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„Der Kandidat“ in Wien : Populismus für Schwimmanfänger

  • -Aktualisiert am

Die Bühne als Experiment - aber leider ist die Schlussszene die einzig eindrucksvolle des Abends. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Veränderung geschieht so eher nie als jetzt: Georg Schmiedleitner verkompliziert die Komödie „Der Kandidat“ nach Carl Sternheim und Gustav Flaubert am Wiener Akademietheater.

          Man kann die derzeit in vielen sogenannten Industrienationen herrschende politische Klasse, oder zumindest deren hervorstechendste Repräsentanten, auch so betrachten: relativ neu in der (Berufs-)Politik, materiell gut abgesichert, ohne eigene konkrete Ideen oder Pläne, aber mit einem unerschütterlichen Glauben an sich selbst, um nicht zu sagen einem ungesunden Egoismus, Cäsarenwahn gar, gesegnet. Wahlen gewinnt so einer, indem er allen nach dem Mund redet und dabei nichts sagt. Und dann, tatsächlich an die Macht gelangt, ist ihm jedes Mittel recht, sein einziges Programm, die Selbstglorifizierung, umzusetzen. Sein Geschwätz von gestern, das muss ihn nicht mehr interessieren. Er hat ohnehin nichts Konkretes gesagt. Außer vielleicht: Veränderung! Jetzt! Oder nie!

          So sieht das, scheint es, auch der Regisseur Georg Schmiedleitner, der uns die Botschaft „Wehret den Anfängen!“ mit seiner Interpretation einer sehr schlichten, dabei unnötig verkomplizierten Komödie um die Ohren hauen will. Einst handelte es sich bei diesem Lustspiel um „Le candidat“, 1874 von Gustave Flaubert als einzig eigenständiges seiner ohnehin wenigen Bühnenwerke geschrieben. Von Carl Sternheim wurde es um 1913/14 (im Druck erschienen: 1915) auf wilhelminisch-reichsdeutsche Verhältnisse übertragen. Nun, 2018, ziemlich genau ein Jahr nach der jüngsten – man vermeide zu sagen: letzten – Nationalratswahl in Österreich kommt das Stück als „Der Kandidat“ (Untertitel: „Carl Sternheim nach Flaubert“) im Wiener Akademietheater in einer von Schmiedleitner und seinem Dramaturgen Florian Hirsch stark bearbeiteten Fassung auf die Bühne.

          Pamphlete aus dem Wahlkampf

          Sie gehen dabei mit Holzhammer und Brechstange zu Werke. Bereits das Programmheft strotzt vor Bildern, nichtssagenden Küchenweisheiten im Großdruck und wenig Text. Die längste Passage zitiert dabei aus „Populismus für Anfänger“, einer „Anleitung zur Volksverführung“ von Nina Horaczek und Walter Ötsch, im Vorjahr, also höchst aktuell, im Frankfurter Westend Verlag erschienen. Das erinnert nicht von ungefähr und, zugegeben, immerhin ganz witzig an Pamphlete aus dem Wahlkampf. Hier in Schnitzelland wird so etwas eben noch nicht überwiegend im WeltWeitenWeb ausgefochten.

          Zentral auf der Bühne, die von Volker Hintermeier gebaut ist, klotzt ein breiter, mattweiß inwendig beleuchteter Hohlkreis als gigantisches Glücksrad. Darüber hängt eine riesige Spiegelscheibe, die hauptsächlich zur Beunruhigung des Publikums – man sieht sich nicht gerne als unfreiwillige Komparsen dienstverpflichtet – hochklappt und wieder niedersinkt.

          Eine riesige Spiegelscheibe klappt hauptsächlich zur Beunruhigung des Publikums hoch und wieder nieder.

          Auf diesem monumentalen, fast ständig rotierenden Roulette hüpfen und kaspern die Schauspieler herum, alle von Su Bühler schwarz-weiß, zur Auflockerung auch mal schwarz-weiß-grau kostümiert. Manches davon erinnert vage an Moden des frühen zwanzigsten Jahrhunderts. Selten tauchen sie auch aus dem Saal auf oder gehen dahin ab, vor allem, wenn im Foyer eine Wahlversammlung mitunter mit Gesang eines immer noch populären, selbsternannten Volks-Rock’n’Rollers in Lederhosen simuliert wird.

          Auch Gregor Bloéb tritt anfangs mit entblößter Brust und verstrubbelter, dichter schwarzer Frisur auf und verkündet, er, also Leopold Russek, würde jetzt gerne bei der Wahl kandidieren, weil der Arzt ihm eine Abwechslung empfohlen habe. Sein Hauptberater wird der Hauptaktionär – in dieser Fassung: Medienunternehmer – der wichtigsten (Achtung, Anspielung auf die hiesige Zeitungslandschaft!) U-Bahn-Gratiszeitung „Die Wahrheit“, ein gewisser Grübel, den Florian Teichtmeister hübsch verschlagen, aber dafür ehrlich in Russeks Tochter verliebt, gibt.

          Neben weiteren, die ganze Familie Russeks einbeziehenden Ablenkungen und Komplotterln baut der auch noch den Fotografen, fast möchte man sagen: Paparazzo, Seidenschnur als „liberalen“ Gegenkandidaten auf. Dietmar König verleiht ihm, stets den Finger am Auslöser der grotesk aufgerüsteten Kamera, eine Aura enttäuschter Verzweiflung, ist sein Seidenschnur doch hoffnungslos verschuldet, noch dazu bei Russek. Diesen verwandelt Bloéb dabei zunehmend in eine Parodie auf einerseits (ein bisserl) Donald Trump, andererseits auf den amtierenden österreichischen Kanzler Kurz, bekanntlich ein Studienabbrecher im Stimmbruch, der stets im engen Anzug, Hemd am Hals offen, ohne Krawatte und mit streng zurückgekämmtem Haar auftritt. So auch Gregor Bloéb – offenes Hemd, nie Krawatte, gegelte Frisur.

          Flauberts und Sternheims Stück endet mit der Bekanntgabe des Erfolges des „Kandidaten“. Schmiedleitner aber hängt noch eine Coda dran. Russek, den Wahlsieg in der Tasche, verkündet seine „Neuen Zehn Gebote“, quasi in einer Bergpredigt – wiederum eine Anspielung auf einerseits Frankreichs Macron und andererseits Österreichs Kurz, die ja beide als je neuer „Messias“ apostrophiert wurden. Heraus kommt dabei nur nichtssagendes Blabla im neoliberalen Neusprech. Wenig überraschend ist diese Schlussszene die einzig eindrucksvolle des ganzen Abends, auch weil sie überhaupt nicht zur vorangegangenen Schwammigkeit des Kandidaten Russek passt, der nie zu einer fassbaren Person geworden ist.

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