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Zum Tod Karl-Ernst Herrmanns : Die Schule des besseren Sehens

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Karl-Ernst Herrmann hatte Sinn für das Beiläufige. Bild: Ruth Walz

Er sah etwas, was wir nicht sahen, dafür schenkte uns der Zauberkönig der Bühnenbildner die Schaulust. Jetzt ist Karl-Ernst Herrmann mit 82 Jahren in Berlin gestorben.

          Natürlich konnte er auch einen Panzer auf die Bühne bringen. Zum Beispiel einen britischen Tank aus dem Ersten Weltkrieg. In Originalgröße samt allen Details. Mit Bord-MG, Sicht- und Schussluken, bestialisch rasselnden Ketten. Ein Stahlgetüm, bedeckt mit dem Dreck und dem Schlamm der Schlachtfelder, auf denen sich „Der Untergang des Egoisten Fatzer“ in einer „Auswahl aus dem Fatzer-Fragment“ Bertolt Brechts abspielte, in Szene gesetzt 1976 in der alten Berliner Schaubühne am Halleschen Ufer. Dabei wirkte der Panzer, den der Bühnenbildner Karl-Ernst Herrmann in den engen, beschränkten Raum des Hauses hineingewuchtet hatte, weniger als naturalistisches kriegerisches Bild-Zitat. Mehr als anarchisches Un- und Urtier. Ein vernichtendes Schreckenswunderding, menschenfresserisch, schillernd in allen Untergangsfarben.

          Dieses Ding war 1976 schon seit rund sechzig Jahren bekannt. Der Bühnenbildner hat es nur vorgefunden. Aber er hat das Vorgefundene zu seiner Erfindung gemacht. Und es war nichts der Szene pseudo-genialisch oder großtuerisch Aufgenötigtes, sondern wurde aus der Szene heraus entwickelt, ihren Figuren, ihrem Menschen- und Schreckensmöglichen. Es kam nicht aus dem Baukasten, in dem die Einfälle plump parat liegen. Es kam aus einem schaugierigen Bewusstsein. Das dorthin wundersehend drang, wo andere (also wir) nur Material oder gar nichts sahen.

          Immer um eine Illusion reicher

          Natürlich musste es kein Panzer sein. Ein Apfel tat es auch. Oder ein kleines hölzernes Schaukelpferdchen. Der Apfel lag am Rand eines Teiches, der in seinem halben Rund von einer meterdicken übermannshohen Hecke umgeben war, in die man geheimnisvolle Türen hineingeschnitten hatte, Zu- und Ausgänge eines Wohnlabyrinths, in dem paradiesisch komische, von der Welt abgesonderte Menschen hausten: das Personal des „Triumphs der Liebe“ von Pierre Carlet de Chamblain de Marivaux, 1985 im neuen Haus der Berliner Schaubühne am Lehniner Platz von Luc Bondy inszeniert. Seine vielleicht schönste, wunderreichste Regie-Reise hinein in den Kontinent, der Begehren heißt. Ein Stück, zeigte Bondy, in dem die falsche, gelogene Liebe die umwerfendere, tollere als die wahre sei. Die Säulen des Rundtempels von Delphi, in dem in alter Zeit Pythia die Wahrheit log, hatte Bondys Bühnenbildner Karl-Ernst Herrmann auf ein Inselchen mitten im Teich gesetzt. Das perfekte Paradies, das vollkommene Asyl. Getaucht in Mozarts letzten, im Dreiachtel-Zauber flirrenden Satz seines letzten Klavierkonzerts – und in ein zauberisches Licht, das über alles perfekt aufklärte und zugleich alles ganz wunderbar in einem Dunkel überraschendster Möglichkeiten ließ.

          Und da spielte nun plötzlich dieser kleine Apfel mit, den wir ob der grünschimmernden Hecke, des Tempels, des Teiches, Mozarts B-Dur-Abgrundseligkeit (auf die Melodie von „Komm lieber Mai und mache . . .“) gar nicht bemerkt hätten. Ein ältliches Mädchen, flachbrüstig, säuerlich gespreizt und affektiert, der vorgelogen wurde, ein Eindringling ins Paradies, der naturgemäß eine falsche Schlange war, die unter ihrer Verkleidung mit einem Männerkostüm eine intrigante Frau verbarg, hätte sich in die alte Jungfer verliebt.

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