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„Der Fliegende Holländer“ in Bayreuth Innentemperatur fünfzig Grad

 ·  Es geht heiß her in Bayreuth: Mit dem „Fliegenden Holländer“ eröffnen die Festspiele - so schroff und kühn, so glühend und so totenbleich, so drastisch in seinen Gegensätzen und so stringent, wie man ihn selten gehört hat.

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Die berühmtesten Festspiele der Welt sind wieder eröffnet. Der rote Teppich ist ausgerollt, die Schaulustigen drängeln sich an die Absperrungen und harren in brütender Hitze der Prominenz, die da so kunterbunt zusammengewürfelt den Grünen Hügel hinaufspaziert: Edmund Stoiber und Roberto Blanco, Guido Westerwelle und Margot Werner, Caroline Reiber, Roman Herzog, Werner Schnappauf und wie sie alle heißen. Nur die Kanzlerin fehlt. Sie hat sich dieses Jahr erst für den zweiten „Ring“-Zyklus angesagt. Man steht in großer Robe für ein Paar Bratwürste an, nippt im Kantinendunst des Pausen-Schnellrestaurants an seinem Champagner und zwängt sich anschließend ins enge Holzgestühl des Festspielhauses, dessen Innentemperatur, wie gemunkelt wird, auf geschätzte fünfzig Grad ansteigen soll.

Seine künstlerische Exklusivität hat Bayreuth tatsächlich längst verloren. „Ringe“ werden allerorten geschmiedet, immer häufiger und mit Erfolg auch an kleineren Häusern, wie jüngst etwa in Weimar. Die interessantesten szenischen Deutungen fanden in den vergangenen Jahren überwiegend anderswo statt - da half auch Wolfgang Wagners eifrige Anbiederung an den Regietheaterzeitgeist nicht viel. Schließlich - und das ist wohl die schmerzlichste Einbuße, mit der Bayreuth zu kämpfen hat - ist auch das musikalische Niveau durchaus nicht immer festspielwürdig. Als Reaktion auf den Einbruch, den der „Tristan“-Dirigent Eiji Oue vergangenes Jahr erlebte, hat man sich für dieses Jahr rasch wieder der Solidität eines Peter Schneider versichert. Und auch sängerisch dominiert - von einigen wenigen glanzvollen Ausnahmen abgesehen - schon seit einiger Zeit gediegenes Mittelmaß.

Bayreuths großes ästhetisches Versprechen

Diesmal liefern nicht einmal mehr die sonst im Vorfeld ausgetragenen familiären Zwiste und Verwerfungen Stoff, an dem sich ein Streit über Sinn und Ziel der Festspiele produktiv entzünden könnte. Wagnerenkel Wolfgang, sechsundachtzigjähriger Festspielleiter, schweigt nach wie vor beharrlich, wenn es um die Frage seiner Nachfolge geht. Alle Diskussionen scheinen verödet. Selbst die traditionelle Pressekonferenz wurde im vergangenen Jahr einfach abgeschafft. Statt dessen präsentiert sich Wagner mit seiner Tochter und Wunschkandidatin Katharina - seinem „Mädchen für alles“, wie er im Radio unfreiwillig uncharmant verkündete - in einem doppelseitigen Interview der Lokalpresse als trautes, auf einer Duftwolke wechselseitiger Beweihräucherung schwebendes Paar.

Trotz alledem: Die Bayreuther Festspiele sind einzigartig - und dies nicht nur in ihrer unverbesserlichen Mischung aus Mief und Glanz. Es ist nach wie vor das große ästhetische Versprechen, das von diesem Ort mit seiner offenbar unnachahmlichen Akustik, dem „mystischen Abgrund“ seines verdeckten Orchestergrabens, ausgeht, das nach Bayreuth lockt. Und wenn es, wie am Eröffnungsabend mit der Wiederaufnahme des „Fliegenden Holländer“ geschehen, künstlerisch - sei es auch nur partiell - eingelöst wird, dann hat diese Erfüllung eine völlig andere, ans Utopische grenzende Qualität, die in Salzburg oder Aix-en-Provence oder Stuttgart nicht möglich wäre.

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