21.01.2012 · An der Metropolitan Opera dreht man für „The Enchanted Island“ Shakespeares „Sturm“ und seinen „Sommernachtstraum“ durch den Wolf. Auch bei der Musik wird ohne Scheu gemischt.
Von Jordan Mejias, New YorkWäre „The Enchanted Island“ ein zeitgenössisches Werk, müssten wir es wohl als „Mash-up“ oder „Remix“ bezeichnen. Was da am Samstag weltweit live aus der Metropolitan Opera in ausgewählte Kinos übertragen wird, ist zweifellos heute entstanden; dennoch besteht die Met darauf, es als Pasticcio zu verkaufen und im Programmheft als „Barocke Phantasie in zwei Akten“ zu deklarieren. Das liegt wahrscheinlich an der Handlung, für die Shakespeare Pate stand. Allerdings hat er es sich gefallen lassen müssen, dass zwei seiner berühmtesten Stücke, nämlich „Der Sturm“ und „Ein Sommernachtstraum“, von seinem multitalentierten Landsmann Jeremy Sams arg zerstückelt, aber nur sehr notdürftig wieder zusammengesetzt wurden - zu allem Unglück mit einem Hang zum Neckischen, der auf Lacher wie in der Sitcom spekuliert.
Es liegt aber auch an der Musik, die von nicht weniger als acht Komponisten stammt, von den Groß- und Kleinmeistern Händel, Vivaldi, Rameau, Campra, Leclair, Purcell, Rebel und Ferrandini. Unter den hier versammelten Arien, Duos und Quartetten aus ihrer Feder sind Kostbarkeiten versteckt, die der Barockspezialist William Christie nach Kräften aufpoliert - mit einem Orchester allerdings, das sich mächtig, aber nicht ganz erfolgreich anstrengt, über seine romantische Grundverfassung hinwegzutäuschen.
Nicht viel anders tönen die Sänger, zumal international gefragte Koryphäen wie der beseelte Countertenor David Daniels, die höchst entflammbare Mezzosopranistin Joyce DiDonato und die pikante „Kolorateuse“ Danielle de Niese. Sie alle lassen es sich nicht nehmen, die barocken Vorlagen belkantesk zu veredeln. Weniger betörend ist der überschaubare Beitrag des vielleicht doch nicht völlig unverwüstlichen Plácido Domingo, der sich als Neptun mit Stentortönen in eine textverheddernde Götterkomik rettet.
Die beiden Szenen, die ihm zu Füßen gelegt werden, steigern den Fantasy-Barock, den der Regisseur Phelim McDermott und sein Bühnenbildner Julian Crouch im Geiste Disneys ersonnen haben, zu einer opulenten Unterwasserrevue mit vier Luftgymnastikerinnen als Meerjungfrauen. Worauf das Publikum so tut, als hätte es drei von ihnen noch nie im „Rheingold“ gesehen, und klatscht die Musik einfach zielstrebig weg.
Musikdramatisch bleibt das Stück ohnehin ein blasses Divertissement, das weder an die besten Opern der Epoche heranreicht noch für die an sich reizvolle Tradition des Pasticcios zu werben versteht. Weshalb also diese Entdeckungsreise? Ist es womöglich bloß das Prestige einer „Uraufführung“, nach dem sich ein Haus sehnt, das neue Partituren selten willkommen heißt? Da hätte auf der Zauberinsel schon noch etwas mehr gezaubert werden müssen.