Home
http://www.faz.net/-gqz-74sdx
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 04.12.2012, 11:58 Uhr

David Mamet im Doppelpack Frauen im Knast, Männer im Käfig

Zwei Stücke von David Mamet am New Yorker Broadway mit Hollywood-Begleitung: „Die Anarchistin“ ermattet im Dialog, durch „Hanglage Meerblick“ singt sich immerhin Al Pacino.

© Sara Krulwich/NYTimes/Laif Da hilft nur noch Beten: Patti Lu Pone als ehemalige Terroristin Cathy (links), begutachtet von Ann (Debra Winger)

Cathy will raus. Ann will sie nicht rauslassen. Cathy muss es darum gelingen, Ann umzustimmen. Was sie immer wieder anders versucht, bis Ann mit einem Trick alles beim Alten lassen kann. Cathy wird also auch den Rest ihres Lebens hinter Gittern verbringen. Ann, in deren Macht es lag, Cathys Begnadigung herbeizuführen, scheint nicht unzufrieden zu sein. Aber das ist für den Zuschauer schwer zu entscheiden. Eine gute Stunde hat er den beiden Frauen zwar zugehört und zugeschaut, aber wer sie sind, was sie fühlen und wie sie sich selbst begreifen, weiß er auch noch nicht, wenn das Stück zu Ende ist. Es ist sogar anzunehmen, dass es Cathy und Ann gar nicht gibt.

Jordan Mejias Folgen:

Denn statt etwas über zwei Menschen zu erzählen und sie uns ganz nah oder zumindest näher zu bringen, hat David Mamet in seiner „Anarchistin“ einen Sack von Ideen ausgeschüttet. Und sie sind auf die Bühnenbretter dort am Broadway, wo das Zwiegespräch im Golden Theatre seine Uraufführung hatte, ziemlich folgenlos gepurzelt. Der Dramatiker begnügt sich mit einer anderen seiner vielen Rollen im Unterhaltungs- und Aufklärungsgeschäft, der Rolle des Essayisten.

Mit Handlung hält er sich folglich nicht auf. Da ist Cathy, eine ehemalige Anarchistin und, wie sie selbst sagt, eine alte Frau, die sich in der jungen Frau, die vor vielen Jahrzehnten Gewalt ausübte und Menschenleben auf dem Gewissen hat, nicht mehr erkennen will. Warum sollte der Staat sie weiterhin wegsperren? Da wird Ann ins Spiel gebracht, die Vertreterin des Staates, die der Anarchistin nicht die Wandlung zur ehemaligen Anarchistin zutraut. So kommt viel Material für einen Dialog zusammen. Nichts aber drängt darin wirklich zum Theater.

Halsbrecherisches Tempo

Bliebe „The Anarchist“ als Hör- und Denkspiel zu entdecken oder, wie der Autor es nahegelegt hat, als Experiment in talmudischer Dialektik. Zur Auswahl stehen große und allergrößte Themen wie Freiheit, Schuld, Strafe, Scham, Reue, Buße, Erlösung, Sex, Geduld, Glaube, die Grenzen der Vernunft und des Bewusstseins, die Welt als Illusion, gespiegelt nicht zuletzt in der Amoral französischer Intellektueller, zudem Revolution und Privateigentum, die Natur des politischen Verbrechens, die Macht des Gebets, die Gnade Gottes, der Tod und das Jenseits und die Ewigkeit.

Mit einem prüfenden Blick auf das wirkliche amerikanische Leben, in dem der Staat den Terroristinnen Kathy Boudin (nach zweiundzwanzig Jahren freigelassen) und Judith Clark (noch heute in Haft) ein höchst unterschiedliches Los bescherte, bohrt Mamet philosophische, theologische, moralische, juristische, soziologische, psychologische Quellen an, lässt sie aber nicht sprudeln. Kaum ausgesprochen, wird jeder Gedanke vom nächsten verdrängt. Zu allem Überfluss und thematischen Unmaß rast, wie immer bei ihm, der Dialog in derart halsbrecherischem Tempo über die Bühne, dass nur noch eine Stimme aus dem Zuschauerraum fehlt, die dazwischen ruft: Halt! Wie war das noch? Kann ich kurz mal darüber nachdenken?

Immobilienraubtiere zerfleischen alles

Beachtlich immerhin, wie Patti LuPone als Cathy und Debra Winger als Ann den Text, der deutlich die Manierismen des verschmutzten, verknappten, obsessiv stakkatierten „Mametspeak“ entschärft, einigermaßen karambolagefrei über die Szene steuern. Schon dafür verdienten sie vielleicht nicht den Tony, aber einen anständigen Sportpokal. Zumal LuPone, Urgestein des Broadway und doch nicht wiederzuerkennen mit dem mausigen Pferdeschwanz, den sie zum verwaschenen Haftanzug trägt, redet tapfer gegen die dramatische Lähmung an.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Drama Geächtet in München Verdacht auf Unschuld wird nicht gewährt

Was unsere Gesellschaften bedroht: Das Münchner Residenztheater zeigt Ayad Akhtars Geächtet als Parabel von Paranoia und Hass. Mehr Von Hubert Spiegel

06.02.2016, 16:27 Uhr | Feuilleton
David Bowie - Heroes David Bowie - Heroes

Musikvideo David Bowie - Heroes Mehr

11.01.2016, 15:05 Uhr | Feuilleton
Breth-Premiere in Wien Die Geschichte von einem Absturz ohne Ende

Grandiose Schauspieler unter Andrea Breths Regie machen aus John Hopkins’ Drama Diese Geschichte von Ihnen ein großes Wiener Theaterereignis. Mehr Von Hubert Spiegel, Wien

30.01.2016, 15:50 Uhr | Feuilleton
David Bowie - Let's Dance David Bowie - Let's Dance

Musikvideo David Bowie - Let's Dance Mehr

11.01.2016, 16:54 Uhr | Feuilleton
Bilder von uns am Theater Bonn Können Sie nicht aufpassen, Mann!

Es beginnt wie ein Psychokrimi und stürzt seinen Protagonisten in eine Verwirrung, aus der er sich nicht befreien kann: Alice Buddeberg inszeniert die Uraufführung von Thomas Melles Missbrauchsdrama Bilder von uns am Theater Bonn. Mehr Von Andreas Rossmann

25.01.2016, 11:29 Uhr | Feuilleton
Glosse

Hochhackig

Von Kerstin Holm

Ob man damit ein neues Publikum anzieht? Zumindest bringt man das Publikum dazu, sich hohe Schuhe anzuziehen: In Moskau gewährt eine Galerie freien Eintritt für Absätze über zehn Zentimetern. Mehr 3

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“