15.07.2009 · Die Theater springen in der kommenden Saison auf alle möglichen Trittbretter des kapitalistischen Katastrophenzugs und haben sich ein paar pfiffige Slogans überlegt. Elfriede Jelineks „Kontrakte des Kaufmanns“ ist das Stück der Stunde, die Dramatisierung großer Romane schreitet voran.
Von Gerhard StadelmaierEs wird wohl eine kuriose Spielzeit: Noch nie in der jüngeren Theatergeschichte wurde an so vielen Orten neu begonnen, wechselten so viele Schauspielchefs karussellmäßig ihre Wirkungsstätten wie in diesem Herbst, geht der Hannoveraner nach Dresden, der Berliner nach Frankfurt, der Zürcher nach Wien, der Basler nach Hannover, die Berlinerin nach Zürich, der Hamburger nach Berlin, der Wiener nach Hamburg. Aber selten noch waren Programme und Konzepte so austauschbar.
Abgesehen davon, dass sich viele Häuser aus einem Pool ewig gleicher, ringsum vielbeschäftigter, markt- und markengängiger Regisseure (Thalheimer, Kimmig, Kriegenburg, Pollesch, Bosse) bedienen, wirken die deutschsprachigen Theater samt und sonders, als knieten sie fiebrig erstarrt in den Startlöchern, aus denen heraus sie dem großen Krisenzug hinterhersprinten. Dessen Trittbretter sind eindeutig ihre saisonalen Sehnsuchtsziele.
Unterwäsche und Kapitalismus
Wenn der neue Intendant des Hamburger Thalia Theaters seine erste Spielzeit eröffnet, darf das Publikum auf die Bühne. Jeder, der will, kann dann dort („höchstens aber drei Minuten lang“) etwas aus dem „Hamlet“ vortragen. Der Intendant denkt wohl an „Sein oder nicht sein“. Könnte aber durchaus sein, dass der eine oder andere ökonomische Hamburger den sarkastischen Einwand Hamlets zu den Gebräuchen am Hof zu Helsingör zitieren möchte, wo man die Teller zum Leichenschmaus gleich für die Hochzeitstafel gebraucht und der Dänenprinz seinem darob erstaunten Studienfreund mit „Wirtschaft, Horatio, Wirtschaft!“ Bescheid stößt. Dieser Hamlet-Ruf könnte zum Saison-Trompetenstoß überhaupt werden.
Noch selten haben sich die Theater derart ums Ökonomische geschert wie in der kommenden Spielzeit. Der Kapitalismus ist ihr liebster Hauptdarsteller. Geld, das von den Theatern bisher immer nur in Form von Subventionen diskutiert ward, spielt jetzt auch inhaltlich eine große Rolle. Das Schauspiel Frankfurt nennt eines seiner Vorhaben gleich nur „Geld“. Das Staatstheater Schwerin wagt ein „Lob des Kapitalismus“, das es in den Räumen der Alten Staatsbank verkündet. Das Schauspiel Zürich untersucht in „Calvinismus Klein“ den „Zusammenhang zwischen Unterwäsche und Kapitalismus“ und dramatisiert Gottfried Kellers Roman „Martin Salander“ ausdrücklich unter dem Vorzeichen einer „grimmigen Wirtschaftsethik“, gespiegelt in der Geschichte eines Mannes, der „zweimal um sein Kapital gebracht“ worden sei.
