15.09.2008 · Klaus Maria Brandauer spielt in Peter Steins Berliner Inszenierung des „Zerbrochnen Krugs“ den Dorfrichter Adam als grandiosen Komiker der Ursünde. Wo am Ende alle Hoffnungen betrogen sind, bleibt nur das große Theater.
Von Gerhard StadelmaierDas Paradies ist verriegelt und verschlossen. Es kommt niemand mehr hinein. Aber auch niemand mehr heraus. Es liegt hinter einem bühnenhohen Wellblechvorhang, auf den im Berliner Ensemble Jean Jacques Le Veaus Kupferstich „Le juge, ou la cruche cassée“ (Der Richter oder Der zerbrochne Krug) von 1782 projiziert ist, von dem Heinrich von Kleist sich für sein Lustspiel von 1806 anregen ließ: ein Tisch, bedeckt mit einer schweren Brokatdecke, an dem ein Schreiber sitzt; rechts daneben ein Richterstuhl samt Richter drauf; davor eine ältere Frau mit zerbrochenem Krug; ein Bauernlümmel, der ihn zerbrochen haben mochte und der vom Richter angedonnert und offenbar des Krugzertrümmerns für schuldig befunden wird; ein Mädchen, das in dieser Sache gezeugt haben mochte und verschämt und peinvoll an der Schürze nestelt, denn womöglich ist mehr kaputt- gegangen als nur ein Krug; ein hohes schräges Dach, das rechterhand einen winkeligen Raum überragt; neben dem Richter in der Wand eine Tür, durch die Leute drängen. Das Urbild eines Sündenfalls. Bürgerlich gestochen scharf.
Wenn der eisern gewellte Vorhang hochfährt, sieht man auf Ferdinand Wögerbauers Bühne exakt diesen groß gewinkelten Raum mit exakt dem Tisch samt Brokatdecke, exakt dem Richterstuhl aus dem alten Stich, nur dass die Tür neben dem Richterstuhl an der Wand durch ein großes Sprossenfenster in gleißendem Morgenschimmer ersetzt ist, durch das kaltes Winterlicht fällt und durch das hinaus der Richter sich im Verlauf der Verhandlung schon mal erbricht und am Ende fliehend hinausstürzt aufs Schnee- und Eisfeld. Der Regisseur Peter Stein hat keine Angst vor alten Bildern. Er liebt sie geradezu. Denn seine Inszenierungen können sich die historische Verkleidung auch leisten. Sie sind nicht aufs Gegenwartskostüm angewiesen, um von heute zu sein.
Der Himmel gähnt
Wenn die vielen lebenden Hühner, die auf der Bühne über Tisch und Aktenordner und Stühle flattern und gackern, von zwei lachkreischenden Mägden verjagt sind zu Arturo Annecchinos rascher, heller, lustig-federnder Buffa-Musik (Klavier und Streicher), landet hier unendlich langsam humpelnd im langen weißen Gewand sogar ein Mann von morgen. Mit blutigen Kopfwunden, die er sich gestern Nacht zuzog, als er versuchte, Eve in deren Kammer sexuell zu erpressen, von derem Bräutigam Ruprecht überrascht wurde, durchs Kammerfenster floh, in den Spalierzweigen davor hängen blieb, von Ruprecht mit der herausgerissenen Türklinke eins übergezogen bekam, wobei dann auch der Krug zerbrach, tritt Klaus Maria Brandauer als Dorfrichter Adam auf. Ein abgerissener, in heillose Fernen wie in leere Himmel hineinstarrender Seinskomiker. Kein Teufelskerl. Eher der zum Kerl gewordene Teufel, der ja nichts anderes als der von Gott (dem Guten) abgefallene Engel ist.
