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Poetry Slam in Deutschland : Dichter und Lenker

  • -Aktualisiert am

Tagsüber Steuer, abends Slam

Sich in diese Gemeinschaft zu integrieren ist nicht immer einfach. „Ich musste am Anfang erst mal die Etikette lernen“, sagt Andreas In der Au, der seit Beginn seiner Dichterkarriere vor ein paar Jahren im Schnitt jeden zweiten Tag auf irgendeiner Slam-Veranstaltung war. „Als ich meinen ersten Slam gewonnen hatte, hab ich mich total gefreut und das wie so ein Bekloppter auf Facebook gepostet.“ Er erntete wenig wohlwollende Nachrichten von Seiten einiger etablierter Slammer – denn natürlich hatten bald alle davon Wind bekommen. Die Kunde von neuen Emporkömmlinge, aber eben auch von solchen Dichtern, die sich nicht an die ungeschriebenen Regeln halten, macht für gewöhnlich schnell die Runde.

Bald eilte Andreas, der unter dem Künstlernamen AIDA auftritt, ein nicht unbedingt positiver Ruf voraus. Das war für ihn kein Grund sich stillschweigend  zurückzuziehen. Er machte weiter und fuhr auch zu Slams, die von jenen Kollegen organisiert wurden, die ihm ablehnend gegenüber standen. „Es gab ein paar Aussprachen, und die Leute haben gesehen, dass es mir nicht ums Siegen geht, sondern dass ich mich einfach gefreut habe und die Etikette nicht kannte.“

Andreas In der Au bei einem seiner Auftritt. Es hat eine Weile gedauert, bis er seinen Platz in der Slam-Szene gefunden hatte.
Andreas In der Au bei einem seiner Auftritt. Es hat eine Weile gedauert, bis er seinen Platz in der Slam-Szene gefunden hatte. : Bild: Andreas In der Au

Andreas hat seinen Platz in der Szene gefunden. Inzwischen ist er nur noch zwei, drei Tage im Monat zu Hause in Erfurt, eigentlich nur zum Wäsche waschen, den Rest der Zeit ist er unterwegs. „Ich habe mich selbständig gemacht“, sagt er, „mit Steuer-Workshops und Poetry Slam.“ Vor seiner Slam-Karriere war er als Diplom-Finanzwirt beim Finanzamt tätig, dann einige Zeit lang in der freien Wirtschaft. Jetzt hilft er seinen Slam-Kollegen dabei, ihre Steuererklärung zu machen. Zwischen seinen Auftritten fährt zu den anderen Künstlern nach Hause, dort geht er mit ihnen Kartons „verschiedenster Lebensunterlagen“ durch, sortiert Belege erst nach Jahren, dann nach Einkunfts- und Ausgabearten. Immer mehr seiner Schützlinge fragen jetzt bei Fahrtkostenabrechnungen nach einer Kopie der Quittung. „Ich bin immer ganz stolz“, sagt Andreas. Seine beiden Leidenschaften bilden ein seltsames Duo. Tagsüber Steuer, abends Slam.

Der Abend ist jung, bei unserem Slam irgendwo in Deutschland, die Zuschauer sind erwartungsvoll, aber zurückhaltend. Der Moderator versucht, etwas Leben in die Bude zu bringen. „Wie würde sich ein Fünf-Punkte-Applaus anhören?“ Das Publikum klatscht verhalten. „Wie ein Sieben-Punkte-Applaus?“ Der Applaus schwillt an. „Acht Punkte!“, ruft der Moderator. Vereinzelt hört man Pfiffe. „Neun!“ Die Leute fangen an, mit den Füßen auf den Boden zu stampfen. „Zehn!“ Aus den vorderen Reihen schallt Teenager-Kreischen, wahrscheinlich ein Deutsch-Leistungskurs, die Bühne bebt schon ein wenig, die Poeten lächeln. „Haltet den Applaus für den ersten Dichter des Abends, denn der hat es immer besonders schwer – hier ist für euch…“ Der Name geht im allgemeinen Gejohle unter.

Wenn man Andreas auf der Bühne sieht, wäre Steuer-Fachmann das letzte, wofür man ihn halten würde. Er tanzt und singt, er pöbelt, er schreit auch mal, er strotzt vor Energie. Manchmal, wenn vor ihm ein besonders tiefsinniger Text dargeboten wurde, beginnt er seine Performance mit einem Pfiff, dessen Tonhöhe sich langsam absenkt, dann stampft er mit dem Fuß auf den Boden: „Willkommen auf meinem Niveau.“

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