04.04.2009 · Die Geschichte von Maxim Billers verbotenem, weil Persönlichkeitsrechte verletzendem Roman „Esra“ kommt auf die Bühne. Angela Richters Hamburger Inszenierung will die Kunst vor allem vor dem Geschwätz retten. Doch das ist nicht totzukriegen.
Von Julia EnckeIrgendwann an diesem Abend ist hinter der Bühne, die ein einzigartiges Lichterkabinett ist, ein Irrgarten aus Glühbirnen, die das fadenscheinige Licht showbusinesshafter Aufmerksamkeit spenden, auf einer Leinwand der Sänger Scott Walker zu sehen. Er singt „In My Room“, ein Einsamkeitslied, schön, melancholisch und auch ein bisschen wehleidig: „In my room, where every night is the same / I play a dangerous game / I keep pretending she’s late / So I sit, and I wait“. Man sieht ihn dabei nicht allein in seinem Zimmer. Er spielt dieses Lied über die gefährlichen Einsamkeitsspiele, die er zu Hause betreibt, vor dem Publikum, das er als Künstler braucht und dessen Applaus zu hören ist.
Und im Grunde sind genau damit die Koordinaten bestimmt, die die Regisseurin Angela Richter ihrer Hamburger Inszenierung von „Der Fall Esra“, dem „Rezeptionsdrama“ über den verbotenen Roman des Schriftstellers Maxim Biller, zugrunde legt: die einsam-heiklen Fiktionsspiele mit der wirklichen Erinnerung, die zu den Bedingungen der Produktion von Kunst oder Literatur gehören; die reflektierte und manchmal wehleidige Rede des Künstlers über den Prozess dieses Schaffens; und das Publikum, das jeder Künstler braucht wie die Luft zum Atmen, eine nicht zu kontrollierende, immer voyeuristische Größe, die ein reales Eigenleben führt und den Künstler wiederum heimsuchen kann – also wir.
Kein Dokumentartheater
Im Oktober 2007 verfügte, nach einem aufsehenerregenden Prozessweg durch die Instanzen, das Bundesverfassungsgericht, dass Maxim Billers Roman „Esra“ vom Verlag Kiepenheuer & Witsch nicht weiter verbreitet und veröffentlicht werden darf. Eine ehemalige Freundin des Schriftstellers, eine Schauspielerin, hatte sich im Roman wiedererkannt, ihre Persönlichkeitsrechte verletzt gesehen und Klage eingereicht, was die Diskussion über die Freiheit der Kunst neu belebte – mit großer Anteilnahme am Schicksal des Autors, mit dem sich Künstlerkollegen wie Elfriede Jelinek, Herbert Achternbusch oder Peter Zadek öffentlich solidarisierten.
Angela Richter macht daraus kein Dokumentartheater. Es gibt in ihrer Hamburger Inszenierung keine explizite „Esra“-Figur, keine „Klägerin“ und niemanden, der „Maxim Biller“ spielt – auch wenn der Schauspieler Sebastian Blomberg mit Brille und Strickjacke ausgestattet ist und man sich Maxim Biller in so einer Cardigan eigentlich ganz gut vorstellen könnte. Es geht auch nicht um die bloße Ausstellung der unterschiedlichen Redeweisen, die während der Diskussion um den Prozess, oft unvereinbar, zu hören und zu lesen waren: die Sprache der Literatur, die juristischen Fachklauseln, der Jargon germanistischer Gutachter, der Diskurs juristischer Wochenschriften und der des Feuilletons.
Kunst und Geschwätz
Vielmehr werden all diese Redeweisen bei Angela Richter von Beginn an ironisiert, überdreht. Und in genau dieser Verzerrung treten die Regisseurin und ihre über Passagen hinweg frei improvisierenden Schauspieler gegen die Rezeptionsmechanismen an, die das Private in der Kunst in Gang setzt. Gegen die voyeuristische Enthüllungssucht, mit dem die Öffentlichkeit einem Kunstwerk begegnet: Wer ist wer? Ist das echt? Ist es autobiographisch? Je eifriger die öffentlichen Enthüllungsorgane am Werk sind, desto mehr schutzsuchende Klagen derer, die sich in der Kunst wiederzuerkennen glauben, wird es geben. Das Persönlichkeitsrecht muss in einer solchen Spiralbewegung nur immer rigider werden. Und so geht es an diesem Abend auf Kampnagel um nicht weniger als um die Rettung der Kunst vor der planierraupenhaften Plattmachungskraft des Gossips.
„Psssst! Vielleicht ist ja Esra da! Oder Maxim Biller! Das käme nämlich drauf an“, flüstert der Schauspieler Yuri Englert zu Beginn ins Publikum. „Schließlich geht es hier jetzt um Sex! Um Intimsex!“ Nur bei Sexstellen macht die Enthüllung ja überhaupt Spaß. Keine ehemalige Geliebte müsste klagen, wenn sie sich in einer Szene wiedererkennen würde, in der sie einfach nur in der Küche hantiert – weswegen die Darsteller auf der Bühne sich gierig auf die Sexszenen eines „verbotenen, für 865 Euro bei Ebay ersteigerten ,Esra‘-Exemplars“ stürzen, und sich an diesen Stellen so sehr aufgeilen, bis sie sich endlich vorstellen, wie die ganze Erregung sich in einem Riesenorgasmus entladen kann und „in einer neue Sturmflut“ über ganz Hamburg niedergeht. Das ist bitter und komisch und wird sofort konterkariert: Die Schauspielerin Melanie Kretschmann hält ein stilles und ernsthaftes Plädoyer für „Esra“ als „berührenden Roman“. Seltsam fremd müssen ihre Worte da klingen, unspektakulär angesichts der eben noch so großen Aufregung.
Das Drama setzt sich fort
So dicht diese Szenenfolge ist, in der Dietrich Kuhlbrodt, Schauspieler und Oberstaatsanwalt a. D., als Richter irgendwann ein Urteil fällt und sich dabei wunderbar verzettelt; sie gewinnt ihre eigentliche Dynamik erst durch eine völlig überraschende und in ihrer Konsequenz beeindruckende Wende. Denn plötzlich packen auf der Bühne die Schauspieler aus und bedienen das Publikum mit genau dem, was es aus ihrem vermeintlich realen Schauspielerleben bestimmt doch schon immer wissen wollte: Mit der Nachricht von Orgien und durchkoksten Nächten mit einer bekannten Schauspielerin besorgt es Sebastian Blomberg als „Sebastian Blomberg“ in einer phantastisch gespielten Szene den Zuschauern, mit glamourösen Abendessen, bei denen wirklich alle große Namen zugegen waren – und treibt die Verwischung der Grenzen von Fakten und Fiktion, von Kunst und Privatem so bis zum Äußersten.
„Meinst du, dass das stimmt, dass die Regisseurin X sich in den Schauspieler Y verliebt hat und nicht mehr mit dem Regisseur Z zusammen ist?“, hört man nach dem Stück in der Vorhalle eine Zuschauerin eine andere fragen. „Und welcher Kritiker ist das, der angeblich im Publikum saß und mit dem die Schauspielerin Oana Solomon von eben jetzt zusammen ist?“ So setzen diejenigen, die das Stück gesehen haben, das Drama hinterher noch weiter fort. Denn natürlich ist das Geschwätz nicht totzukriegen, auch nicht, wenn es in einer wilden Karikatur zur Schau gestellt wird. Aber die Kunst, das ist die gute Nachricht des Abends, ist eben auch nicht totzukriegen. Die Kunst, dieses gefährliche und einsame Spiel, als Allerletztes.