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Weihnachtsmusik : Dann kommen die Engel. Es wird Licht

So malte Georges de La Tour 1644 die „Anbetung der Hirten“. Bild: ddp Images

Der Sänger und Musiker Marc-Antoine Charpentier, geboren 1643, hat die Christnacht als Pastorale für die Herzogin de Guise erzählt. Das Ensemble Correspondances hat das Stück wiederentdeckt . Es lohnt sich.

          Auch das verlorene Schaf ist wieder da. Es hat in dieser stillen, heiligen Nacht, die Georges de La Tour, peintre ordinaire du Roy, 1644 malte, den Weg gefunden zur Krippe. Interessiert sich jedoch weniger für den kleinen Lichtquell, der puppengleich schlafend darin liegt, vielmehr für das Futter, sei es Heu, sei es Stroh. Oder will das Schaf den Halm, der ihm im Maul hängt, gar nicht fressen, hat es ihn mitgebracht, quasi als ein Geschenk? Kein schwarzes, ein braves Schaf?

          Eleonore Büning

          Redakteurin im Feuilleton.

          Diese Frage muss offenbleiben. La Tour hat sie nicht beantwortet. Auch das Lukas-Evangelium hilft nicht weiter, darin das verlorene Schaf mit dem verlorenen Sohn oder einem verlorenen Groschen verglichen wird und eindeutig als Sünder firmiert, der sich mutwillig, schuldhaft verirrte, als Gegenbild zum schneeweißen Lamm Gottes, das alle Sünden der Welt tragen muss. Ein messianisches Symbol war das Schaf von den ersten urchristlichen Anfängen an, doch nie ohne Widersprüche. Auch der Sänger und Musiker Marc-Antoine Charpentier, geboren 1643, hatte damit seine liebe Not.

          Dreimal hat er die Weihnachtsgeschichte vertont

          Charpentier hatte es zwar zeitlebens nicht dazu gebracht, sich musicien du Roy nennen zu dürfen. Doch diente er der letzten Herzogin der Guise, der kunstsinnigen Marie de Lorraine, die ihn gut bezahlte und ihm jede künstlerische Freiheit ließ. Insgesamt drei Mal hat Charpentier für Mademoiselle die Weihnachtsgeschichte vertont, zwischen 1684 und 1686, als ein Hirtenspiel, in französischer Sprache und mit verteilten Rollen, für Echo und Fernchor, Engel und Schäfer, Blockflöte und tiefe Gambe, Cembalo und Orgel, und mit Maria und Joseph als stummen Statisten. Freilich mit einer eher weltlich-dramatischen statt sakraler Anmutung, an höfische Schäferspiele erinnernd, wie sie schon unter Ludwig XIV. üblich waren und bei denen, rund hundert Jahre später, die Gattin des XVI. Ludwig, Marie-Antoinette, im Petit Trianon am Rand von Versailles mit ihren Hofdamen echte Schäfchen waschen, parfümieren und einfärben ließ.

          Charpentier experimentiert mit dieser hybriden Form des Schäferspiels. Bewährt als Kirchen-, aber auch als Theatermusiker (er komponierte unter anderem für Molière, nachdem der sich mit Lully überworfen hatte), erfindet er jedes Jahr einen neuen Teil dazu. Seine „Pastorale de Noël sur la Naissance de Notre Seigneur Jésus-Christ“ erzählt zunächst davon, wie in einer Zeit voller Krieg, Teufelswerk und böser Schatten die Welt plötzlich den Atem anhält. Ein Lamento ertönt, eine melodiensüße, obertonreiche Musik voll seltsamer Querstände, kühner Reibungen. Danach eine „Symphonie de la Nuit“. Generalpause. Stille. Dann kommen die Engel. Und es wird Licht.

          Das verlorene Schaf

          Im zweiten Teil geht es um das verlorene Schaf. Wölfe haben es gefressen, le loup infernal, der Höllenwolf, schlug zu, nun ist es verloren für immer. Und die beiden Sopran-Hirtinnen, die danach suchen, sich selbst verlierend in einem unendlich traurigen Echo-Duett, geraten schier in Streit mit ihren Kollegen, die mit den Engeln gesprochen hatten und die gute Botschaft schon kennen: Die Hölle ist überwunden, der Mensch zum zweiten Mal geboren. Freude und Trauer kreuzen die Klingen. Das Schaf darf verrotten, der Rest ist Tanz.

          Da ist Weihnachten drin: Die Pastorale de Noel.

          Das Ensemble Correspondance musiziert diese herrlichen Pastoralszenen unter Leitung von Sébastien Daucé mit hoher Virtuosität und heller Leuchtkraft. Gegründet 2008 am Konservatorium in Lyon, wurde die Truppe mit einem Schlage bekannt, als sie voriges Jahr die Rekonstruktion des sonnenköniglichen „Ballet Royal de la Nuit“ von 1653 herausbrachte, Daucé spielt, wie sein Vorbild William Christie, im Continuo mit, in diesem Falle die Orgel, er legt Wert auf eine federnd rhythmische Italianitá und Belcantoschmelz, aber auch Textverständlichkeit ist ein wichtiger Parameter. Die Vokalstimmen sind solitär geführt, greifen betörend ineinander in einer anrührenden Balance aus Fülle und Keuschheit. Und wie bei Christie „sprechen“ auch hier die Instrumente. Nur, anders als Christie, der die Charpentiersche Pastorale vor dreißig Jahren schon einmal eingespielt hatte, lässt es Daucé nicht bewenden mit nur einer Version. Er präsentiert auf diesem Album das Gesamtwerk, mit der Zweit- und Drittfassung (ergänzt durch zehn Advents-Antiphone). Und siehe da: Das fügt sich zum Triptychon.

          Im zweiten Teil treffen die Hirten im Stall ein, sie flöten, jauchzen, frohlocken und tanzen mit den Engeln um die Wette, ein leichtes, schnelles, elegantes Menuettchen. Im dritten Teil weicht die Kälte, die Nacht. Die Sonne geht auf, sie vergoldet die Berge, die Hirten gehen heim. Alles wird gut.

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