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Hofesh Shechter in Hannover : Aufstand der ermordeten Traumtänzer

  • -Aktualisiert am

Vorsicht vor den Horrorclowns: Aus dem gesitteten Ensembletanz wird aggressive Ekstase. Bild: Gabriele Zucca

So viel Tod hat die Tanzbühne selten gesehen. Der israelische Choreograph Hofesh Shechter zeigt beim Tanzfestival in Hannover sein neues Stück „Show“.

          Wie lieb die Figuren nebeneinanderstehen, bewegungslos, Hand in Hand. Von hinten sanft beleuchtet, sind sie nur als Silhouette zu erkennen, ihre Gesichter verbirgt die Dunkelheit. Wenn das Licht diesen Scherenschnitt zum Leben erweckt, und die vier Männer und vier Frauen sich tanzend auf der Bühne verteilen, werden Clowns in weißen Hemden mit großen Rüschenkragen sichtbar. Horrorclowns, wie der Abend bald zeigen wird.

          Anders war es von dem Choreographen Hofesh Shechter nicht zu erwarten, auch in den friedlichsten Momenten spürt man bei ihm, dass sich etwas Bedrohliches anbahnt, dass der Ruhe nicht zu trauen ist. Ein anfangs kaum vernehmbares Grollen aus den Lautsprechern kündet das Unheil zuverlässig an, es steigert sich zum infernalischen Lärm, der direkt in die Magengrube trifft.

          Taumelnd wie Schlafwandler

          In dem dreigeteilten Stück „Show“, das beim Festival Tanztheater international in Hannover als deutsche Erstaufführung präsentiert wurde, finden sich all die Bestandteile, die ein Shechter-Stück ausmachen: Dunkelheit, von einem leichten Nebel durchzogen, aufblitzende Spots, die kurze Szenen zu einem Film zusammenfügen, und ein stark perkussiver, treibender Musikmix, den Shechter aus Elektroklängen, orientalischen Rhythmen und Barock zusammengestellt hat. Dazu taumeln seine Tänzer wie Schlafwandler über die Bühne, mit hängenden Armen, die Oberkörper nach vorne gebeugt, Traumtänzer, die plötzlich kindlich in Trippelschritten herumhüpfen, bis sie ihre Körper wild schütteln, als wollten sie aus der Haut fahren. Die Akteure der Nachwuchscompagnie Shechter II beherrschen das Vokabular bereits perfekt.

          Tanz ist bei Shechter wie zu Urzeiten immer auch Ekstase und Kontrollverlust, ist der Versuch, sich durch Bewegung gemeinschaftlich in Trance zu versetzen, um eine höhere Bewusstseinsstufe zu erreichen. Erwartungsvoll öffnen sich die Arme wie ein Gefäß gen Himmel, scheinen die Hände auf der Himmelsleiter nach oben zu greifen.

          Alles nur Show

          Doch schon im ersten Teil, „The Entrance“, deuten sich die Brüche in der Idylle an, die latent vorhandene Gewalt bricht sich Bahn. Die Gruppe zerfällt in aggressive Einzelkämpfer, der Tanz löst sich in unkontrollierte Zuckungen auf. Alles nur Show, verkündet der nun erleuchtete rote Samtvorhang, vor dem die Akteure sich jetzt, bekleidet mit Gehröcken, Halskrausen und Westen, mit knielangen Röcken und Blusen, bewegen. Anfangs noch ganz gesittet zu Barockmusik, einzelne Positionen des Balletts zitierend, doch auch in diesem zweiten Teil, „Clowns“ überschrieben, reißt der Firnis der Zivilisation alsbald. Eben noch friedlich tanzend, gehen sie sich auf einmal an die Gurgel, schneiden mit der Handkante die Kehle ihres Gegenübers durch oder legen mit zwei Fingern einen Pistolenlauf an seine Schläfe. So viele Leichen gab es wohl noch nie auf einer Tanzbühne, unentwegt wird hier gemordet und flugs wieder aufgestanden. Das wirkt komisch und gleichzeitig verstörend, wenn die Tänzer geradezu fröhlich beschwingt weiterhüpfen, nachdem sie jemanden ermordet haben.

          Alles nur Show, wie die Spielfilme, Bücher und Computerspiele, in denen unentwegt gemordet wird, zur gefälligen Erbauung eines Publikums, das sich von den Kriegstoten der Fernsehnachrichten erholen möchte. In seinem nur sechzigminütigen Totentanz nähert sich Shechter seinem Urthema, der Gewalt, wieder anders und erweist sich wieder als aufmerksamer Beobachter, der die Paradoxien unserer Zeit mitreißend sichtbar macht. Am 19. und 20. September lässt sich das noch einmal in Düsseldorf überprüfen.

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