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David Marton im Gespräch : Theater als Dauerbefreiung

  • -Aktualisiert am

Berührung ist alles: David Marton hat 2015 das „Opernhaus der Kammernspiele“ gegründet. Bild: Imago

Matthias Lilienthals Münchner Kammerspiele werden kontrovers diskutiert, das neue hauseigene „Opernhaus“ aber zieht die Zuschauer an. Ein Gespräch mit dessen Gründer David Marton.

          David Marton, 1975 in Budapest geboren, ist ausgebildeter Pianist. Im Berlin der späten neunziger Jahre tauschte er die Konzert- mit der Volksbühne. 2015 gründete er das „Opernhaus der Kammerspiele“, in dem er feinsinnig auf den musikalischen und theatralen Grund bekannter Stoffe schaut. Mit seinen phantasievollen Improvisationen steht Marton in der Tradition seines Lehrers Christoph Marthaler. Vor kurzem hatte an den Kammerspielen seine Version von Jack Kerouacs Kultroman „On the Road“ Premiere. Ein Gespräch über Musik, Theater und ihre Berührungspunkte.

          Sprechen Sie lieber über Musik oder Theater?

          Ich glaube, ich rede viel lieber über Theater.

          Warum?

          In klassischer Musik kenne ich mich zu gut aus. Und das verleitet einen zum Tunnelblick. Meine gesamte Kindheit und Jugend war voller klassischer Musik. Ich setze mich gerne ans Klavier, aber der Klassik-Industrie gegenüber bin ich eher skeptisch. Dadurch, dass die klassische Musik per se auf Perfektion getrimmt ist, ist das eine Lebens- und Denkform, die das Störende, Nichtbalancierte, das Scheiternde vollkommen auszusperren versucht. Am Theater hat man oft mit Menschen zu tun, die bereit sind, hinter die Grenzen ihrer dunklen Seiten zu gehen und damit arbeiten – das liegt mir viel mehr. Theater ist für mich wie eine Dauerbefreiung.

          Bei Ihren Projekten ist der Schauspieler oft nicht mehr vom Musiker zu unterscheiden – und umgekehrt. Was muss ein Künstler können, um bei Ihnen mitspielen zu dürfen?

          Nichts. Aber vielleicht heißt das einfach nur, dass mir andere Dinge viel wichtiger sind als das Können. Ich arbeite mit Musikern und Schauspielern, die sehr viele Begabungen haben. Aber man ist seinem Instinkt und seinen Gefühlen ausgeliefert. Mich berührt, wenn jemand eine sehr eigenständige Sicht auf die Dinge hat, wenn jemand etwas Besonderes in den Raum und auch ins Stück bringt und ich dieses Besondere mag. Ich finde, Berührung ist sehr wichtig. Bei wem ist es von Anfang an so, dass ich zugucken, sprechen, hören will? Mal ist es eine Stimme, mal ein Blick, den ich immer wieder sehen will...

          Was berührt Sie persönlich jenseits des Theaters, der Musik?

          Zum Beispiel der neue Film von Ildikó Enyedi, der die Berlinale gewonnen hat. Ich bin ein großer Fan von ihr. Ihre Filme sind gleichzeitig irrsinnig exakt und sensibel. Und sie schreibt ganz tolle Geschichten, finde ich. Als ich in den neunziger Jahren an der Budapester Akademie studiert habe, liefen gerade ihre ersten Filme in den Kinos. Für mich ist sie eine sehr wichtige Motivation für die Regie gewesen – und dafür, die Musik zu verlassen.

          Nun also Jack Kerouac, „On the Road“. Keine Oper. Auch kein Drama. Literatur. Der spezielle Rhythmus, in dem Kerouac schreibt: Ist das für Sie Musik?

          Ja. Aber gerade weil es Musik ist, habe ich mich davor gehütet, daraus Musik machen zu wollen. Ich finde eben, Musik gehört grundsätzlich zu unserem Leben, zu unseren Lebensräumen dazu.

          Jazz, Kerouac, die Beat Generation – mit diesen Schlagworten assoziiert man Improvisation. Was bedeutet das für Sie?

          Die Frage, wie viel oder wie wenig Improvisation man zulässt, ist eigentlich die Grundfrage meiner Arbeit. Außer vielleicht in bestimmten frühbarocken Aufführungspraktiken gibt es keine andere musikalische Form als den Jazz, in der Freiheit und Bindung so klar ein Dauerthema sind. Ich habe in meine Arbeit immer Improvisation eingebunden, aber dieses Mal habe ich das ins Extreme treiben wollen. In den ersten Probenwochen haben wir praktisch nur improvisiert. Letztlich das Gleiche, was Kerouac gemacht hat: Er hat Berge von Notizbüchern in Jahren des Sammelns und Skizzierens geschaffen – und sie dann, in diesen berühmten „drei Wochen“ des intensiven Abschreibens, praktisch collagiert. Es ist vollkommen anders, etwas Struktur zu geben, was aus Freiheit entstand, als es gleich auf Struktur zu trimmen.

          Sie haben an vielen namhaften Bühnen gearbeitet. Was muss ein Theater leisten, um ein „Theater der Stadt“ zu sein?

          Ich würde mir so wünschen, dass sich in Deutschland Theater dadurch neu erfindet, dass es das Persönliche großschreibt. Und dass die Begegnung des Publikums stärker aus einer Lust am diskursiven oder polemischen Mitmachen heraus resultiert.

          Quelle: F.A.Z.

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