06.06.2003 · Neben Goethes „Faust“ ist Brechts „Mutter Courage“ das deutscheste Stück: „Faust“ für Oberlehrer, die „Courage“ von einem Oberlehrer. Doch bei Peter Zadek verkehren sich die Verhältnisse, wird die Courage zur Hexe und Zauberkönigin.
Von Gerhard StadelmaierÜber des Bertolt Brecht episches Muster-Theaterstück "Mutter Courage und ihre Kinder. Eine Chronik aus dem Dreißigjährigen Krieg", das der Dramatiker 1939 kurz vor Ausbruch eines großen Krieges, "den ich voraussah", im skandinavischen Exil schrieb, können wir seit vielen Jahren nur den Kopf senken. Und zwar mit dem Kinn voran zur Brust. Wir sagen also kopfnickend Ja zu diesem Stück.
Ja, der Krieg ist schlecht (Alle, die für den Krieg sind, mal aufstehen im Parkett!). Ja, wer wie die Courage im Krieg "seinen Schnitt macht", wer von ihm lebt als "Hyäne der Schlachtfelder", indem er in und mit ihm Handel treibt, der verlängert ihn. Ja, der Krieg ist keine Sache der Ideen oder des Glaubens, sondern der Geschäfte (Kein Blut für Öl!). Ja, man muß gerade die Kleinkapitalistin Anna Fierling, genannt "Mutter Courage", kritisieren, weil sie nur ans Geschäft im Krieg denkt, mit ihrem Planwagen zwischen den Fronten umherkurvt und deshalb ihre drei Kinder verliert, die peu a peu erschossen werden. Ja, wir dürfen uns nicht einfühlen in diese Frau, die nicht sieht, was sie anrichtet. Ja, wir sind die wahren Sehenden und nicken so lange mit dem Kopfe, bis wir über den vielen nützlichen Lehren des Lehrstücks sanft eingeschlafen sind. Wir schrecken eventuell kurz hoch, wenn die löschpapiertrockene wackere Song-Schepper-Musik des Paul Dessau in ihrer realsozialistischen Atonalität losrasselt. Im deutschen Theater ist die "Courage" neben dem "Faust" wohl das deutscheste Stück: der "Faust" für Oberlehrer, die "Courage" von einem Oberlehrer. Mehr Abitur- als Theaterstoff.
Eine fremde Frau
Plötzlich nun aber, im Berliner Deutschen Theater, dem Ort, wo von 1949 an die berühmte Helene Weigel jahrelang in Brechts und Erich Engels berühmter Modell-Inszenierung ihre Planwagen-Runden drehte und sich von den Kopfnickern im Parkett bewundernd kritisieren ließ, taucht eine aberwitzig fremde Frau auf. Weder Mutter noch Courage. Eher Hexe, Zigeunerin, Seherin aus einem fernen Land. Die locker eng anliegenden gescheitelten Haare pechschwarz, als seien sie eine dunkle, herrliche Krone. Zauberkönigin Courage.
Zwar sitzt sie auch auf dem Kutschbock eines Planwagens, der so tut, als komme er aus dem großen Leeren, das Karl Kneidl und Dorothee Uhrmacher gebaut haben, direkt unter der Brecht-Gardine aufs Parkett zugefahren, aber ihren Hut scheint sie direkt aus den Wiener "Weihnachtseinkäufen" in Schnitzlers "Anatol" mitgebracht zu haben. Mit diesem Decadence-Stück peitscht sie ihre beiden Söhne, die hüh! und hott! den Karren ziehen. Mit heller, irrer, schöner Stimme singt sie den Schlachtgesang der Mutter Courage: "Das Frühjahr kommt! Wach auf, du Christ! / Der Schnee schmilzt weg. Die Toten ruhn. / Und was noch nicht gestorben ist / Das macht sich auf die Socken nun." Und es klingt, als schmettere eine Königin der Nacht eine ekstatische Frohsinnskoloratur des Schreckens. Ihre dunkel glühenden Augen, ihr zu einem unglaublichen Schmerzenslächeln nervös weich gemeißelter Mund scheinen wie Löcher in alles Gewesene und Kommende hinein zu albträumen. "Sie hat das Zweite Gesicht", sagt ihr Sohn über sie, die einem Feldwebel listig und trickreich den Tod voraussagt, damit dieser ihre Söhne nicht für den Krieg abwerbe. Im Stück ist das eine Finte. Hier ist es die pure Wahrheit.
Der Krieg im Gehirn
Sie sieht mehr als alle Sehenden. Der Krieg liegt ihr nicht im Geldbeutel. Er sitzt ihr im Gehirn und liegt ihr auf der Seele. Wenn sie Kapaunen verkauft, mit Kugeln handelt, wenn sie ihrer stummen schönen Tochter den Nuttenfummel vom Leib reißt, damit sie den Soldaten nicht gefalle, wenn sie unter Tränen und Zärtlichkeit ihren Sohn Eilif wieder umarmt, der gerade Bauern zusammenschlug und ihnen das Vieh stahl und deshalb zu Ruhm und Auszeichnung kam, und ihn zugleich wie verrückt ohrfeigt, weil er sich, der Dummkopf, "den Bauern nicht ergeben hat", dann zeigt sie nicht, wo der Vorteil liegt. Und wo das Geschäft. Dann macht sie keinen Schnitt. Dann schneidet sie sich selbst: Ihr Schnitt geht mitten durch ihre Seele. Sie verlängert nicht den Krieg und begeht dadurch ein Verbrechen. Der Krieg hat schon alles an ihr ver- und zerbrochen. Sie setzt sich in jeder Szene wunderbar mühsam neu zusammen. Sie ist das alte Stück vollkommen neu: in Stücken. Und lächelnd im Weinen.
