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Veröffentlicht: 24.03.2016, 16:23 Uhr

Bach in Jerusalem Ein Protestant mit chassidischer Seele

Den Passionsmusiken Bachs standen viele Israelis ablehnend gegenüber. Jetzt wird zum ersten Mal in Jerusalem ein Bachfest gefeiert. Dazu reist auch Mendelssohns Abschrift der Matthäus-Passion aus Eisenach an.

von , Jerusalem
© AFP In Johann Sebastian Bachs Passionen ist Jerusalem oft beschrieben, auch wenn er selbst nie dort gewesen ist.

Der Aufzug fährt ganz nach oben auf den Turm des Jerusalemer Heims vom Christlichen Verein Junger Menschen (CVJM). Unter der Kuppel des historischen Konzertsaals wird Bachs Musik geprobt. In der Altstadt rufen die Muezzine zum Gebet. Der Blick von der Spitze des schlanken Turms reicht bis zum Garten Gethsemane und zum Zionsberg, auf dem Jesus sein letztes Abendmahl gefeiert haben soll. Hinter der Stadtmauer erheben sich Grabeskirche und Ölberg. Johann Sebastian Bach hat diese Orte nie mit eigenen Augen gesehen, die er in seinen Passionen beschrieb. „Eigentlich gibt es auf der Welt nur zwei Städte, um Bachs Passionen aufzuführen. In Leipzig, wo sie entstanden sind, und in Jerusalem, wo sich alles ereignete“, sagt der amerikanische Dirigent Joshua Rifkin.

Hans-Christian Rößler Folgen:

Im Kuppelsaal des CVJM kam es in diesen Tagen zu einer doppelten Premiere: Zum Beginn des Festivals „Bach in Jerusalem“ erklang dort zum ersten Mal die Matthäus-Passion BWV 244 in der Fassung für zwei Chöre mit jeweils nur vier Stimmen. Diese Version, noch nie in Israel aufgeführt, sei „lebendiger und unmittelbarer“, meint Rifkin. Das israelische Publikum ist von seiner Deutung sehr angetan. Rifkin kann dabei auf internationale Solisten und das ausgezeichnet vorbereitete Jerusalem Baroque Orchestra bauen, es musiziert auf historischen Instrumenten. Die Konzerte, die das Ensemble und andere Künstler während dieses ersten auf Bach fokussierten Festivals in der Geschichte Israels bestritten, sind gut besucht, die meisten ausverkauft. Nächstes Jahr soll es eine Fortsetzung geben.

Im kulturellen Überlebenskampf

Dabei war das ehrgeizige Musikprojekt noch vor wenigen Wochen fraglich, weil die Jerusalemer Stadtverwaltung kurzfristig ihre Zuschüsse massiv kürzte. Auf städtische oder staatliche Subventionen können sich Künstler in Israel nicht verlassen. David Shemer ist diesen kulturellen Überlebenskampf gewohnt. Der israelische Cembalist und Dirigent ist ein Pionier: Er ist die treibende Kraft hinter dem neuen Festival und zugleich der Gründer des Jerusalemer Barockorchesters, das mit seinen beiden Konzertserien zu einem Pfeiler des Musiklebens in Jerusalem und Tel Aviv geworden ist. Als Gäste konnte Shemer international namhafte Dirigenten wie Andrew Parrott und Enrico Onofri gewinnen.

Alles begann vor mehr als fünfundzwanzig Jahren mit einer Reihe von Workshops, in denen Shemer den israelischen Musikernachwuchs mit der historischen Aufführungspraxis vertraut machte. „Das Orchester brauchte Zeit, um zu reifen und für die Passionen bereit zu sein“, sagt Shemer. Noch viel länger dauerte es, bis diese Kirchenmusik Bachs überhaupt in Israel zu hören war. Erst Mitte der Achtziger führten deutsche Musiker in der Dormitio-Abtei auf dem Jerusalemer Zionsberg erstmals eine Passion von Bach auf. Viele Israelis standen den Passionsmusiken Bachs ablehnend gegenüber, denn den Arien- und Chortexten ließ sich Judenfeindlichkeit vorwerfen. Das Volk und die hohen Priester fordern, Jesus zu kreuzigen, sie verhöhnen ihn.

Bach und der Antisemitismus

„War Bach ein Antisemit? Natürlich, aber das war die Ansicht seiner Zeit“, sagt Joshua Rifkin auf dem Symposion, das während des Bachfestivals veranstaltet wird. Fragen wie diese dürfe man nicht ausblenden, man müsse sich mit ihnen auseinandersetzen, verlangt der Dirigent. Jörg Hansen, Leiter des Eisenacher Bachhauses, weist darauf hin, dass es für den Antijudaismus Bachs, wie ihn einst, 1941, der Kölner Musikwissenschaftler und überzeugte Nazi Karl Hasse behauptet hatte, keinerlei Belege gibt. Er geht so weit zu vermuten, dass Bach in seinem Umfeld wahrscheinlich kaum je einem Juden begegnet sei. Stilistisch sei Bach mit seinen dramatischen Turbachören auf der Höhe der Zeit gewesen.

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Felix Mendelssohn Bartholdy ließ sich von diesen Chören in seiner Begeisterung für die jahrzehntelang vergessene Matthäus-Passion nicht irritieren. „Was ist das für ein wunderlicher Zufall, dass es ein Komödiant und ein Judenjunge sein müssen, die den Leuten die größte christliche Musik wiederbringen“, sagte er dem Schauspieler Eduard Devrient, mit dem er gemeinsam 1829 die legendäre Wiederaufführung der Matthäus-Passion an der Berliner Singakademie organisiert hatte. Sie markierte den Beginn der Bach-Renaissance, die bis heute andauert.

Hansen hatte aus Eisenach einen Satz von acht originalen Chorstimmen aus dieser Aufführung mit nach Jerusalem gebracht, wo sie in einer Ausstellung im Jerusalem Theatre während des Festivals zu sehen ist. Mendelssohn hatte 1823 eine Abschrift von Bachs Matthäus-Passion von seiner Großmutter Bella Salomon geschenkt bekommen, die selbst - wie der Philosoph Moses Mendelssohn, der Vater ihres späteren Schwiegersohns und Großvater Mendelssohns - noch von Bachs Schüler Philipp Kirnberger unterrichtet worden war. In den Noten ist zu sehen, wie stark Mendelssohn in Bachs Original eingriff.

Von Berlin nach Jerusalem

Rund um den 331. Geburtstag Johann Sebastian Bachs ging es in Jerusalem aber nicht nur um Passionsmusik. In bester Tradition der deutschen Bachfeste wurden dort auch Grenzen überschritten: Bach erklang auf dem Marimbaphon, es war auch Jazz zu hören. Ergänzend wurden Stadtführungen angeboten, zum Beispiel mit dem Thema „Von Berlin nach Jerusalem“, um die deutsche Vergangenheit der Stadt aufzuzeigen. Und auch Bachs eigene Grenzgänge kamen zur Sprache. Der israelische Religionswissenschaftler Eli Schleifer arbeitete in seinem Vortrag die beiden Seiten in Bachs Innerem heraus. Er sei ein prinzipienfester Lutheraner gewesen.

Zugleich aber habe er in seinen Passionen schwärmerische und emotionale, pietistische Texte verwendet. „Bach schwankt zwischen seiner orthodox-rationalen und seiner chassidischen Seele“, sagt Schleifer, in Anspielung auf jene strenggläubige jüdische Gruppe, für die das Herz und das religiöse Gefühl genauso wichtig sind wie Tora und Talmud.

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