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Neu im Frankfurter Schauspiel : Hinter der Kloake eine Welt

Geflüchtet, gehetzt, verraten und am Ende gerettet: Max Simonischek als Georg Heisler in Frankfurt Bild: Thomas Aurin

Wer fremd ist, soll es bleiben: Anselm Weber bringt den Flüchtlingsroman „Das siebte Kreuz“ von Anna Seghers mit Max Simonischek auf die Bühne des Schauspiels Frankfurt.

          Die Reihen fest geschlossen. Wer heute nicht dazugehört, darf auch morgen nicht dazugehören. Wer fremd ist, soll es bleiben. Wer ausgestoßen wurde, wird schon bald vergessen sein. Für den Ausgestoßenen führt kein Weg zurück. Deutschland, 1937.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Es ist dunkel im Großen Haus des Schauspiels Frankfurt. Auf der Bühne, mehr zu erahnen als zu sehen, formieren sich ein paar Gestalten zu einer dunklen Masse. Das ist der Chor, aber es ist auch der deutsche „Volkskörper“, den fanatischer Rassismus, Aufstiegswille, Angst und Opportunisteneifer zusammengeschweißt haben zu einem beklemmenden Zerrbild der Homogenität. Als das Licht angeht, steht die Formation dicht beisammen, außen schwarzgewandet, innen braun getönt, Schulter an Schulter, die Hände in den Taschen zu Fäusten geballt. Hier ist kein Durchkommen.

          Den „toten und lebenden Antifaschisten Deutschlands“ gewidmet

          Sechs bleiben in den Maschen hängen. Der siebte schafft es: Georg Heisler, gespielt von Max Simonischek, bahnt sich kriechend seinen Weg. Er ist aus dem Konzentrationslager geflohen, zusammen mit sechs seiner Gefährten. Die Brust im Dreck, kämpft er sich zwischen den Beinen des Ensembles mühsam voran, gegen Teilnahmslosigkeit und Denunzianten, durch die Kanalisation: „Vierzig Meter Kloake, dahinter die Welt, der Acker, das Dorf und dahinter die Stadt.“

          Es ist ein starkes Bild, mit dem Anselm Weber seine erste eigene Inszenierung als Intendant des Schauspiels Frankfurt beginnen lässt, mehrdeutig, subtil und drastisch zugleich. Immer wieder wird es an diesem Abend Szenen geben, in denen die Inszenierung drei Schritte hinter der Vorlage zurückbleibt und sich wie schreckensstarr ins Statuarische rettet oder die Figuren umständlich beschreiben, was sie gerade tun, als wären sie nicht Akteure, sondern nur Beobachter des Geschehens. Aber Weber findet auch eindringliche Bilder und Konstellationen, die verfremden und verdichten, was Anna Seghers in ihrem „Roman aus Hitlerdeutschland“ beschrieben hat.

          „Das siebte Kreuz“, 1942 zunächst in Boston auf Englisch und kurz darauf in Mexiko auf Deutsch erschienen, erzählt in sieben Kapiteln, die an sieben Tagen spielen, von der Flucht einiger Häftlinge aus dem „Konzentrationslager Westhofen“, das dem Lager Osthofen bei Worms nachempfunden ist. Hier wurden von März 1933 bis Juli 1934 politische Häftlinge malträtiert, vor allem Kommunisten. Seghers, die ihren Roman den „toten und lebenden Antifaschisten Deutschlands“ gewidmet hat, wollte zeigen, dass nicht alle Deutschen zu Nazis geworden waren, und stellte die Frage nach den Möglichkeiten eines inneren Widerstands gegen die faschistischen Machthaber. Dazu mischt sie halb dokumentarische Elemente, biblische Anklänge, Märchentöne und vieles mehr zu einer Szenenfolge von mehr als hundert Erzählsequenzen, was einer Adaption für die Bühne entgegenkommt.

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