Cathy will raus. Ann will sie nicht rauslassen. Cathy muss es darum gelingen, Ann umzustimmen. Was sie immer wieder anders versucht, bis Ann mit einem Trick alles beim Alten lassen kann. Cathy wird also auch den Rest ihres Lebens hinter Gittern verbringen. Ann, in deren Macht es lag, Cathys Begnadigung herbeizuführen, scheint nicht unzufrieden zu sein. Aber das ist für den Zuschauer schwer zu entscheiden. Eine gute Stunde hat er den beiden Frauen zwar zugehört und zugeschaut, aber wer sie sind, was sie fühlen und wie sie sich selbst begreifen, weiß er auch noch nicht, wenn das Stück zu Ende ist. Es ist sogar anzunehmen, dass es Cathy und Ann gar nicht gibt.
Denn statt etwas über zwei Menschen zu erzählen und sie uns ganz nah oder zumindest näher zu bringen, hat David Mamet in seiner „Anarchistin“ einen Sack von Ideen ausgeschüttet. Und sie sind auf die Bühnenbretter dort am Broadway, wo das Zwiegespräch im Golden Theatre seine Uraufführung hatte, ziemlich folgenlos gepurzelt. Der Dramatiker begnügt sich mit einer anderen seiner vielen Rollen im Unterhaltungs- und Aufklärungsgeschäft, der Rolle des Essayisten.
Mit Handlung hält er sich folglich nicht auf. Da ist Cathy, eine ehemalige Anarchistin und, wie sie selbst sagt, eine alte Frau, die sich in der jungen Frau, die vor vielen Jahrzehnten Gewalt ausübte und Menschenleben auf dem Gewissen hat, nicht mehr erkennen will. Warum sollte der Staat sie weiterhin wegsperren? Da wird Ann ins Spiel gebracht, die Vertreterin des Staates, die der Anarchistin nicht die Wandlung zur ehemaligen Anarchistin zutraut. So kommt viel Material für einen Dialog zusammen. Nichts aber drängt darin wirklich zum Theater.
Halsbrecherisches Tempo
Bliebe „The Anarchist“ als Hör- und Denkspiel zu entdecken oder, wie der Autor es nahegelegt hat, als Experiment in talmudischer Dialektik. Zur Auswahl stehen große und allergrößte Themen wie Freiheit, Schuld, Strafe, Scham, Reue, Buße, Erlösung, Sex, Geduld, Glaube, die Grenzen der Vernunft und des Bewusstseins, die Welt als Illusion, gespiegelt nicht zuletzt in der Amoral französischer Intellektueller, zudem Revolution und Privateigentum, die Natur des politischen Verbrechens, die Macht des Gebets, die Gnade Gottes, der Tod und das Jenseits und die Ewigkeit.
Mit einem prüfenden Blick auf das wirkliche amerikanische Leben, in dem der Staat den Terroristinnen Kathy Boudin (nach zweiundzwanzig Jahren freigelassen) und Judith Clark (noch heute in Haft) ein höchst unterschiedliches Los bescherte, bohrt Mamet philosophische, theologische, moralische, juristische, soziologische, psychologische Quellen an, lässt sie aber nicht sprudeln. Kaum ausgesprochen, wird jeder Gedanke vom nächsten verdrängt. Zu allem Überfluss und thematischen Unmaß rast, wie immer bei ihm, der Dialog in derart halsbrecherischem Tempo über die Bühne, dass nur noch eine Stimme aus dem Zuschauerraum fehlt, die dazwischen ruft: Halt! Wie war das noch? Kann ich kurz mal darüber nachdenken?
Immobilienraubtiere zerfleischen alles
Beachtlich immerhin, wie Patti LuPone als Cathy und Debra Winger als Ann den Text, der deutlich die Manierismen des verschmutzten, verknappten, obsessiv stakkatierten „Mametspeak“ entschärft, einigermaßen karambolagefrei über die Szene steuern. Schon dafür verdienten sie vielleicht nicht den Tony, aber einen anständigen Sportpokal. Zumal LuPone, Urgestein des Broadway und doch nicht wiederzuerkennen mit dem mausigen Pferdeschwanz, den sie zum verwaschenen Haftanzug trägt, redet tapfer gegen die dramatische Lähmung an.
