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David Garrett beim „Kissinger Sommer“ : Gezähmter Teufelsgeiger

  • -Aktualisiert am

Zur Generalprobe lud Garrett Schulkinder aus der Umgebung ein Bild: Romana Kochanowski

Ein Weltstar im beschaulichen Kurort: Crossover-Geiger David Garrett lässt alle Showeffekte beiseite und verlässt sich beim „Kissinger Sommer“ ganz auf die Wirkung der Musik.

          Vier Darmsaiten über einen Hohlkörper gespannt, dazu einen Bogen, um dem kostbaren Klangkörper Töne zu entlocken: David Garrett hat an diesem Konzertabend in Bad Kissingen nicht mehr zu Verfügung, als andere Violinvirtuosen der Gegenwart, aber auch weit weniger als bei den vielen ausverkauften Konzerten seiner sonstigen hallenfüllenden Tourneen. Kein Feuerwerk, keine Backgroundtänzer, keinen Knopf im Ohr. Statt Crossover-Schlager will Garrett nun wieder zeigen, dass er auch Klassik kann. Die Musik soll für sich sprechen.

          Und doch wählt Garrett, der von der Tschechischen Philharmonie unter Jiri Belohlavek begleitet wird, keine nackte, absolute Musik. Auch wenn ursprünglich nicht als solche gedacht, sind die „Vier Jahreszeiten“ von Antonio Vivaldi, oft für Filme und Werbung eingesetzt, in unseren Ohren eher Programmmusik, und sie bieten eine der wohl größten Ohrwurmdichten innerhalb eines Werkes.

          Entgegen der Regel greift Garrett zu Beginn des Konzerts zum Mikro, statt zum Bogen. Vor jeder neuen Jahreszeit trägt er das von Vivaldi verfasste Sonett vor und stellt somit den musikalischen Affekten ein Bild vorweg. In die gebannte Stille im vollbesetzten Saal treten dann die ersten Frühlingstöne: Zart und dezent zwitschern die imitierten Vogelstimmen, Garrett intoniert sauber, er spielt technisch einwandfrei, aber zurückhaltend.

          Masken und Konventionen

          Im darauffolgenden „Sommer“ und dem Unwetter im dritten Satz zucken dann die musikalischen Blitze und stürmen die Skalen in einer Ruppigkeit und Prägnanz, die der Geiger an diesem Abend sonst nicht zeigt. Garrett setzt seine Soli, offenbar sehr bewusst, etwas früher an und schafft so, vereint mit den  vorwärts treibenden Bässen des Ensembles der Tschechischen Philharmonie einen unberechenbaren Gewittersturm. Dirigent Belohlavek darf anschließend das wertvolle Instrument halten, während der Solist sein wild gewordenes Haar wieder in Form bringt.

          Unaufgeregter Vivaldi: David Garrett und Dirigent Belohlavek (links)
          Unaufgeregter Vivaldi: David Garrett und Dirigent Belohlavek (links) : Bild: Romana Kochanowski

          Doch schon im „Herbst“-Schlusssatz - das Sonett spricht von einer Jagdgesellschaft bei einer Treibjagd – ist die Bissigkeit wieder weitgehend verloren, Garrett verzichtet auf die Experimentierfreude, mit der einige historisch-kritisch Ensembles versucht haben, neue Nuancen des so oft interpretierten Werks herauszustellen, er hält sich eng an die Noten und an die Konvention.

          Die Tschechische Philharmonie begleitet ihn, ohne jedoch Garrett zu stark einzuschränken oder gar zu übertönen. So hat dieser die Möglichkeit, sich im „Winter“ mit kargen Tönen vorsichtig über das Musik-Eis voranzutasten, bevor ihm das Finale zu einer virtuosen Miniatur gerät. Das Publikum jubelt.

          Auffallend sanft, ohne großes Vibrato erklingen dagegen die langsamen Mittelsätze. Dem kommt die hervorragende Akustik im Max-Littmann-Saal sehr zugute. Auch als Zugabe wählt Garrett ein eher ruhiges, sangliches Stück. Nach einer schlicht-berührenden Interpretation der Sarabande aus Bachs „Partita 2“ verlässt der selbsternannte „Klassik-Rebell“ die Bühne ohne mediale Maske: Als ein unspektakulärer Interpret, der weiß, dass er seine Sache sehr ordentlich gemacht hat.

          Feuriger, auch aufregender gerät die zweite Konzerthälfte, in der die Philharmoniker das Publikum mit der einzigen Symphonie Jan Voriseks bekannt machen. Ein viersätziges Werk, das tatsächlich wie der Zwilling einer frühen Symphonie Beethovens klingt, der Zeitgenosse und Vorbild Voriseks war: Schmissig, mit ungestümer Rhythmik und kantigen Phrasen.

          Quelle: FAZ.NET

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