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Berlins bedrohte Boulevardtheater : Finger weg vom Ku’damm!

  • -Aktualisiert am

Die Vorstellungen sind ausverkauft: Nellie (links) und Anna Thalbach spielen in „Die Glasmenagerie“ in der Komödie am Kurfürstendamm. Bild: dpa

Ein Immobilienspekulant bedroht Berlins Boulevardtheater. Die Kulturpolitik der Hauptstadt kümmert es wenig. Die Theaterleute ergreifen selbst die Initiative.

          Brandenburger Tor hin, Checkpoint Charlie her – der Kurfürstendamm gehört weltweit nach wie vor zu den bekanntesten Symbolen der Stadt Berlin, erzählt von deren urbaner Historie, Eleganz, Bedeutung. Noch kann man hier auch ins Theater gehen. Doch die beiden traditionsreichen Ku’damm-Bühnen, die seit über zehn Jahren immer wieder in ihrem Bestand gefährdet waren, sind abermals in arge Bedrängnis geraten.

          Das liegt aber nicht daran, dass zu wenige Zuschauer kämen oder schlecht gewirtschaftet würde. Im Gegenteil: Die fast komplett privat finanzierten Häuser, einst von Max Reinhardt gegründet und nun bereits in dritter Generation in Familienhand, seit Hans Wölffer 1950 die Komödie am Kurfürstendamm (557 Plätze) und 1963 das Theater am Kurfürstendamm (807 Plätze) übernahm, sind durchweg gut ausgelastet.

          Boulevardtheater in Zeiten der Krisen

          Ökonomisch solide geführt, leben sie – abgesehen von einer bescheidenen Senatsunterstützung in Höhe von 230 000 Euro – ausschließlich von dem, was mit rund zwölf Premieren übers Jahr an der Abendkasse und auf Tourneen verdient wird. Das ist möglich, weil sie ein populäres Programm mit prominenten Schauspielern aus Film und Fernsehen bieten. Früher waren dies Inge Meysel, Nadja Tiller, Johannes Heesters oder Harald Juhnke, heute sind es Katharina Thalbach, Desirée Nick, Ilja Richter, Oliver Mommsen oder Jochen Busse. Das Publikum kommt aus allen Altersgruppen. Neben Stammgästen sind es zumal die wechselnden Flaneure vom Kurfürstendamm, die durch den direkten Zugang zu den Woelffer-Bühnen und den Kassen sowie den Retro-Charme des Ambientes angesprochen werden und oft spontan Karten kaufen.

          Die prominente Besetzung verrät sich hier nicht auf den ersten Blick: Maria Furtwängler (links) und Pasquale Aleardi in dem Stück „Gerüchte ... Gerüchte“, das am Januar 2013 im Theater am Kurfürstendamm Premiere feierte.
          Die prominente Besetzung verrät sich hier nicht auf den ersten Blick: Maria Furtwängler (links) und Pasquale Aleardi in dem Stück „Gerüchte ... Gerüchte“, das am Januar 2013 im Theater am Kurfürstendamm Premiere feierte. : Bild: dpa

          Doch die attraktive Lage im Erdgeschoss des Ku’damm-Karrees ist zugleich zum Problem der zwei Theater geworden. „Welche Wirtschaftskrise es in den letzten Jahren auch gab, wir waren leider immer mittendrin“, sagt Intendant und Regisseur Martin Woelffer. Das Filetgrundstück, auf dem sich das mehrstöckige Ku’damm-Karree mit den Theatern befindet, die er seit August 2004 leitet, geriet jedes Mal – ob bei Immobilienblase, Bankencrash oder wankenden Hedgefonds – ins Visier brachial profitorientierter Immobilienhändler. Jetzt sind in den sogenannten Panama Papers aufgetauchte Briefkastenfirmen dran.

          Trotz Existenzbedrohung hervorragende Inszenierungen

          Im Jahr 2002 erwarb die DB Bank Real Estate Investment GmbH das Ku’damm-Karree für 194 Millionen Euro und verkaufte es 2006 für zwei Milliarden weiter. Heute gehört es je zur Hälfte Christian Elleke, Chef der Cells Bauwelt GmbH München, und – wie der „Spiegel“ eruierte – der Dorado Services Company S.A. mit Sitz in Panama. Wer sich dahinter verbirgt, ist unklar. Es soll „ein privater europäischer Investor“ sein, mehr verrät Cells Bauwelt nicht. Schwarzgeld? Risikokapital? Dunkle Machenschaften? Martin Woelffer weiß es nicht. Vom neuen Eigentümer und dessen Absichten – Abriss und komplett veränderter Neubau – erfuhr er aus der Zeitung. Statt eines Gesprächs, um das er bat, wurde ihm Anfang Juli 2015 die fristlose Kündigung übermittelt, gefolgt von einer Räumungsklage. Der Verhandlung vor dem Berliner Landgericht am 31. Mai sieht Woelffer optimistisch entgegen. Als sein Anwalt diesbezüglich einen Brief an den Absender in Luxemburg schrieb, kam der als „Unzustellbar“ zurück.

          Gern gesehener Gaststar: Johannes Heesters im Mai 1996 bei Proben im Theater am Kurfürstendamm
          Gern gesehener Gaststar: Johannes Heesters im Mai 1996 bei Proben im Theater am Kurfürstendamm : Bild: Picture-Alliance

          Martin Woelffer wäre froh, könnte er sich endlich wieder vorwiegend auf künstlerische Fragen konzentrieren: „Für mich und alle Mitarbeiter ist es furchtbar kräftezehrend, nicht zu wissen, wie es weitergehen wird.“ Trotz der eklatanten Planungsunsicherheit muss er die nächsten Spielpläne erstellen, Künstler kontaktieren und verpflichten, Zuschauer ansprechen und halten. Wie er und sein Team seit Jahren für ein vielfältig unterhaltsames Programm sorgen, das außer klassischen Boulevardstücken auch etwa Werke von Neil LaBute oder zuletzt Tennessee Williams umfasst, dessen „Glasmenagerie“ Katharina Thalbach mit großem Erfolg inszenierte, verdient Bewunderung. Breite Unterstützung erfuhr er von 37 verantwortlichen Berliner Theaterleuten sowie seit Mai durch eine Kampagne mit bald neuntausend Unterschriften.

          Sein Ziel sei es, so Woelffer, an der künftigen Entscheidungsfindung für das Ku’damm-Karree beteiligt zu werden – und dann ein langfristiger Mietvertrag: „Bei ,Friss oder stirb‘ machen wir nicht mit.“ Vom Regierenden Bürgermeister und Kultursenator Michael Müller (SPD) war zur Zukunft der Theater bisher nichts zu hören. Kulturstaatssekretär Tim Renner indes sagte kürzlich zu, gemeinsam mit Woelffer und Vertretern der Bezirksverwaltung auf den Investor zugehen und einen Kompromiss aushandeln zu wollen. Ob Renner aber nach der Abgeordnetenwahl im Herbst noch amtieren wird, ist ungewiss.

          Die Kudamm-Bühnen sind als bundesweit renommierte Boulevardtheater für die Kulturstadt Berlin von erheblicher Bedeutung. Überdies geben sie dem Kurfürstendamm mit seinen vielen Läden, die nahezu identisch in jedem globalisierten Städtchen anzutreffen sind, eine besondere individuelle Note und lassen tatsächlich noch etwas vom Glanz und Zauber der zwanziger Jahre erahnen, derer sich die Stadt so gern rühmt – solange es sie nichts kostet.

          Quelle: F.A.Z.

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