Brandauer hat schon auch was vom Strizzi-Dorfrichter: Er brüllt die Zeugen an, mault mimisch-höhnisch ihre Aussagen nach, bramarbasiert, schmiert, scharwenzelt, fällt plötzlich rollenden „Rrrrrrs“ in den allerübertriebensten satirisch aufgebrezelten Burgtheaterton – aber er macht aus seiner Technik keine Brandauer-Grube. Sondern einen herrlichen Abgrund. Es wirkt, als schwänzele, heule, grinse, lüge er in alle Eiseshimmel hinauf, aus denen ihm nicht einmal mehr die Gnade angähnt. Ein Amoralist, der mit keinem Urteil mehr rechnet, weil niemand mehr da ist, der eines sprechen könnte.
Ausffugsversuch eines Engels
Es gibt keine höhere Instanz. Es gibt nur lachbar höllisches Elend. So machen Peter Stein und Klaus Maria Brandauer aus der klassischen Komödie der Suche nach Gerechtigkeit eine Tragödie der komisch-unendlichen Ungerechtigkeit. Es gibt viel zu lachen: vor allem über die kurzen Beine der Lügen, über die der Dorfrichter dauernd stolpert. Aber man amüsiert sich auf himmlischem Inferno-Niveau. Kleists, des verzweifelten Wahrheitssuchers zerrissene Welt-Schöpfung, wird hier im letzten Aufflugsversuch eines stürzenden Engels zur hinreißend komischen Volte.
Adams schmuddeliges Nachtgewand sieht aus, als bestehe es aus glattgebügelten Flügel- und Federnfetzen. Sein Ton ist herrisch, aber hilflos; hochfahrend, aber verloren. Brandauer spielt das längst vergeigte Spiel noch einmal: wütend, wahnsinnig, unnachgiebig, lustvoll verzweifelt – den Sündenfall in einem Paradies, in dem jeder jedem nur noch zur Hölle werden kann. Ob das in Pluderhosen oder in Kaufhausanzügen geschieht, ist gleichgültig. In Pluderhosen aber ist es komischer. Die Komödie eines Richters, der über seine eigene Untat zu Gericht sitzen muss, wird hier zum Weltendspiel einer Ego-Groteske.
Die Welt als Krieg
Wie schon in ihrem „Wallenstein“ nehmen Stein und Brandauer eine ganze, im Grunde längst nicht mehr fass- und beherrschbare Welt auf einen Kopf, ein Hirn, ein Herz. Wie in Schillers „Wallenstein“ herrscht auch in Kleists „Zerbrochnem Krug“ Krieg, nur anders. Wie ja überhaupt in alle Stücke Kleists den Krieg zur Folie haben, auch in seinen Komödien („Amphitryon“) die Waffen klirren und Feldherrn im Spiel sind. Seine Tragödien („Hermannsschlacht“, „Familie Schroffenstein“, „Penthesilea“, „Prinz von Homburg“) sind sowieso Kriegszüge: von Seelen- oder Traummächten. Bei Kleist kämpft immer die Welt mit sich selbst.
Im „Zerbrochnen Krug“ ist der Krieg nur ein bisschen weiter weg, in den holländischen Kolonien. Ruprecht, Eves Bräutigam, soll zur Miliz nach Utrecht eingezogen werden. Dorfrichter Adam sagt Eve, das sei nur ein Trick, in Wahrheit würden die Rekruten nach Batavia geschickt, wo sie gegen die Eingeborenen kämpfen und am Gelbfieber verrecken dürfen. Wenn er dem Ruprecht ein Freistellungsattest besorge, werde Eve ihn dann in ihre Kammer lassen zum alten paradiesischen Rein-raus-Sündenspiel? Dabei ging dann der Krug kaputt. Und dieser vielfältige Bruch steht nun zur Verhandlung. Wobei der Teufel, der ihn verursachte, längst weiß, dass der Himmel leer und das Paradies nur noch eine Komödie der Metaphysik ist.
