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„König Lear“ von Peymann : Ein tiefer Atemzug Theatergeschichte

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Kein Lear-Jet des Regietheaters, sondern eine altersgerechte, barrierefreie Peymanniade – mit Martin Schwab (vorne) als greisem König. Bild: dpa

Der Narrenkönig der Revolution kehrt heim: Claus Peymann inszeniert am Staatstheater Stuttgart „König Lear“ von William Shakespeare. Auf moderne Elemente verzichtet er fast komplett.

          In seiner jüngsten bernhardianischen Wutrede beschimpfte Claus Peymann kürzlich Stuttgart als beschädigte, menschenfeindliche Stadt und „absolute Katastrophe“. Die Stadt dankt ihm die Würdigung jetzt mit Jubel für seinen „König Lear“: Großer Beifall bei der Premiere, auf Wochen hinaus ausverkaufte Vorstellungen. Armin Petras, der scheidende Stuttgarter Schauspielchef, hat solche Erfolge nicht oft verbuchen können, aber er hatte wenigstens die Größe, Peymann die Bühne für seine erste Inszenierung nach der Abdankung zu überlassen. Gegeben wird: die triumphale Heimkehr des verlorenen Sohns aus vierzigjähriger Verbannung. Die Rückkehr des alten „Theaterkönigs der Rebellion“ (Peymann über Peymann), der den jungen Hüpfern noch einmal zeigt, wo der Hammer hängt: Genau an jenem Haken im Licht, an den Lear seine Damokles-Krone gehängt hat.

          Peymann versprach vorher „einfach nur Lear, die ganze Geschichte, ohne Video und Mikroport-Verstärkung“ zeigen zu wollen, und dieses Versprechen hat er gehalten. Allerdings hat er Wolf Baudissins Übersetzung mit Reizwörtern wie „Anarcho“, „Terrorist“ und „Staatsfeind“, „Wut hat Vorfahrt“ oder „Die Blödheit dieser Gutmenschen verschafft mir leichtes Spiel“ aufgefrischt und Peter Handkes Neuübertragung der Narrenlieder als Huldigung an „König Ungereimt“ eingebaut. Peymann, der Narrenkönig der Revolution, hat in Stuttgart von 1974 bis 1979 seine vielleicht besten Zeiten erlebt und sogar eine Sammlung für Gudrun Ensslins Zähne mitten im Deutschen Herbst überlebt. Um die Rückkehr an die Stätte seines jugendlichen Ungestüms zu feiern, verschwor er sich jetzt mit anderen großen Männer des Theaters zur Kaperung von Shakespeares „König Lear“: Eine Rentnergang von drei Achtzigjährigen gegen die nachrückende Jugend, ein Drama im Austraghäusle.

          Keine Videomätzchen

          Im minimalistisch kahlen, fahlen Bühnenbild von Karl-Ernst Herrmann trägt Martin Schwab, schon damals in Stuttgart mit von der Partie, die weißen Anzüge und den Stoppelbart auf, für die wenn nicht Lear, so doch Peymann bekannt ist. Denn das hier ist natürlich kein Lear-Jet des Regietheaters, sondern eine altersgerechte, barrierefreie Peymanniade: Shakespeare, wie ihn die gebildeten Alten und die Abonnenten noch heute lieben. Solides, altmodisches Erzähltheater ohne Videomätzchen, Zusatztexte und Regieeinfälle; und für Selbstironie ist die Sache sowieso viel zu ernst. „King Lear“ ist ein großes Menschheitsdrama: Die Alten wollen nicht von der Macht lassen, und wenn sie endlich loslassen, drehen ihnen die Jungen einen Strick daraus. Peymann kann’s noch immer; jedenfalls beherrscht er Blitz und Theaterdonner, Gratiswut und Theaterblut, Grillengezirp und Feenmusik. Aber bei allem Respekt vor Erfahrung und Routine: So distanz- und einfallslos, so altbacken und selbstgefällig kann man Shakespeare heute nicht mehr spielen. Dieser „Lear“ hat kein Herz und keine Seele.

          Die Bühne ist eine schiefe Ebene mit Glastüren an jeder Seite und einem eisernen Throngestell in der Mitte. Auch die Kostüme sprechen für sich: Lear trägt den weißen Leinenanzug der Sommergäste. Martin Schwab spielt ihn nicht als verbitterten Ex-Herrscher, sondern eher als trotziges Kind und hüftsteif tänzelnden, aber immer noch fidelen Ruhe- und Widerständler im Urlaub. Die undankbaren Töchter Regan und Goneril tragen giftgrüne und purpurrote Roben: Zwei Schnallen in High Heels, die den Tattergreis, der das Erbe noch mit handgemalten Tortendiagrammen aufteilen will, mit ihrer Rhetorik weichkochen. Cordelia im blauen Prinzessinnenkostüm mag Papas Selbstmitleid, Altersstarrsinn und Größenwahn nicht. Er wiederum trägt ihr die kalte Vernachlässigung seiner Person nach. Lears Tochter-Desaster spiegelt sich im Hause Gloster in einem Bruderzwist wie in Schillers „Räubern“. Bastard Edmund ist bei Jannik Mühlenweg ein herrlicher Schurke mit Nieten auf der Schlangenlederjacke und wölfischem Grinsen im Gesicht, sein edler Bruder Edgar verkleidet sich als räudiger Bettler mit Jesuslendenschurz, um nicht mit den Wölfen heulen zu müssen, der Vater in Schwarz rafft gar nichts mehr. Selten waren die Kräfteverhältnisse in Lears Reich so märchenhaft übersichtlich und eindimensional.

          Blass und vorlaut zugleich

          Die Grob- und Wahrheiten, die Cordelia ihrem Vater nicht ins Gesicht sagen kann, darf sie „Onkelchen“ mit der Lizenz des Narren ins geneigte Ohr flüstern. Lea Ruckpaul übernimmt – keine ganz neue Idee – beide Rollen. Als Cordelia bleibt sie naturgemäß blassblau, ein artiges Mädchen, aber mit Narrenmütze und Handharmonika ist sie eine Wucht: Kecke Faschingsprinzessin, radschlagender Irrwisch, altkluge Göre, weise Orakelpriesterin. Lear und Cordelia im Sturm sind ein schönes Paar und, so wie die Tochter den zwischen Demenz und Wahnsinn verdämmernden Vater pflegt, auch ziemlich beste Freunde.

          Peymanns „Lear“ scheut die großen, lauten Gebärden nicht. Wenn der Regenvorhang durch den Zuschauerraum weht und die Windmaschine bläst, spürt man den Atem der Theatergeschichte: So macht man Effekte. Wenn der verblendete Gloster auf offener Bühne geblendet wird und die blutigen Augäpfel auf den Boden klatschen, gerät die Tragödie zur Splatterkomödie. Wenn Schwab sich mit brechender Stimme und bebenden Händen ans Herz und die umnachtete Stirn greift, sieht man klassische Schauspielkunst. Aber man nimmt diesem überkünstelten Onkelchen nicht ab, dass er ein „armes, altes, nacktes zweibeiniges Tier“ im Bunde mit den Elementen sein soll. So wie er mit seinen hundert Kumpels feiert, auf der wüsten Heide herumirrt und am Ende mit der toten Cordelia eine Art umgekehrte Pietà nachstellt, ist es eher alte Burgtheaterschule. „Ihr Jungen sollt an die Macht“, sagt er am Anfang, aber erst wenn er am Ende begreift, dass in Zeiten wie diesen die Wahnsinnigen die Blinden führen müssen, könnte auch Peymann aufrichtig in seine Schicksalsmelodie einstimmen.

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