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Des Sultans Leidenschaft : Große Oper in der Wüste von Oman

Prächtiges Opernhaus im märchenhaft schönen Oman: Dieser Tempel westlicher Hochkultur in der Hauptstadt Maskat zieht Besucher in Scharen an. Bild: Picture-Alliance

Der Sultan von Oman hat seinen Untertanen ein Opernhaus geschenkt. Es ist das einzige auf der Arabischen Halbinsel. Dort Puccinis „Manon Lescaut“ zu sehen, ist ein Ereignis, auch wenn leidenschaftliche Bühnen-Küsse streng verboten sind.

          Oper ist keine demokratische Kunstform. Es lässt sich nun mal nicht ausdiskutieren, wann die Hörner einzusetzen haben. Man kann auch nicht darüber abstimmen, wie lange der Tenor die Sopranistin küsst, wie schnell die Stretta genommen wird, und nicht einmal, ob der Chor von rechts oder links auftritt. In einer Klavierhauptprobe hat die Regie das Sagen, der Dirigent ordnet sich unter. In der Bühnenorchesterprobe dagegen gilt die Diktatur des Dirigenten, dann läuft auch der Chordirigent immer mal wieder durchs Bild und schraubt am Chorklang herum, diesmal sind es die Regieleute, die sich zurückhalten.

          Eleonore Büning

          Jahrgang 1952, Redakteurin im Feuilleton.

          Und dauernd wird der Fluss der Musik unterbrochen, zwei Schritte vorwärts, einen zurück. Wer das mitkriegt, der wundert sich, wie ein Opernhaus dem Endverbraucher als „Kraftwerk der Gefühle“ erscheinen kann. Auch im Ergebnis, während der Aufführung, läuft alles nach Plan. Wie bei einer militärischen Operation greift ein Rädchen ins andere. Überhaupt erst auf diesem handwerklichen Fundament könnte dann eventuell große Kunst entstehen, können Adrenalinschübe und das Über-sich-hinaus-Wachsen Einzelner es dahin bringen, dass jene außerordentlichen Augenblicke musikalischer Wahrheit aufscheinen, die so selten sind und so kostbar.

          Im Royal Opera House Oman, in der Hauptstadt Maskat, gibt es noch eine dritte Diktatur. Der sie ausübt, heißt Issam El- Mallah. Er stammt aus Ägypten, lehrt ab und zu Musikethnologie in München und setzt auf unfassbar diskrete Weise, quasi in vollendet geheimdienstlichem Pianississimo, durch, dass die zweihundertdreißig geladenen Gäste von der Deutschen Oper Berlin mit ihrer Performance nicht straffällig werden.

          Hat einen Zweiwohnsitz in Garmisch-Partenkirchen: Sultan Quabus ibn Saud, der Stifter und Erbauer des Opernhauses
          Hat einen Zweiwohnsitz in Garmisch-Partenkirchen: Sultan Quabus ibn Saud, der Stifter und Erbauer des Opernhauses : Bild: ddp Images

          „His Majesty“ war da, blieb aber unsichtbar

          Bei uns, hierzulande, würde man Issam El-Mallah einen Zensor nennen. In Maskat ist er einer der vielen Vertrauten von „His Majesty“, Sultan Qabus ibn Said al Said, und in den Augen von dessen singenden und musizierenden Untertanen ist er ein freundlich-väterlicher Berater. Lange vor der Reise, bevor wir losflogen in Deutschland, haben mir gute Freunde aus der Musikwelt von diesem guten Freund in der Hauptstadt von Oman nur Gutes berichtet. Ein kluger Mann sei er, weltläufig, gebildet. Ich habe ihn leider nicht kennengelernt. Er blieb die ganze Zeit über unsichtbar.

          Dass er aber dagewesen war, wird bezeugt, zum Beispiel von den Dekolletés der Rokokoschönheiten, die von einer Probe auf die andere immer kleiner werden. Zentimeter um Zentimeter wachsen die eingelegten Brusttücher. Auch wirken die locker zockenden Studenten in der Kneipe von Amiens, im ersten Akt der Oper „Manon Lescaut“ von Giacomo Puccini, mit einem Male stocknüchtern. Man muss dazu wissen: Alkoholmissbrauch von Ausländern wird in Oman mit bis zu drei Wochen Gefängnis bestraft, und in diesem Falle könnte die Scharia sogar, auch wenn sich nur gefärbtes Wasser in den Bühnenweinflaschen befindet, von einer Verführung der Omaner zum Alkoholkonsum ausgehen, das wird dann noch teurer.

          Royal Opera House von Oman: Blick ins Foyer
          Royal Opera House von Oman: Blick ins Foyer : Bild: Picture-Alliance

          Die Prostituierten, die im dritten Akt der „Manon Lescaut“ ins Auswanderer-Schiff verladen werden, drosseln ihre obszöne Gestik auf ein Minimum, sie wirken hochgeschlossen. Die allegorische Ballettszene im zweiten Akt, getanzt von zwei männlichen Tänzern, verwandelt sich in etwas Unverständliches, denn auch Homosexualität ist in Oman gesetzlich verboten. Auch der leidenschaftliche Kuss, der die Amour fou besiegelt zwischen dem stürmischen Chevalier des Grieux und seiner entzückenden Manon, bleibt in der Luft hängen. Lippen schweigen, es flüstern Geigen.

          Hier ist alles massiv reich und echt

          In einer Opernaufführung im Royal Opera House von Oman zu sitzen ist grandios. Mitlaufen zu dürfen bei den Proben zu einem Gastspiel ist, als wäre man selbst Teil einer großartigen, luxuriösen, wundervoll verwickelten Operette aus Kaisers Zeiten, die, wie jede Operette, ebenso reich ist an offen verhandelten Klischees wie an diplomatisch verschleierten Halbwahrheiten. Wie in einer Operette gibt es hier das ständige „Je ne sais quoi“. Es gibt Tabus, über die zu sprechen unhöflich wäre oder banausisch.

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