Ein Teufel mit milden Manieren
Wer den Teufel als Chefkomiker aus diesem Paradies allenfalls noch vertreiben kann, ist nicht der höhere Gerechte, sondern eine Art Beelzebub. Der gerade zur Visite kommende Gerichtsrat Walter, der den verzweifelten Part des Aufklärers, des Einrichters und Besänftigers spielt, kommt hier im schwarzen Zylinder und dunklem, langem Mantel wie ein sanfter steinerner Gast daher. Ein Teufel mit milden Manieren. Martin Seifert gibt den Walter sozusagen mit abgespreiztem kleinen Finger. Dergestalt sieht, hört, fühlt er mit, wie Adam vom Stuhl aufspringt, in seiner schwarzen Robe wie ein Teufelsengel zur in sich gekrümmten, vor Schmerz und Drohungen stummen, die Wahrheit über den nächtlichen Überfall nicht zu sagen sich trauenden Eve stürmt, das Mädchen packt, auf die Wange küsst, ihr das versiegelte Attest heimlich vor Augen hält, sie umgarnt, auf den Boden drückt mit irrem Blick und stierer Gier.
Dies alles erlebt der Gerichtsrat, der in die Welt guckt wie ein aufgeklärter, weiser Oberteufel, der längst seinen Frieden mit seinem Nicht-Gott gemacht hat, als urkomischen Albtraum, so dass er wie in einen stillen, manierlich flirrenden Rausch sich hineinsteigert, dem er durchaus mit ein paar Gläsern Rheinwein nachhilft. Die Zunge wird ihm schwer, aber das Hirn ein wenig leichter. Während Brandauers Adam immer kälter, böser, sündengenießerischer seinen Abgrund in sich zu lieben beginnt, wird der Walter des Martin Seifert, der Beelzebub, der den Teufel austreibt, immer resignierter, stiller.
Verein der gefallenen Engel
Peter Stein hält die Komödie mit diesen beiden Schauspielern unwiderstehlich auf der Kippe zu einem Höllenhimmelsspiel. Darin wirken die krugklagende Frau Marthe der Tina Engel, der sich wie ein Karriere-Aal elegant windende, auf die Richterstelle intrigierend scharfe Schreiber Licht des Michael Rotschopf und der sich betrogen glaubende, ruppig-gemütliche Bräutigam Ruprecht des Martin Kanonik doch etwas sehr gepflegt: Sie bilden sozusagen die Putto-Versionen im Gefallenen-Engel-Verein.
Das andere große Paar neben Adam und Walter bilden Adam und Eve. Die junge Marina Senckel spielt das Mädchen, dem in einer Nacht mehr widerfuhr als anderen Frauen in einem ganzen Leben, als reine, herzrissselige Schmerzensjungfrau, deren mit einem Häubchen bedeckter Kopf und deren mit reiner, klarer Leidmusik durchdrungene Sprache ihrem Körper, der sich krümmt und windet, weit voraus sind.
Was bleibt, ist großes Theater
Als des Richters Umtriebe zutage liegen, als er flieht, als der Gerichtsrat die Geschichte von den Rekruten, die nach Batavia müssen, als Lüge des Richters denunzieren will, da stürzt das Mädchen, das genau weiß, dass der Staat hier lügt, in eine abgrundtiefe Verzweiflung. Ihren Verlobten hatte sie fast durch das nächtliche Abenteuer mit dem Richter verloren, jetzt wird sie ihn in den Kolonien verlieren. Am Ende vertraut sie allein auf das Wort des Beelzebub Walter. Ohne dass dieses heikle Ehrenwort hier kritisch von der Regie denunziert würde. Stein lässt es generös stehen. So wird der Teufel doch noch zum lieben Gott. Und auch das ist sehr komisch.
Adam aber wird von der Menge hinaus aufs Schneefeld gejagt, gehetzt und gelyncht. Am Ende hängt er langen Seilen wie ein Gekreuzigter im kahlen Winterhimmel. Der Teufel ist tot, das Paradies zerbrochen, der Himmel leer. Was bleibt jetzt noch außer verzweifelten Seelen? Was aber bleibet, ist großes Theater.