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Veröffentlicht: 04.11.2013, 10:16 Uhr

Deep Purple in Mannheim Wir sind die Band, die Bier trinkt

Es ist ein großes Glück, für zwei Stunden von der Gegenwart und ihrem Innovationswahn nicht belästigt zu werden. Beim Mannheimer Konzert von Deep Purple wurde es wahr.

von Jürgen Roth
© AP Je spitzer der Mund, desto tiefer der Pop: Ian Gillian singt an der Front von Deep Purple.

Das Rad neu erfinden? Muss man das? Ist es der unausgesprochene Imperativ unserer innovationssüchtigen Zeit? Oder können Dinge nicht auch einmal bleiben, wie sie sind? „Wo einst selbst der angepassteste Rock etwas von den Spannungen und den Fieberkurven seiner Zeit mitbekam, besucht man heute Rockkonzerte, die vollkommen von der Gegenwart entkoppelt sind“, schreibt der englische Kulturkritiker Mark Fisher. Ist das schändlich? Oder drückt sich darin womöglich das legitime Bedürfnis aus, endlich einmal seine Ruhe haben zu wollen? Für knapp zwei Stunden nicht behelligt zu werden von einer Gegenwart, die, in permanenten Neuerungen sich selbst verschlingend, leer und belästigend, sinnlos und auszehrend ist?

Roger Glover, der Bassist von Deep Purple, trägt an diesem Abend in der gutgefüllten Mannheimer SAP-Arena ein rotes Kopftuch. Er ist, auf die siebzig zugehend, drahtig; aber er protzt nicht mit seiner Agilität. Seit 1970 Mitglied der britischen Hardrockband, ist er die verkörperte Seele einer Musikergruppierung, die lange Zeit nicht das Wohlwollen der Kritik gefunden hat. „Dampfhammerrock“ und ähnliche Etiketten klebte man ihr nimmermüd’ an. Unter sogenannten fortschrittlichen Menschen war das ein irreversibles, vernichtendes Urteil. Wenn schon laute, harte, schneidende Rockmusik, dann bitte Led Zeppelin oder Black Sabbath.

Es gibt kein Geheimnis

Großartig an Deep Purple ist, dass sich die Band um dergleichen popdiskursive Mätzchen nie geschert und dass sie nie einen Hehl daraus gemacht hat, im guten Sinne unambitioniert zu sein. Deep Purple wollten nie modisch sein, liefen nie irgendeinem Trend hinterher, sondern hielten sich stets an ihre ungeschriebenen Geschäftsbedingungen: schlicht Musik zu machen. Und die ist, man darf ausnahmsweise das abgedroschene Wort benutzen: zeitlos.

Sind es zehntausend Zuschauer an diesem Abend? Möglich. Vielleicht sind es auch achttausend. Wer spielt heute noch vor, wer weiß, neuntausend Menschen? Und beseelt sie, allesamt, wie es scheint?

Das Geheimnis von Deep Purple ist, dass die Band um Sänger Ian Gillan und das Gründungsmitglied Ian Paice, diesen unerhört shuffelnden Drummer mit seinen berühmten „ghost notes“, diesen Buddy Rich der Rockmusik, keines hat. Deep Purple sind eine Rockband, die wahrscheinlich großartigste unserer Zeit, und damit hat es sich. Wer will denn dauernd, zumindest an einem Abend wie diesem, die Gegenwart ausgeleuchtet, gedeutet, kommentiert wissen?

Gesang aus einer anderen Welt

„Ich erkenne in den tiefsten Tönen der Harmonie, im Grundbass, die niedrigsten Stufen der Objektivation des Willens wieder“, schrieb Schopenhauer über die seiner Ansicht nach höchste aller Kunstformen. „Alle die hohen Töne, leicht beweglich und schneller verklingend, sind bekanntlich anzusehen als entstanden durch die Nebenschwingungen des tiefen Grundtones“, fuhr er fort, freilich ohne Ian Gillans noch immer beeindruckende Kopfstimmenakrobatik kennen zu können.

Kaum zu glauben - aber live entfaltet das zu Klump gedudelte und genudelte „Smoke on the Water“ nach wie vor eine beglückende Kraft, die sich aus einem unprätentiösen Gitarrenriff, einer treibenden Basslinie und einem vorwärtsdrängenden Schlagzeug speist, und darüber schwebt Ian Gillans Chorusgesang wie aus einer anderen, gleichwohl hiesigen Welt.

Eine Band der Arbeiterklasse

Der Grundton von Deep Purple ist unaufgeregt vital, willensstark, ohne wichtigtuerische Attitüde, und über ihm perlen die virtuosen Glissandi-Improvisationen von Keyboarder Don Airey und die sämig-schwingenden Gitarrenläufe von Steve Morse. Zweifelsohne seit zwanzig Jahren, seit das erratische Gitarrengenie Ritchie Blackmore die Band verlassen hat, entbehren die Auftritte von Deep Purple der einst abenteuerlichen Unwägbarkeit, und viele der Klassiker - „Into the Fire“, „Perfect Stragers“, „Space Trucking“ - sind, nicht zuletzt, um Ian Gillan entgegenzukommen, nach unten moduliert und im Tempo gezügelt. Doch ist das ein Grund, die Vergangenheit zu verklären und die Gegenwart zu schmähen?

Das Wort Legende kenne er nicht, hat Roger Glover einmal gesagt - und: „Deep Purple waren nie eine Drogenband. Wir sind eine Band, die Bier trinkt. Wir sind eine Band der Arbeiterklasse - we are a working class band.“ Die sieben-, die acht-, die neuntausend Fans honorieren das. Sie honorieren, dass die Lightshow dezent und der Sound betörend transparent ist, und sie honorieren, dass da eine im besten Sinne authentische Band auf der Bühne steht, die in sich ruht und Freundlichkeit ausstrahlt, eine Haltung, die in der gemeinen Gegenwart wenig zählt. Old loves die hard. Oder wie heißt es in einem englischen Deep-Purple-Internetforum? „Ich kenne keine andere Band, die härter arbeitet, als es diese Kerle tun.“

Too old to die young

Großartig auch: Deep Purples neues Album „Now What?!“, das sich eine halbe Million Mal verkauft haben soll. Mit dem verspielt-majestätischen „Après Vous“ eröffnet das Quintett den Abend, und in der Mitte des wie vorüberfliegenden Konzerts erinnern Deep Purple mit „Above and Beyond“ an den Organisten Jon Lord, der im vergangenen Jahr verstorben ist. Keiner von denen, denen jetzt die Tränen herunterlaufen, schämt sich.

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Ian Gillan trägt ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Too old to die young“. In der Ballade „All the Time in the World“, die Deep Purple heute leider nicht spielen, singt er: „And so I watch the world go racing by. Tearing up the street. I lay back in the long grass. Take it easy and rest my feet.“ Das ist es. Und: Es ist würdevoll, durch und durch, bis zum furiosen Finale mit „Black Night“, dem entspannt ausufernden Hit aus dem Jahr 1970.

Ja, it’s only Rock ’n’ Roll - but we like it. Oder wie sagt Roger Glover? „Ich glaube, dass eine Band ihre Position nicht dazu nutzen sollte, um den Leuten zu erzählen, was zu tun und zu denken ist.“

Glosse

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Von Melanie Mühl

In Zeiten sparerfeindlicher Zinspolitik müssen alternative Anlagestrategien her. Gierig zu sein, wenn andere ängstlich sind, das empfiehlt der Investor Warren Buffett. Was, wenn man ihn beim Wort nähme? Mehr 8 5

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