Einmal, als der Feldprediger ihr gegenüber Süßholz raspelt und eifersüchtig auf den Feldkoch ist, sagt sie, was nicht im Text steht, "Du Koch" zu ihm. Worauf der Feldprediger-Schauspieler nach einer Schrecksekunde repliziert: "Ich bin nicht der Koch." Darauf sie: "Das war ein Freudscher Versprecher." Das war eine Textpanne. Aber eine bezeichnende. Der Seelenkenner Sigmund Freud hat beim Seelenverächter Brecht nichts verloren. Hier aber, in diesem Seelenabgrund, schon.
Eine Ungeheuerlichkeit
Diese Courage ist vollkommen vom Lehrstück befreit, aber auch von allem Rührstück, das nur die Kehrseite des Lehrstücks wäre. Sie ist eine einzige Ungeheuerlichkeit. So spielt die grenzenlose Schauspielerin Angela Winkler die Courage: als Anti-Courage - gegen die Kopfnicker im Parkett. Aus der Beweis-Trine wird ein Monster, das die Rolle wie in einem bengalischen Feuer verglühen läßt. Und plötzlich spürt man, was für ein Theatertier dieser Brecht hätte sein können. Sein Material ist quicklebendig - seine Methode, dramatische Schlüsse aus dem Material zu ziehen, sterbenslangweilig. Man ändere also den Brecht. Peter Zadek, einer der ältesten und phantasievollsten Theaterveränderer, hat nichts weiter getan als das Material der "Mutter Courage" ernster zu nehmen als der Autor. Er inszeniert nicht Beweisstücke gegen den Krieg. Sondern Menschen im Krieg.
Die Lagerhure Yvette zum Beispiel. Bei Brecht eine Aufsteigerin und Kriegsgewinnlerin bis ins Obristenbett. Bei Susanne Lothar eine surreale, auf der Kippe zum Wahnsinn entlangtaumelnde Toulouse-Lautrec-Diseuse mit absinthbleichen Wangen und einer tremolierenden Piepsstimme, mit der sie von der Maiandacht und dem Feind, der in der Maiennacht mit ihr fraternisiert, singt und später, behangen mit Pelzen und Klunkern, ihre vollkommen leere und liebesverwüstete Seele spazierenführt wie einen toll gewordenen Hund.
Slapstick-Zweikampf
Oder der Feldprediger. Bei Brecht ein Opportunist, der den Glauben für ein Glas Branntwein drangibt. Bei Friedrich Karl Praetorius ein irrer, wilder, zynischer Kerl, der seine Hirnrisse genießt und das Lied von der Passion Christi singt wie eine meschuggene Ballade, während der er der stummen Kattrin an die Wäsche geht, in den Himmel hinauf sich schraubt, an den er nicht mehr glaubt und in einem Rausch und Hui vom Stuhl kippt. Wenn er Holz hackt, hackt er auf seiner Liebe zur Courage herum; mit dem Obristen, den Bernd Stempel als debil zerknautschte und knutschende k.u.k. Kalkruine in Litzenuniform gibt, verknäuelt er sich in einen purzelbaumrunden Slapstick-Zweikampf. Dabei wollte der Oberst nur Platz nehmen.
Und wenn die stumme Kattrin am Ende vom Dach des Bauernhauses die Einwohner der Stadt Halle wachtrommelt, bevor sie dann von den Belagerern abgeschossen wird, dann schlägt Judith Strößenreuter die Trommel, als haue sie sich selbst zusammen. Zuvor schon war sie, geschwärzt, gedemütigt, geschlagen, durch Not und Tod gegangen wie ein kleiner, trotziger und rotziger Engel, der trotz allem noch um ein bißchen Segen bittet. Und um ein kleineres bißchen Liebe. Aber die Soldaten gehen in den Kakhi-Uniformen der Briten im Ersten Weltkrieg zynisch und lustig und kalt über alles hinweg. Der Krieg ist ein Schrecken. Aber auch eine Revue des Schreckens.
Die wahren Verhältnisse
Revuen putzen die Normalität mit Pfauenfedern. Zadek inszeniert hier diesen Todesschmuck: als Seelenputz ganz normaler Verrückter. Insofern ist seine neue Entdeckung der "Mutter Courage" eigentlich brechtischer als brechtisch: indem er nun wirklich zeigt, was "die Verhältnisse" sind. Brecht behauptet sie nur, Zadek macht aus ihnen großes, schreckliches, komisches Leben - nur manchmal, im Falle des niederländisch radebrechenden Kochs des Vadim Glowna, schmaucht dieses Leben allzu gemütvoll-kritisch Pfeife (Zugeständnis an die Kopfnicker im Parkett).
Lauter einsame, aus allem Lot gerückte Menschen, die sich in absonderlichen Zeiten absonderlichem, tödlichem, zerstörerischem Verhalten hingeben. Weniger aus Brechts, mehr aus unserem Reich. Ihrer aller Königin aber dankt nie ab. Mit brennendem Blick und wunder Seele umwandert die Courage der Angela Winkler den Müllhaufen auf der leeren Bühne und singt ihrer toten Tochter ein "Eiapopeia". Das "Eiapopeia" steht auch bei Brecht. Aber so, wie es hier gesungen wird, hätte es Brecht mißbilligt: als Wiegen-Hymne einer Königin auf die Zerstörung ihres Reiches, der sie trotzt bis zuletzt. Eine total verrückte Frau. Die wahre Courage.