Glaube, Liebe, Schulden
In Mainz heißt das Spielzeitmotto (ohne Kommata) „Geld Macht Gier“, wo man mit der „Uraufführung“ von Pier Paolo Pasolinis Drehbuch zum „Heiligem Paulus“ den „Widerstand gegen die kapitalistische Zivilisation aus dem Christentum“ begründen möchte. In Stuttgart lautet das Motto (mit Kommata) „Glaube, Liebe, Geld“, wo das Ensemblemitglied Harald Schmidt („Nach der Krise ist vor der Krise“) seinen „Tanz auf dem Vulkan“ nach dem Ufa-Film von 1938 tanzen möchte, wobei hier im Gegensatz zu Pasolini, der nur bis Mainz und nicht bis nach Degerloch kam, „Religion und Revue Stimmung machen, wenn Geld nichts mehr wert ist“. In Düsseldorf widmet man sich innerhalb von „Sojas Wohnung“, einer Satire von Michail Bulgakow, nicht nur einem getarnten Bordell, verkauften Frauen und einer Scheinwelt erschwindelten Wohlstands, sondern selbstverständlich vor allem den „Marionetten neoliberaler Politik“. Und Elfriede Jelineks in der letzten Saison in Köln uraufgeführte antikapitalistische Suada „Die Kontrakte des Kaufmanns“ werden nicht nur vom koproduzierenden Hamburger Thalia Theater, sondern auch in Nürnberg, Göttingen, Potsdam, Karlsruhe und Freiburg gespielt und sind somit der absolute Renner der Saison. Auch ihre „Abraumhalde Nathan“, eine Textflächenabrechnung mit der Toleranz-Figur (Uraufführung im Thalia, Hamburg), kann sich den Anti-Lessing nur antikapitalistisch vorstellen, à la „Anna, den Kredit hamma!“
Der Jelinekschen Vielgespieltheit kommt allenfalls das erst kürzlich uraufgeführte Stück „Genannt Gospodin“ des jungen Dramatikers Philipp Löhle nahe. Darin geht es um „die Eier des Kapitalismus, an denen man ihn packen kann“, ein Systemzwickversuch, der in Kassel, Magdeburg, Lübeck und im Hamburger Schauspielhaus nachgespielt wird, während das Deutsche Theater in Göttingen der georgischen Schriftstellerin Nino Haratischwili einfach den Auftrag gab, über „Lebensentwürfe und die Krise des Kapitalismus“ dramatisch etwas zu dichten. Was Frau Haratischwili (Jahrgang 1983) denn auch prompt versprochen hat, Genaueres aber noch nicht weiß.
Das Problem Chef und Mensch
Der Kapitalismus hat ja bekanntlich einen großen Magen und kann auch gerechtes Gut vertragen, so dass tatsächlich selbst Molières „Geiziger“ in einer „Uraufführungsfassung“ des Poptheoriepraktikers Peter Licht im Berliner Gorki-Theater der großen Krisenverwurstungsmaschine einverleibt wird. Diese Maschinerie bedienen auch die Münchner Kammerspiele mit dem „Belagerungszustand“ von Camus („zutiefst verunsicherte Gesellschaft in der Krise“) und das Darmstädter Staatstheater mit einer Koppelung von Shakespeares „Timon von Athen“ und Ben Jonsons „Volpone“ (in Form von „Elisabethanischen Variationen über das Geld“), ebenso die Städtischen Bühnen Münster mit Arthur Millers „Großem Krach“, der 1929 in der damaligen Krise spielt und eine Familie ins Bodenlose stürzen lässt.
Bremen verkündet gleich „Kein Kapital“, was in einem Stück von Branka Pvlic und Tamer Yigit sich auszahlen soll. Wohingegen der junge Dramatiker Thomas Freyer im Berliner Gorki-Theater uraufführungsmäßig „Im Rücken die Stadt“ hat, worin er sich fragt: „Wie lebt man dort, wo es keine Arbeit, keine Zukunft mehr gibt – in Bochum, Wittenberge, Chemnitz?“ Wobei man nicht gedacht hätte, dass es, vom Gorki-Berlin aus gesehen, wo man den „Crash einer Frivolitätsepoche“ in vollen Hauptstadtzügen zu genießen vorgibt, in Bochum schon so hoffnungslos zugehen soll. Dort wird immerhin Neil Simons und Billy Wilders „Appartement“ als „Bordell für Bosse“ entlarvt und Brechts „Puntila“ als Beitrag zum kapitalistischen Problem „Chef und Mensch“ durchgenommen, während Roland Schimmelpfennig den elften Gesang der „Odyssee“ als „Schnittstelle zwischen Vergangenheit und Zukunft“ dramatisieren darf. Womöglich wirkte dann von Bochum aus gesehen das Berliner Gorki-Unterfangen, in Rainald Grebes „Ökonomie des Lebens“ die ökologische Bewegung aus dem allgemeinen kapitalistischen Schlamassel zu retten, allzu illusorisch.
