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Intendant Stanislas Nordey : Man müsste alle Schauspielhäuser niederreißen!

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„Früher war ich radikal“: Stanislas Nordey, hier bei einer Probe zu Brechts „Baal“ in Rennes. Bild: AFP

Bitte nicht nur Klassiker, gerne positive Diskriminierung und Leitung im Kollektiv: Stanislas Nordey leitet das Théâtre National de Strasbourg sehr anders – und sehr erfolgreich.

          Wie macht man Theater für Menschen, die nicht ins Theater gehen? Das ist die Frage, die Stanislas Nordey seit vielen Jahren umtreibt. Der Fünfzigjährige ist Schauspieler, Lehrer, Regisseur und eine feste Größe im französischen Theater, was ihn nicht hindert, dessen Strukturen in Frage zu stellen. Seitdem er das „Théâtre National de Strasbourg“ (TNS) übernommen hat, ist Nordey auch noch Direktor des einzigen von der Regierung subventionierten Nationaltheaters außerhalb der Hauptstadt. Neben dem Spielbetrieb gibt es hier auch eine Ausbildungsstätte für alle Theaterberufe.

          Stanislas Nordey hat an der Bühne im Herzen von Straßburg eine klare Regel eingeführt: Eine Hälfte der Studenten muss männlich, die andere Hälfte weiblich sein. Und die französische Gesellschaft soll sich in ihrer Vielfalt auf der Bühne widerspiegeln. Von den zwölf Schauspielschülern des einen Jahrgangs hat mehr als die Hälfte einen Migrationshintergrund.

          Er spielt ein amoralisches Vieh

          Für Nordey bedeutet das aber keineswegs, einen Spielplan aus leicht zugänglichen Stoffen zu machen, wie er im Gespräch erzählt, das nicht in Straßburg, sondern in Paris stattfindet. Denn hier kann man ihn gerade auch auf der Bühne sehen: Nordey spielt „Baal“, die anarchische Figur aus Bertolt Brechts erstem Stück von 1919, in einer ursprünglich in Rennes am „Théâtre national de Bretagne“ entstandenen Inszenierung, die nun ins Pariser „Théâtre de la Colline“ gewandert ist. Ein amoralisches Vieh, das ganz nach seiner Lust lebt, seine Frauen, Freunde und schließlich sich selbst zugrunde richtet. Wo nach aktuellen Bezügen gierende Regisseure den Narzissmus der heutigen Gesellschaft in den Fokus stellen würden, bleibt diese Inszenierung von Christine Letailleur bei Brechts Worten und in ihrem historischen Kontext vor Beginn des Ersten Weltkriegs. Nordeys Bewegungen sind fast tänzerisch, seine Sprache ist artifiziell, jedes Wort ist sorgfältig prononciert. Der Abend ist lang, intensiv und geht unter die Haut.

          Der Abend ist lang, intensiv und geht unter die Haut: Nordey als „Baal“ im gleichnamigen Stück von Bertolt Brecht.
          Der Abend ist lang, intensiv und geht unter die Haut: Nordey als „Baal“ im gleichnamigen Stück von Bertolt Brecht. : Bild: AFP

          Beim Wein danach im Theatercafé diskutieren Schauspielschüler und Zuschauer gemeinsam über die Aufführung. So stellt sich der Leiter des TNS gutes Theater vor: Es soll Geschichten erzählen, die sich mit der Gegenwart beschäftigen und die Zuschauer bewegen. Nordey hat etliche moderne Klassiker inszeniert oder ans Haus geholt, darunter auch etliche deutschsprachige Autoren wie Botho Strauß, Heiner Müller oder Thomas Bernhard. Gespielt werden sollten diese Stücke von Schauspielern, die ihren Regisseuren „auf Augenhöhe“ begegnen, sagt Nordey. Als Zuschauer wünscht er sich vor allem all jene, die sich sonst nicht fürs Theater interessieren.

          Zwanzig assoziierte Künstler

          Was Nordey fordert, klingt ambitioniert, aber mit seinem Team ist er diesen Vorstellungen durchaus schon nahe gekommen. Vor zwei Jahren hat er das Haus mit einem Budget von 11,5 Millionen Euro von seiner Vorgängerin Julie Brochen übernommen. Um weitere Besucher zu gewinnen, hat er „l’autre saison“ eingeführt, eine kostenlose Veranstaltungsreihe an unterschiedlichen Orten, bestehend aus Lesungen und minimalistisch gestalteten Aufführungen. In dieser Spielzeit haben 62.000 Zuschauer Veranstaltungen des TNS besucht – so viele wie nie zuvor.

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