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Wuppertaler Tanztheater : Willkommen in der Gruselshow

  • -Aktualisiert am

Da wird was ausgepackt: Der Tänzer Scott Jennings, umringt vom Ensemble. Bild: Julian Mommert

Das hätte Pina Bausch nicht gewollt: Ihr Tanztheater ergeht sich in bedeutungsleeren Hochstapeleien. Die Tänzer starren vor sich hin, ein Stück wird hier nicht aufgeführt. Was soll das?

          Mit siebzehn Tänzern des Wuppertaler Tanztheaters hat der griechische Choreograph Dimitris Papaioannou eine Uraufführung von achtzig Minuten mit dem Titel „Neues Stück 1. Seit Sie“ geschaffen. Bei der Uraufführung am Samstag endete das Stück, als der letzte Mann auf der Bühne daran scheitert, so viele schwarze Caféhaus-Stühle wie möglich auf seinem Rücken und über seinem Kopf zu stapeln und hinter das Portal des Barmener Opernhauses zu tragen. Die letzten beiden Stühle bringen die Konstruktion zum Einsturz. In dem sich immer noch verdunkelnden Theaterraum balanciert währenddessen Ruth Amarante barfuß, das Haar offen und den zarten Körper in einem zu langen Abendkleid, über Dutzende Papprollen.

          Jetzt könnte man sagen, dann ist doch alles super, dann ist doch alles wie immer, kennen wir alles vom Tanztheater Wuppertal, die Requisiten auf jeden Fall – Stühle, Papprollen, Palmzweige, Kleidungsstücke –, die waren wohl noch im Fundus. Den Look kennen wir auch, langes Haar und Abendkleid für Frauen, für Männer Hemd und Anzug. Hinten auf der Bühne ist ein Mattengebirge errichtet aus schwarzem Schaumstoff, von ihm kann das Ensemble herunterrutschen, kopfüber bäuchlings herunterhängen, da oben hin wird ein Bäumchen mit Wurzelballen geschleppt.

          Das könnte alles von Pina Bausch sein. Übrigens auch der Anfang, denn da stellt ein Tänzer aus der Gasse einen Stuhl auf die Bühne, klettert darauf, lässt sich einen weiteren reichen, steigt hinüber auf den vor sich abgestellten, es folgen ihm die anderen, und immer so weiter, bis die Stuhlbrücke über die Portalbreite reicht und alle Tänzer weiterreichen, weiterklettern. Ein anderes Mal dreht ein Mann einen der Stühle so, dass die Kante der Sitzfläche und die Kante der Rückenlehne aufliegen. Dann steigt er auf die nach oben zeigende Unterseite der Sitzfläche. Warum das so genau beschrieben werden muss? Mehr Stück gibt es nicht, mehr ist nicht drin. Das ist es schon, das neue Stück.

          Es könnte überwiegend von Pina Bausch gemacht sein. Das ist unheimlich. Ihr Tod liegt neun Jahre zurück. Es wird sich noch ein bisschen gegeißelt mit Zweigen, und man wedelt mit Palmblättern. Für das vegane Bühnenbild wurde keinen Pflanzen Schaden zugefügt, könnte im Programmheft stehen, aber da steht nichts. Der Ausdruck der Tänzer ist ein bedrömmeltes Vor-sich-hin-Schauen, in ihren Gesichtern steht nichts. Mal posieren sie präraffaelitisch, mal madonnengleich, mal wie Jesus. Julie Ann Stanzak lehnt sehr schön am Portal und lässt sich das Paillettenkleid streicheln, von Schwarz auf Gold, auch ein sehr bedeutsamer Vorgang. Ein paar Nackte sind dem Bild hinzuzufügen und eine einzige winzig kleine, vielleicht durch griechischen Männertanz inspirierte Choreographie. Das mit den Nackten hätte Frau Bausch vielleicht nicht gemacht. Natürlich hätten die Kleider bei ihr Blumenmuster gehabt. Aber sonst? Ist das Tanztheater jahrelang mit Pina Bausch in alle Länder gereist und hat aus Souvenirs Stücke gemacht, so spricht Griechenland jetzt in Gestalt des Griechen Papaioannou selbst. Deswegen ist alles schwarz und weiß, deswegen gibt es kaum Musik, darum noch weniger Tanz. Willkommen in der Wuppertaler Gruselshow. Niemals hätte es dazu kommen dürfen, dass an dieser Stelle steht, das hätte Pina Bausch nicht gewollt. Das ist aber die furchtbare, deprimierende Wahrheit.

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