeführt am Berliner Deutschen Theater, eine Schauspielerensemble-Familie in die Arbeits- und Sinnlosigkeit fallen, in „Start up“ aber, das in New York uraufgeführt und in Mannheim nachgespielt wird, junge deutsche Existenzgründer, die eigentlich nur Theater machen wollen, in Amerika in alle möglichen Ökonomien hinein auseinanderbröseln. Ebenfalls dringt in „Einem Teil der Gans“ von Martin Heckmanns, uraufgeführt vom Deutschen Theater in Berlin, das Fremde komisch ins Heimische in einem komödiantischen Abendesseneinladungsuntergang: Die familiäre Welt bleibt noch in ihrer Apokalypse lächerlich unter sich.
Wobei selbst die große Welt alten Familiendramenmustern folgt: Zehn Bühnen bringen Wajdi Mouawads „Verbrennungen“ heraus, das Stück, das den israelisch-palästinensischen Bürgerkriegshorror in eine Ödipus-Form gießt: Folterterrorchef schwängert eigene Mama, von der er nicht weiß, dass sie seine Mama ist; seine Geschwister suchen nach dem Tod der Mutter nach ihm.
Eingerissene Sicherheitszäune
Neben dem Nahost-Konflikt sind die Globalisierung und der Kapitalismus in Philipp Löhles „Kauf-Land“ (Uraufführung in Osnabrück) und Jan Neumanns „Kredit“ (Uraufführung in Frankfurt) ein Geld- und Menschenwertvernichtungsstoff, kämpft (ebenfalls in Frankfurt) Simon Solbergs „Don Quijote“ gegen die „Windmühlen der G8, bis diese mucksmäuschenstill stehen“, lässt Nuran David Calis in der „Stunde Null der Gastarbeit“ in Köln die Ausgebeuteten zu Wort kommen, während in Falk Richters „Ausnahmezustand“ (Uraufführung an der Berliner Schaubühne) die Ausbeuter in einer völlig abgeschotteten Sicherheitszone darauf warten, dass die Elenden aller dritten Welten ihre Sicherheitszäune einreißen.
In Hannover dagegen sitzt einer untergehenden Gesellschaft der Tod in Tankred Dorsts demographischem Endmärchenspiel „Ich bin nur vorübergehend hier“ nicht mehr im Nacken, sondern auf einem Baum und sieht zu, wie die Alten nicht sterben können. Ein Problem, das den jungen dänischen Dramatiker Christian Lollike in „Verzeihung ihr Alten, wo finde ich Zeit, Liebe und ansteckenden Irrsinn?“ zu einer Pflegeheimfarce, uraufgeführt im Berliner Gorki, animiert hat. Wogegen das Autorenkollektiv „Sören Voima“ in seinem „Eos“, uraufgeführt in Stuttgart, einen unsterblichen Alten im Altersheim als Zikade unendlich nicht enden lässt.
Mirjam Neidhart geht in „Torschusspanik. Intime Einsichten in die Reproduktionskrise“ (Uraufführung in Biel-Solothurn) das Problem von der anderen Seite an und lässt die Schweizer, die keine Kinder mehr wollen, aussterben, während Lutz Hübner in „Blütenträume“ (Uraufführung in Essen) der „Generation Silver Sex“ (das sind Leute über fünfzig) immerhin noch einen Flirtkurs und eine wilde, geile Party im Wald erlaubt. Auch in Polle Wilberts „Tag der jungen Talente“, uraufgeführt in Nürnberg, wird das Beerdigungsinstitut zu einem „fröhlichen Ort der Geborgenheit und der Seelenhygiene“.
Offenbar stirbt es sich auf dem Theater doch am schönsten. Es brauchte dazu weder Film noch Roman. Und schon gar keine Laien.