Die Blumen der Börsen
Da geht Hannover kapitalismus- und systemkritisch gleich ganz aufs Naturganze: „Wenn wir so weiter leben wie bisher, werden wir bald verschwinden.“ Weshalb das dortige Staatsschauspiel auf ein „Botanisches Langzeittheater“ setzt mit „Pflanzen als Hauptdarstellern“, in einer Uraufführung, die, dem Wachstum der Akteure entsprechend, von 2010 bis 2015 dauern wird. Man darf auf die Dialoge zwischen Rosen, Zypressen, Morcheln und Stinkwurz schon heute sehr gespannt sein! (Text liegt leider noch nicht vor.)
Natürlich erliegen die Theater nicht nur dem saisonalen Kapitalismus. Sie bleiben ihrer Lieblingsbeschäftigung dieser Jahre treu: der Dramatisierung von Romanen. Von Tolstois „Anna Karenina“ (Düsseldorf) über Manns „Felix Krull“ (Saarbrücken), Goethes „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ und Ingo Schulzes „Adam und Evelyn“ (beide Dresden), Bölls „Billard um halb zehn“ (Köln) bis hin zu Zolas naturgemäß auch wieder kapitalismus- und börsenchrashkritischem „Geld“ (Düsseldorf) und Christian Krachts epischem Versuch mit einer leninistischen Schweiz („Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“, Uraufführung in Basel) stehen an die dreißig szenische Epen-Verwurstungen an. Worunter „Durch die Wüste“ (Karl May, Mainz) sujetgemäß sicher die heißeste sein dürfte.
Schlange stehen an der Festung Europa
Wobei „Durch die Wüste“ durchaus als Motto über dem (auch nicht so ganz) kapitalismuslosen Rest der Beziehungs- und Gesellschaftsdramen stehen könnte. Schließlich verblutet ein chinesischer Immigrant im „Goldenen Drachen“ Roland Schimmelpfennigs (Uraufführung in Wien) in der Hitze einer europäischen Märchen-Garküche; lässt in Anna Rabes Drama „Als ob schon morgen wär“ (Uraufführung in Mannheim) ein überfordertes Pärchen ein Kind verhungern; verliert sich in Juliane Kanns „Birds“ (Uraufführung in Osnabrück) die verkrüppelte, lesbische, gewaltbereite, partyverseuchte, alkoholisierte Jugend; fechten in Rebekka Kricheldorfs Stück „Robert Redfords Hände selig“ (Uraufführung in Kassel) zwei Paare in einem Zelt in der namibischen Wüste unter glühender Sonne den Wettbewerb um die „Selbstdarsteller-Gutmenschen“ aus; bohren im „Öl“ des Lukas Bärfuss (Uraufführung im Berliner Deutschen Theater) Europäer in ihrem „besitzergreifenden Vordringen in die Fremde“ nach „Gier, Profit, Schuld und Hass“; lässt Dirk Laucke in „Für alle reicht es nicht“ (Uraufführung in Dresden) zwanzig illegale Chinesen in einem Lkw voller Zigaretten „an der Festung Europa Schlange stehen“; flüchten in Nis-Momme Stockmanns Stück „Das blaue, blaue Meer“ (Uraufführung in Frankfurt) Jugendliche ohne Ausbildung und Hoffnung entweder in den Selbstmord, in den Alkohol oder gleich in den Traum.
Man sieht: Die Wüste lebt. Und solange der Kapitalismus nicht stirbt und sie von seinem Dauer-Tod noch ganz gut leben, dürfen die Theater darin die Oasen spielen.