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Altenstein wird Kulturdenkmal : Ein Schloss für Brahms

Eigentlich war Schloss Altenstein in Thüringen nur noch eine Ruine, nun erwacht die Residenz wieder zu neuem Leben - und beherbergt als Kulturdenkmal eine Gedenkstätte für den Komponisten Johannes Brahms. Bild: Jan Brachmann

Altenstein in Thüringen ist zum „Kulturdenkmal von nationaler Bedeutung“ erklärt worden. Ein neues Museum erinnert dort an die Musik von Johannes Brahms.

          Musik kann – wie man weiß – Steine bewegen, und das heißt nicht nur, dass sie Steine erweicht. Sich rühren sei besser als gerührt sein, behauptete Bertolt Brecht, und was Brecht recht ist, das ist Brahms billig. Ohne Johannes Brahms wäre das Schloss Altenstein in Bad Liebenstein, am Südwesthang des Thüringer Waldes, heute vermutlich noch immer die Ruine, die ein Brand im Februar 1982 hinterließ. Jetzt aber sind die Steine in Bewegung geraten, das Schloss ersteht neu.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Acht Jahre nämlich nach der Katastrophe, die das gesamte Interieur – das Treppenhaus, die Kassettendecken, Fensterbänke, den gekachelten Kamin – vernichtet hatte, kamen Kurt und Renate Hofmann aus Lübeck hierher. Die beiden gehören zu den wichtigsten Brahms-Forschern und Brahms-Sammlern weltweit. Das Lübecker Brahms-Institut, eine der umfangreichsten Quellensammlungen zu dem Komponisten, heute geleitet von Wolfgang Sandberger, fußt auf der jahrzehntelangen Arbeit des Ehepaars. Die Hofmanns sahen den Jammer in Altenstein, aber auch die einzigartige Schönheit des 160 Hektar großen Landschaftsparks mit dem dazu passenden Schloss, das Herzog Georg II. von Sachsen-Meiningen, der große Theaterimpresario und Musikförderer, zwischen 1888 und 1891 im Stil englischer Herrenhäuser der Spätrenaissance hatte umbauen lassen.

          Kurz nach der ersten Begegnung mit dem zauberhaften Ort machten die Hofmanns auf einen besonderen Umstand aufmerksam: Brahms war zweimal hier gewesen, als Gast des Herzogs und dessen Gattin, Helene Freifrau von Heldburg, die ihn freundschaftlich wie ihresgleichen behandelten. Das Balkonzimmer im zweiten Stock hat er vermutlich bewohnt und schrieb seiner Freundin Clara Schumann am 17. November 1894: „Ich wünschte (und die Herrschaften auch), Du mögest hier an meinem Fenster sitzen, auf meinen Balkon hinausgehen können und dann hinaus in den herrlichen Park und Wald. Die schönsten Fasane, Hirsche und Rehe dutzendweis spazieren mit.“ Ein knappes Jahr später kam er wieder. Beide Besuche – das lässt sich detailreich belegen – waren erfüllt von Gesprächen über Kunst und Politik und vom Musizieren auf höchstem Niveau im engsten Kreis.

          Hartnäckigkeit eines brennenden Herzens

          Heute, da Brahms’ Geburtshaus in Hamburg und sein Sterbehaus in Wien nicht mehr stehen, ist Schloss Altenstein – neben dem zeitweiligen Sommerhaus in Baden-Baden – einer der letzten verbliebenen authentischen Orte, die eine emphatische Verknüpfung mit Brahms’ Biographie vorweisen können. Durch diesen Umstand – und mit der Hartnäckigkeit eines brennenden Herzens – ist es den Hofmanns gelungen, eine Neubewertung der Liegenschaft, die zur Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten gehört, zu bewirken. Schloss und Park Altenstein gelten jetzt als „Kulturdenkmal von nationaler Bedeutung“. Der Bund bezuschusst mit beträchtlichen Beträgen den Wiederaufbau des Schlosses und die Einrichtung einer Brahms-Gedenkstätte.

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          Im Freistaat Thüringen und bei der Schlösserstiftung sah man das anfangs mit Freude und nahm auch die großzügige Schenkung gern an, mit der das Ehepaar Hofmann nicht nur kostbare Brahms-Autographe, Erstdrucke, Originalbilder, Plastiken und ein Klavier, sondern auch mehrere hundert snuff bottles – chinesische Schnupftabakfläschchen als Reminiszenz an die verschwundene herzogliche Sammlung von Chinoiserien – in die Obhut der Stiftung überführte.

