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Veröffentlicht: 08.07.2013, 16:50 Uhr

Deutsche Oper am Rhein Heiß mich nicht reden, heiß mich tanzen

An den Grenzen des technisch Möglichen: Martin Schläpfers Ballettabend „b. 16“ in der Deutschen Oper am Rhein. Eine Herausforderung für Tänzer und Publikum.

© Deutsche Oper am Rhein Extreme Statik: Mariana Dias in „Nacht umstellt“

Seit einigen Spielzeiten zeichnet sich die schöne Entwicklung des Balletts am Rhein ab. Nicht nur choreographisch vor den Augen des immer wieder überraschten Publikums, sondern auch, was die tänzerischen Präsenz des Ensembles angeht. Der Ballettabend b. 16, das diese Spielzeit beschließende sechzehnte gemischte Programm in nur vier Jahren, wurde wieder begeistert gefeiert, für seine Choreographien und seine Tänzer.

Gleich eingangs in Jerome Robbins’ „Afternoon of a Faun“ konnte man nur staunen, wie Alexandre Simões und Nicole Morel dem Stück aus dem New York der fünfziger Jahre seine Seriosität und seinen Charme vollständig zurückgaben. Den Sinn des selbstreflexiven Stücks Tanzkunst, in dem Tänzer und Tänzerin in einem leeren Ballettsaal aufeinandertreffen und das Verhältnis von Faun und Nymphe spiegeln, als improvisierten sie miteinander über dieses Thema, wurde mit ihrer ernsten Interpretation konzentriert herausgearbeitet.

Kompliziert, äußerst verdichtet und aufsehenerregend

Bis man Tänzer hat, die die sechzig Jahre alten Überlegungen eines inzwischen verstorbenen Choreographen auf solche Weise zeitgenössisch begreifen und darstellen können, kann man Robbins’ „Faun“ vergessen, denn schlecht interpretiert verkommt es zu einem Stück selbstverliebter Posen. Simões aber und Morel führten das Publikum ins Zentrum der Problematik der Tanzkunst - der Schwierigkeit, von sich selbst Abstand zu nehmen, der Unmöglichkeit, sich von dem eigenen Körper, dem Instrument, zu distanzieren, der Gefahr, zwischen Abbild und Selbst verlorenzugehen in einem narzisstischen Neverland. Das aber in nur acht, neun Minuten!

Martin Schläpfer folgt aus Überzeugung dem Beispiel berühmter Choreographen, das eigene Ensemble auch selbst zu trainieren - nicht täglich, aber regelmäßig. Davon profitieren beide. Der Choreograph kann die Tänzer im Ballettsaal so arbeiten lassen, dass sie seine Ideen perfekt umsetzen können, aber er wird auch von ihrem Wagemut beim ständigen Herausschieben der technischen Grenzen im Training inspiriert. Er sieht seine Tänzer neu und das Material des Danse d’école, auf dem auch seine Handschrift beruht. So füllt sich ein notwendiges Ritual mit künstlerischem Sinn. Die gemeinsame Arbeit schlägt sich auch in den Vorstellungen nieder, als Selbstvertrauen der Tänzer, als Einheit des Ensembles.

Das Publikum der Deutschen Oper am Rhein spürt die Außergewöhnlichkeit der Ergebnisse. Es hat Martin Schläpfer und sein Ensemble als Künstler angenommen, denen es folgt, auf deren Vorschläge es sich einlässt, deren Ernst als bewunderungswürdig empfunden wird. Und das selbst dann, wenn, wie das für die Uraufführung „Nacht umstellt“ zutrifft, eine neue Choreographie Schläpfers lang ist, kompliziert, äußerst verdichtet, aufsehenerregend, aber musikalisch disparat und geradezu unverschämt anspielungsreich.

Traumhafte Expertenstille

Das Publikum sieht sich geistig, seelisch und emotional herausgefordert. Vereinzelt macht sich diese Anstrengung im Nachhinein Luft in einem Ausruf wie „Da hat sich Schläpfer aber überfordert!“ In der Tat hat er sich einiges abverlangt, und wer das nachvollziehen möchte, bekommt es nicht in den Schoß gelegt. Hollywood ist woanders. Hier ist ein Stück eigentlich drei Stücke. Im Grunde genommen ist „Nacht umstellt“ zu Kompositionen von Franz Schubert und Salvatore Sciarrino (Jahrgang 1947) Tanz für Tänzer.

Eine Stunde lang herrscht dennoch im Zuschauerraum eine traumhafte Expertenstille. Angesichts der düsteren Szenerie und des Gedankens an Brüche, Fragmente, frühes Ende - gespielt wird im Zentrum des Werks Franz Schuberts Sinfonie Nr. 7 h-Moll D 759, die „Unvollendete“, sind es vielleicht auch hier die sich virtuos exponierenden und an der Grenze des tanztechnisch Verlangbaren agierenden Tänzer, deren Energie, deren Hingabe die Brücke bilden. Das Großartige am Tanz ist ja, dass man sich zwar zuerst auf ihn konzentrieren muss, was anstrengend ist, weil wir nicht Bewegung zu lesen gewohnt sind wie Bücher oder Bilder - aber dass er, wenn man den Anfangsunwillen überwunden hat, in eine tiefe Meditation der eigenen Existenz auf einer abstrakten Ebene führen kann. Nach vier Schläpfer-Jahren in Düsseldorf und Duisburg hat das Publikum die Möglichkeiten solcher Transformation längst schätzen gelernt.

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Die transformatorischen Aspekte, also die Eigenschaft des Theaters, durch Lichtwechsel, choreographische Richtungswechsel oder Personalwechsel suggerieren zu können, man sei nun zeitlich oder räumlich woanders, spielen auch in Hans van Manens „Without Words“, das dem „Faun“ nachgestellt ist, eine Rolle. Sind die drei Männer, mit denen die einzelne Frau (Julie Thirault) durch zwei Zirkel von Begegnungen geht, Imaginationen? Falls es sie aber gibt, kämpfen sie gleichzeitig um eine Beziehung zu der kühlen und offenbar niemals die Selbstbeherrschung verlierenden Frau, oder sind sie Schatten der Vergangenheit, die sie nicht vergessen kann?

Vieldeutig wie ein Gedicht ist „Without Words“, das seinen Titel aus der Tatsache bezieht, dass vier Mignon-Lieder von Hugo Wolf ohne Gesang vorgetragen werden (Pianist Stephen Harrison spielt sie phantastisch, wie die Düsseldorfer Symphoniker unter dem jungen Dirigenten Wen-Pin Chien die Kompositionen von Debussy, Sciarrino und Schubert. Mag Wolf mit dem „kleinen Genre“ und seiner Beheimatung in ihm mitunter gehadert haben, Hans van Manen tut das nie.

Und recht hat er, im kleinen Genre können Welten aufscheinen, bei ihm ist das immer so. Für diese Art Vollkommenheit darf man keine grüblerische Natur besitzen. In „Nacht umstellt“, mit seinen vielfältigen Bezügen zu den großartigen Freiheiten der Neoklassik, versöhnt sich ein von den Geschäften des Tages enthobener Geist mit allen von der Geschichte auferlegten ästhetischen Beschränkungen.

Quelle: F.A.Z.

 

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