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Deutsches Jazzfestival Die Rauchschwaden haben sich verzogen

03.11.2008 ·  Beim Jazzfestival in Frankfurt war es deutlich zu spüren: Die Grundmauern der Tradition haben die Jazzrevolution überstanden und werden jetzt für attraktive Konzepte genutzt. Es gab viele grandiose Auftritte und nur einen Flop.

Von Wolfgang Sandner
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Jazzfestivals sind Fachmessen. Man stellt Bewährtes aus und lüftet Geheimnisse: über die Modelle der Zukunft. Gab es welche zu bestaunen beim diesjährigen Deutschen Jazzfestival Frankfurt nach drei ausverkauften Konzerten im Sendesaal des Hessischen Rundfunks?

Die älteste deutsche Jazzmesse - seit 1953 - war stets für ihre futuristischen Entwürfe berühmt. Wenn jetzt im Programm des diesjährigen Festivals wenig Neues auszumachen war, dann muss niemand verzweifeln. Es scheint nämlich, als sei im Jazz mittlerweile die trotzige Haltung einer notorischen Gegnerschaft einem weniger grimmigen Dafür gewichen. Die Grundmauern der Tradition haben sich, nachdem die Rauchschwaden der Jazzrevolution allmählich abgezogen sind, als überaus widerstandsfähig erwiesen. Man kann sie zu Neukonstruktionen verwenden, und das ist in Frankfurt auf attraktive Weise geschehen.

Bitte kein Kaputtspiel mehr

Im Übrigen hat der einzige Flop des Festivals gezeigt, wie alt Avantgarden von einst bisweilen aussehen können, wenn sie gegen alle Zeichen der Zeit stur auf ihrer Ästhetik beharren. Der Auftritt vom "Exploding Star Orchestra" des Chicagoer Trompeters Rob Mazurek wirkte in seiner monochromen Linienführung des Bläsersatzes und seinen chaotischen musikalischen Gewaltausbrüchen wie ein Rückfall in die Kaputtspielphase des Free Jazz der späten sechziger Jahre. Allenfalls zu bewundern in dieser grauenhaften Kakophonie war Roscoe Mitchell als Einspringer für den erkrankten Bill Dixon. Wie er auf dem Tenorsaxophon die Technik der Zirkularatmung nutzt, um schier unendliche Melodien, besser vielleicht: aberwitzig schnelle Tontrauben herauszusprudeln, ist schlicht phänomenal.

Ein grandioser Auftritt nach dem anderen

So unbefriedigend das Festival endete, so grandios reihten sich sonst die Auftritte aneinander. John Surman ist seit Jahren der sinnlichste, technisch versierteste, ideenreichste Baritonsaxophonist des Jazz. Mit "Rain on the window", einem Projekt mit Howard Moody an der Pfeifenorgel, war zu erleben, zu welch fabelhaft frischen Klanggebilden eine harmonisch gebundene Musik fähig ist, vor allem, wenn sich die ziselierten Melismen eines John Surman in die changierenden Harmonien Howard Moodys wie wertvolle musikalische Intarsien einfügen.

Ähnlich eindrucksvolle Klangverbindungen waren im Duo des stupenden Saxophonisten Christoph Lauer mit dem Schlagzeuger und Vokalakrobaten Patrice Héral zu erleben, das durch den erstaunlich selbstsicher ungewöhnliche Klavierakkorde beisteuernden Yuriy Sych zum Trio ergänzt wurde.

Niemand improvisiert so gut wie Tony Lakatos

Christoph Lauer ist sicherlich einer der wichtigsten Tenorsaxophonisten in der Coltrane-Nachfolge, dessen kraftvolles Spiel demonstriert, wie lebendig der Stil solcher Heroen wie John Coltrane noch immer erfüllt werden kann. In ähnlicher Weise haben das die hr-Bigband und der Gitarrist Bill Frisell mit Monk- und Mingus-Arrangements von Michael Gibbs und am folgenden Abend mit Kompositionen des hochoriginellen Pianisten Uri Caine demonstriert.

Bei all den voluminösen Bigband-Sätzen am bemerkenswertesten war freilich dabei die solistische Leistung der Bigband-Mitglieder selbst: Martin Scales bekam für seine Gitarrensoli nicht umsonst Applaus auf offener Bühne von Bill Frisell, und einen so perfekten Improvisator wie den Tenorsaxophonisten Tony Lakatos wird man in der unüberschaubaren Phalanx auf diesem Instrument so schnell nicht einmal mit der Lupe finden.

Konzept der „Wyatt Variations“ging voll auf

Waren das schon Pluspunkte im vielfältigen Programm, zu dem auch noch der Auftritt des israelischen Saxophonisten Gilad Atzmon zwischen Jazzrhythmik und orientalischem Melos gehörte, so erwiesen sich die riskanten "Wyatt Variations" als eigentlicher spektakulärer Höhepunkt des Drei-Tage-Festivals.

Der scheue Robert Wyatt, Kopf und Seele von "Soft Machine" und ungewöhnlich produktiver Komponist skurril-melancholischer Songs zwischen allen Stühlen, hat als "Kurator" drei Gruppen für einen Abend mit seiner Musik ausgesucht; eine geniale Idee, die - von den etwas zu konstruktivistisch wirkenden Arrangements des Max-Nagl-Trios abgesehen - vollkommen aufging.

Viel Platz zwischen Kitsch und Kunst

Die englische Posaunistin Annie Whitehead verwandelte mit ihrer bezwingenden Nonchalance und drei wahnwitzig zwischen Melancholie und Pathos lavierenden Sängerinnen den nüchternen Sendesaal in eine vibrierende Music Hall. Das britisch-amerikanisch-französische Kollektiv "Dondestan" um den Sänger John Greaves zeigte darüber hinaus, wie viel kreativer Platz zwischen Kitsch und Kunst noch zu besetzen ist.

Michael Mantler steuerte dazu auf der Trompete subtil-zurückhaltende Jazzphrasen bei, konterkariert von seiner Tochter Karen, die mit ihrem schlichten Orgelspiel und attraktiv-unartifiziellem Gesang nachweisen konnte, wie man schon als Wickelkind in einer unter einem Konzertflügel geparkten Wiege unwiderruflich geprägt wird, wenn die mütterliche Pianistin Carla Bley heißt.

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