          Doch dann gestaltete sich die Zusammenarbeit zäh. Die vertraglich zugesicherte Wiedereröffnung für das Jahr 2015 wurde verschoben, die Präsentation der Stücke aus der Hofmannschen Sammlung mit immer neuen Auflagen der Katalogisierung versehen. Die Umsetzung weiterer Pläne – ein Festival auf Altenstein in einem eigenen Konzertsaal – wurde politisch ins Vage entrückt. Ein Wunder, dass Kurt und Renate Hofmann, mittlerweile vom Alter und von mancher Krankheit im Eifer gebremst, sich ihren Enthusiasmus nicht gänzlich haben rauben lassen.

          Laboratorium für Symphonien

          Jetzt, inmitten des halbfertig sanierten Schlosses mit frisch gedecktem Dach, intakten Fenstern und restaurierter Kassettendecke im Festsaal, ist das neue Brahms-Museum zusammen mit dem chinesischen Kabinett endlich eröffnet. Im ersten Stock des Hauses ist ein Raum mit dem charakteristischen Bogenfenster zum Schlosspark hin ganz dem Komponisten gewidmet. Ein sitzender Brahms aus Bronze, Entwurf des Bildhauers Reinhold Felderhoff für ein Hamburger Denkmal aus dem Jahr 1901, dominiert die Mitte des Raums. Ein Klavier der Firma Burger & Jacoby, wie Brahms es zwischen 1886 und 1888 in seiner Sommerwohnung im schweizerischen Thun nutzte, steht an der Seite. Dazwischen erzählen Fotogravuren, Originalbriefe und Notendrucke, wie eng Brahms’ Verhältnis über Jahre hinweg zu Meiningen und seiner Hofkapelle, zu Altenstein und zum herzoglichen Paar war. Schließlich hatte das Orchester unter der Leitung von Hans von Bülow dem Komponisten ein Laboratorium für dessen dritte und vierte Symphonie geboten. Und der Klarinettist der Kapelle, Richard Mühlfeld, war es, der Brahms zu dessen späten Werken für dieses Instrument inspirierte, die dann auch auf Schloss Altenstein im Beisein von Brahms erklungen waren.

          Nebenan, im chinesischen Kabinett, sind etwa zweihundert snuff bottles (Schnupftabakflaschen) vom chinesischen Kaiserhof des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts zu bestaunen: aus Stein, Elfenbein, Lapislazuli, in Gestalt von Krokodilen, Libellen, Affen, als befüllbare Medaillons, teilweise bemalt mit expliziten erotischen Szenen.

          Erstmals zugänglich

          Dass man diese Räume überhaupt betreten kann, ist ein Novum in der Geschichte des Schlosses, das für die Öffentlichkeit noch nie zuvor zugänglich gewesen war. Den Blick vom Park aufs Schloss genießen jährlich 130.000 Besucher. Aber der Blick, den Brahms vom Balkon auf den Park hatte, blieb bislang wenigen Menschen vorbehalten. Aus dem Besitz der herzoglichen Familie war das Schloss in staatliche Hände übergegangen, beherbergte eine Schule für Agraringenieure, dann das Gästehaus der Handwerkskammer der DDR, bevor es ausbrannte. Entsprechend groß wird der Andrang sein, wenn das Haus zur Besichtigung der Hofmannschen Schätze am 28. Mai erstmals und dann an jedem ersten Sonntag im Monat geöffnet wird. Unter der Telefonnummer 03 69 61/6 93 20 sollte man sich vorher in Bad Liebenstein anmelden. Denn die empfindlichen Exponate, die zudem des fachlichen Kommentars bedürfen, werden nur bei Führungen gezeigt. Die Teilnehmerzahl ist begrenzt.

          Ab 2021 soll dann endlich das ganze Schloss fertig sein – mit Konzertsaal und Seminarräumen, hoffentlich für ein eigenes Brahms-Festival und internationale Meisterkurse der Kammermusik, mit einer Wohnung für wechselnde „Hofkomponisten“, vielleicht gar für eine strahlkräftige Brahms-Akademie von internationalem Gewicht. Georg II. soll ein weitsichtiger Monarch gewesen sein. Vielleicht hat er das alles schon geahnt, als er Brahms bei sich aufnahm.

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