Als Stichwortgeberin, die sich auch als Inquisitorin bewähren muss, hat es Debra Winger in ihrem Debüt am Broadway ein wenig leichter. Beide sind sie allerdings behindert durch eine Regie, die alles daransetzt, Zuspitzungen jeglicher Art zu vermeiden und den Gesprächston akustisch und emotional unter Kontrolle zu halten. Hätten die zwei Virtuosinnen am Klavier gesessen, wäre ihnen wohl aufgetragen worden, durchs gesamte vierhändige Stück das Dämpfungspedal zu treten. Presto, ma monotono.
Ob das im Sinn des Textkomponisten war? Offenbar doch, denn Mamet ist auch als Regisseur des Gesprächs verzeichnet, das den verbalen Schlagabtausch scheut, wie er zwei Theater weiter mitzuerleben ist. Im Gerald Schoenfeld Theatre nämlich steht die Premiere von „Glengarry Glen Ross“ bevor, und bereits in ausverkauften Previews fliegen seit Wochen die Fetzen im Käfig der Immobilienraubtiere, die alles zerfleischen, was ihnen über den Weg läuft, sei es ein naiver Grundstücksspekulant oder ein lieber Kollege. Sie brauchen dazu nur Worte, die aber penibel gesiebt und gewählt sind und sich in der übelsten Gosse gesuhlt haben müssen, damit sie wie Bomben gezündet werden können und Elend und Zerstörung zurücklassen.
Absturz ins Alter und die Lächerlichkeit
„Hanglage Meerblick“, so der deutsche Titel des vielgespielten Stücks, das auch erfolgreich von Hollywood verfilmt wurde, bietet Mamets brutalistische Sprachmusik in Reinkultur. Es ist eine Etüde über den zynischen Eigennutz, bar aller großen Diskurse und Debatten über das Gute und das Böse und das Leben an sich. Eine banale Nische des Alltags genügt, und dort wird in fast parodistischer Unerbittlichkeit einfach vorgeführt, wie es zugeht in der Geschäftswildnis. Danach wissen wir mehr als nach der Lektüre manch eines sozioökonomischen Essays.
Was nicht heißen soll, dass „Glengarry Glen Ross“, uraufgeführt 1983 in London, die Jahrzehnte unverstaubt hinter sich gebracht hat. Nach all den Erzählungen und Enthüllungen, die uns die Wall Street zugemutet hat, müssen Mamets Immobilienmakler wie kleine Jungs wirken, über deren Streiche wir lachen können, all ihrer abgrundtiefen Gehässigkeit zum Trotz. Wir können uns sogar einbilden, ihnen heute nicht mehr ganz so schnell auf den Leim zu gehen, hoffentlich.
Vor allem aber macht es immer noch bösen Spaß, auf der Bühne dem aalglatten Menschenmanipulator Richard Roma zuzuschauen, wenn seine Geschäftstricks von einem Energiebündel wie Bobby Cannavale, bis in die gegelten Haarspitzen nichts als ein kraftstrotzender, ekliger Verführer, auf schauspielerischen Hochglanz poliert werden. Oder wenn Al Pacino, der im Film als Roma zu sehen war, jetzt die Rolle des abgehalfterten Shelly Levene buchstäblich durchsingt und durchtanzt, die widerlichsten Ausfälle in liebliche Fistelmelodien verpackt und im schlabbrigen Anzug mit absurd vorgeschobenem Becken noch einmal versucht, den Absturz ins Alter und die Lächerlichkeit zu verzögern.
Ein bisschen weniger Karikatur und nervöse Zappeligkeit wäre insgesamt sicher mehr gewesen, aber der Regisseur Daniel Sullivan hat es dem Star erlaubt und dem Dramatiker David Mamet in „Hanglage Meerblick“ doch einen größeren Gefallen getan als Mamet sich selbst in der „Anarchistin“. An der unterschiedlichen Qualität der beiden Stücke mag’s auch gelegen haben.