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„Ulysses“ als Theaterstück : Im Tohuwabohu gibt es kein Vor und Zurück

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Ulrich Matthes als Totengräber in der Berliner „Ulysses“-Adaption Bild: Marcus Lieberenz/bildbuehne.de

Sebastian Hartmann versucht am Deutschen Theater in Berlin das Unmögliche: Eine dramatisierte Zusammenfassung von James Joyces „Ulysses“. Doch wie sieht das Ergebnis aus?

          Bei Romanadaptionen für die Theaterbühne gibt es keine Unschuldsvermutung. Da heißt es sofort Missbrauch, Verbrechen, Untergang. Denn mehr noch als bei der Inszenierung eines dramatischen Textes, der sein Schicksal ja vorher bestimmt und weiß, dass er sich performativ behaupten muss, scheint der Roman, die Prosa, den üblen Nachstellungen einer gewissenlosen Regie in besonders hilflosem Maße ausgeliefert. Hier kann die szenische Zusammenfassung den Text nur verschlechtern, die transmediale Reskalierung allein zur Verkleinerung führen. Die Dialogform fehlt, der Spannungsaufbau folgt einem anderen Tempo, die Einheitsregeln von Raum und Zeit greifen nicht.

          All das, was bei „normalen“ Romanen gegen eine Dramatisierung spricht, gibt es in James Joyces 1922 erstmals vollständig erschienenem Jahrhundertwerk „Ulysses“ in radikal gesteigertem Maße. Der Roman ist ein Inbegriff an Unübersichtlichkeit, statt einer verlässlichen Handlung schweifen achtzehn, auf Homer verweisende Kapitel um das innere und äußere Erleben des Protagonisten Leopold Bloom. Einen Tag lang flaniert er durch Dublin und nimmt dabei alles auf, was er in den Strom seines Bewusstseins einspeisen kann. Das Ganze ist eine riesige Melange aus Erinnerungsfetzen, Klang-, Gefühls- und Geruchsempfindungen, theoretischen Exkursen, obszönen Beschreibungen und Todeserwartung. Es geht um die totale Expression, den Versuch die überbordende Unordnung der Stadt und der Seele aufeinander zu beziehen, sprachlich einzufassen und zu abstrahieren. Das große Chaos in Geist und Gefühl irgendwie einzuzäunen, könnte man auch sagen. Mit Hilfe von 260.000 Wörtern, von denen 30.000 etwas anderes bedeuten. So reich ist der Wortschatz, dass man schon beim Lesen nicht hinterherkommt, dauernd stockt und stolpert und sich fragt, worum es eigentlich gerade geht, welche Klangfarbe welche Assoziation wecken soll.

          „Ulysses“ lässt sich nicht zusammenfassen

          Joyces „Ulysses“ lässt sich nicht zusammenfassen. Eine Reduktion auf das Unstrittige ist unmöglich, weil der Text permanent darauf aus ist, sich selbst zu verwirren. Was macht man mit dem, was schon kaum zwischen zwei Buchdeckel passt, auf der Bühne? Wo ja am Ende immer doch alles auf den knarrenden Boden der Darstellung geholt werden muss, die eigene Phantasie sich ausruhen kann, weil Schauspieler einem die Auslegungsarbeit abnehmen.

          Sebastian Hartmann tut das einzig Sinnvolle: Er lässt sich überwältigen. Seine Inszenierung unternimmt von Anfang an nicht den Versuch, das Joycesche Tohuwabohu in eine lineare Ordnung zu bringen, sondern löst aus den Bilderfluten des Textes nur hier und da einen Tropfen heraus und träufelt ihn auf die freie, hinten im Halbrund nur von zwei überdimensional großen Himmelstüren begrenzte Bühnenfläche. Oben schweben zwei verschieden große, schwarz facettierte Kugeln, die sich während der gut vierstündigen Vorstellung immer wieder leicht heben und senken. Kurz nach Beginn übergießt sich eine nackte Frau mit dunkler Farbe, rutscht stöhnend auf einer Plastikfolie hin und her bis ein großes schwarzes Kreuz entsteht, das in die Höhe gezogen wird und dort wie ein düsteres Menetekel hängen bleibt.

          Nur eine Neonröhrenbatterie, die die Vorderbühne rahmt, verströmt ab und zu gleißend helles Licht und Hoffnung. In diesem seltsam unwirklichen Ambiente lässt Hartmann seine Schauspieler nun in einer Art Nummernrevue auf und abtreten. Als Gaukler in glitzernden Kostümen zeigen sie Zauberstücke, als wilde Assoziationsaktivisten jonglieren sie mit zerquetschten Schnecken, verbrannten Schweinenieren und getrocknetem Rotz. Tollwütige Slapstick kippt urplötzlich in alttestamentarischen Furor, euphorisches Liebesrammeln wird im nächsten Moment von trauriger Endzeitstimmung abgelöst.

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