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Dirigent Harnoncourt ist tot : Eine Nabelschnur verbindet uns mit dem Göttlichen

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Nikolaus Harnoncourt, geboren am 6. Dezember 1929, gestorben am 5. März 2016, im Februar 2008 in Zürich Bild: dpa

Die heutige musikalische Vorstellung großer Komponisten hat Nikolaus Harnoncourt geprägt wie kaum ein anderer. Jetzt ist der Dirigent und Cellist im Alter von 86 Jahren gestorben.

          Der österreichische Dirigent Nikolaus Harnoncourt ist am Samstag im Alter von 86 Jahren gestorben. Er sei friedlich im Kreis seiner Familie entschlafen, gab die Familie in einer kurzen Stellungnahme bekannt. „Trauer und Dankbarkeit sind groß. Es war eine wunderbare Zusammenarbeit“, schrieb seine Frau Alice im Namen der Verwandten.

          Johann Nikolaus Harnoncourt, mit eigentlichem Namen Johann Nicolaus Graf de la Fontaine und d'Harnoncourt-Unverzagt, kam am 6. Dezember 1929 in Berlin auf die Welt. Die Familie seines Vaters stammt aus luxemburgisch-lothringischem Uradel und führte den Grafen-Titel. Mütterlicherseits ist Harnoncourt mit dem Hause Habsburg verwandt. Der Vater Eberhard wollte ursprünglich Musiker werden, entschied sich aber für den Beruf des Tiefbauingenieurs und war später als Kulturreferent in der Steiermark tätig.

          Harnoncourt wuchs mit seinen Geschwistern Alice, Renatus, Philipp, Juliana, Karl und Franz in Graz auf, wurde ab seinem 16. Lebensjahr auf dem Cello von Paul Grümmer unterrichtet und studierte von 1948 bis 1952 an der Wiener Musikakademie bei Emanuel Brabec, dem Solocellisten der Wiener Philharmoniker. Über Eduard Melkus und Josef Mertin kam Harnoncourt mit der Alten Musik in Berührung.

          Fast zwanzig Jahre für fast zweihundert Kantaten

          Von 1952 bis 1969 war Harnoncourt als Cellist Mitglied der Wiener Symphoniker unter Herbert von Karajan und beschäftigte sich neben der Orchesterarbeit mit musikhistorischen Studien. Zur Erforschung der Spielweise und -technik von historischen Instrumenten hatte er bereits 1949 das Wiener Gamben-Quartett gegründet. Zudem begann er in den fünfziger Jahren, historische Instrumente zu sammeln, wofür die Familie auf vieles verzichten musste. 1953 rief Harnoncourt mit seiner Frau, der Geigerin Alice Hoffelner, und weiteren Musikern ein eigenes Ensemble ins Leben. Der „Concentus Musicus Wien“, der fast ausschließlich auf Originalinstrumenten – teilweise aus der privaten Sammlung  Harnoncourt – spielt und durch alte Aufführungspraktiken die Musik vergangener Jahrhunderte verständlich zu machen versucht, musizierte zunächst im privaten Kreis, um Spieltechniken und Klangmöglichkeiten zu erarbeiten. 1957 gab das Ensemble in Wien sein öffentliches Debüt und absolvierte 1960 die erste Europa-Tournee. Ein erster internationaler Erfolg war 1962 die Aufnahme der „Brandenburgischen Konzerte“ von Bach.

          Nach seinem Ausscheiden bei den Wiener Symphonikern konzentrierte sich Harnoncourt als Dirigent und Musikforscher darauf, dem „stumpfsinnig-ästhetisierenden Musizieren“ entgegenzuwirken und ließ aus Sorge vor dem Abnutzungseffekt der Tournee-Musik das „Concentus Musicus“-Ensemble zunehmend im Plattenstudio arbeiten. 1971 begann er, ausgestattet mit einem Plattenvertrag für Telefunken, in Zusammenarbeit mit Gustav Leonhardt das gesamte Bach-Kantatenwerk einzuspielen, ein ambitioniertes Projekt, das beinahe zwanzig Jahre in Anspruch nahm. Im Dezember 1989 kam mit der 45. Aufnahme die in der Zählung von Wolfgang Schmieders Bach-Werke-Verzeichnis 199. und letzte Kirchenkantate von Johann Sebastian Bach unter Harnoncourts Leitung heraus. Insgesamt realisierte das Ensemble bis 2003 mehrere hundert Einspielungen und deckte ein breites Repertoire vom 13. bis zum 18. Jahrhundert ab.

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