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Ein Jahr Elbphilharmonie : Klassik light

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Die Elbphilharmonie im Abendlicht: „Ein Teil von ihnen wohnte sogar einem Konzert bei.“ Bild: Axel Heimken

Seit einem Jahr werden Konzerte in der Hamburger Elbphilharmonie gespielt. Ständig ist das Haus ausverkauft. Doch vielen Gästen scheint egal zu sein, was sie zu hören bekommen.

          Ein nasskalter Wind zieht an diesem Dezembermorgen über die für rund zwölf Millionen Euro gebaute Mahatma-Gandhi-Brücke, die vom Sandtorkai zum Platz der Deutschen Einheit führt – zur Elbphilharmonie. Vor den Drehkreuzen am Eingang hat sich wieder eine lange Schlange von Besuchern gebildet, ganz so wie an allen Tagen des vergangenen Jahres. Sie sind gekommen, um von der Plaza, der Aussichtsplattform, zum Ticket-Preis von zwei Euro einen Blick auf den Hafen der Stadt zu werfen. An die fünf Millionen waren es bis Mitte Dezember. „Ein Teil von ihnen wohnte sogar einem Konzert bei“, vermeldete – ahnungslos oder staunend? – eine Tageszeitung. Es waren, immerhin, rund sechshunderttausend Konzertbesucher. Alle Konzerte waren „eine halbe Stunde nach Öffnung der Konzertkassen ausverkauft, ob für Konzerte mit internationalen Stars oder für kaum bekannte Ensembles“, sagt Hans-Werner Funke, Seniorchef der Konzert-Direktion Goette, „das habe ich in fünfzig Jahren als Konzert-Impresario noch nicht erlebt.“

          So wie die ökonomischen Sollwerte im ersten Jahr erfüllt wurden, ist die auf einem alten Backstein-Speicher errichtete, silbrig leuchtende Fassade der Elbphilharmonie, wie von der Politik versprochen, zu einem „Wahrzeichen“ der Stadt geworden oder, wie Ole von Beust unnachahmlich sagte, „ein Merkmal, wo ein Raunen der Bewunderung durch die Betrachter geht“. Als Briefmarke reist das Bild des Hauses in alle Welt, und aus aller Welt treffen zur Freude von „Hamburg Stadtmarketing“ die Anfragen nach einem kultouristischen Hamburg-Event ein. Die Elogen auf den „oceanliner of architectural virtuosity“ („The Guardian“) füllen inzwischen eine fünf Zentimeter dicke Dokumentensammlung. Aber so vage wie in der Politik wird über die „Inhalte“ gesprochen, darüber also, ob und wie die Elbphilharmonie zu einem „Juwel der Kulturnation“ (Joachim Gauck) werden kann. Hat Hamburg, wie anfangs von Vertretern des Senats versprochen, „den klanglich besten Konzertsaal der Welt“ bekommen, was übrigens der Mann, der dieses Wunder wirken sollte, der Akustiker Yasuhisa, nie zu versprechen gewagt hat? Und ist der 2100 Menschen fassende Saal zu einer „würdigen Stätte für die Ausübung und den Genuss edler und ernster Musik“ geworden?

          Masse durch Masse

          Pardon, die Frage ist ein Zitat und zielt nach dem Unwiederbringlichen. Sie greift den hehren Wunsch des Reeders Carl Laeisz auf, der vor gut einem Jahrhundert der Stadt testamentarisch 1,2 Millionen Mark für den Bau eines Konzertsaals vermachte, der nun als zweite Spielstätte dient. Diese aus den Zeiten der Kunstreligion und des Großbürgertums stammenden Vorstellungen sind, darin stimmen Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda und der für die Elbphilharmonie verantwortliche Intendant Christoph Lieben-Seutter überein, in der „modernen Stadtgesellschaft“ mit einem heterogenen Publikum nicht zu verwirklichen. Als habe er die Ideen des Stadthistorikers Lewis Mumford verinnerlicht, definiert Senator Brosda den Sinn und das Ziel: „Ein erstklassiger Konzertsaal, ein Wahrzeichen für Hamburg und eine Attraktion für alle, ob sie nur auf die Plaza steigen oder in den Konzertsaal gehen wollen.“ Das ist, nachdem die schmähliche Baugeschichte, die absurden Kostensteigerungen vergessen oder verdrängt wurden, das kulturpolitische Narrativ.

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