http://www.faz.net/-gqz-98e01

Berliner Festival Maerzmusik : Wer kümmert sich eigentlich noch um die Musik?

Vereinzelt noch erfreuliches Zutrauen in die Kunst: das Ensemble Phønix 16 führt im Festival Werke von Iannis Xenakis, Brian Ferneyhough und Ashley Fure auf. Bild: Mutesouvenir / Kai Bienert

Seit Berno Odo Polzer die Leitung der „Maerzmusik“ vor vier Jahren übernahm, wächst die Kritik am Festival. Statt auf die Stärke der Musik zu setzen, simuliert er Originalität und Dringlichkeit durch sexy wording.

          Gönnen wir uns einmal den Spaß und nehmen die „Maerzmusik“, das Berliner „Festival für Zeitfragen“, ernst. Da stellt sich nämlich dessen Leiter Berno Odo Polzer ins Foyer des Hauses der Berliner Festspiele, eröffnet die „Thinking Together Conference“ und sagt, wir wollen „reden über die Zeit, die nicht mehr unsere eigene ist“. Schon im Vorwort zum diesjährigen Programm hatte es geheißen, dass „wir Zeitwesen von heute“ gefangen seien zwischen – Originalton – divergierenden und kollidierenden temporalen Kraftfeldern, dass es einen systemischen Zeit-Krieg des Turbo-Kapitalismus gebe und den permanenten Ausnahmezustand, die enteigneten Zeitlichkeiten der freiwilligen und erzwungenen Migration.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Ganz im Ernst: Was meint eigentlich „von heute“ und „nicht mehr“? Gab es eine Zeit, da die Zeit dem Menschen gehörte? Die Zeit der Leibeigenschaft und des Frondienstes vielleicht? Den Normalzustand der Pest- und Cholera-Epidemien? Der Glaubens- und Weltkriege? Wann war denn das Leben nicht – wie der Titel eines Vortrags hier lautet – ein „Leben im Vorläufigen“? Jeder Sinnbildungsprozess, die Existenz des Menschen schlechthin hat die Zeitstruktur der Vorläufigkeit. Die Grunderfahrung des Vorbehaltlichen ist oft genug in Sprache gefasst worden: „Meine Zeit steht in deinen Händen“, heißt es im 31. Psalm; „So fremd wie mir ist keinem seine Zeit gewesen“, dichtete Rainer Maria Rilke vor sechs Generationen. Und „Lebendige Arbeit, enteignete Zeit“ lautet der Titel eines Buches von Oskar Negt, das 1984 erschien, als Polzer zehn Jahre alt war und seiner Zeit beraubt durch die Schule.

          Originalität und Dringlichkeit durch ein sexy wording

          Was also soll diese Rede von „nicht mehr“ und „heute“? Ganz einfach: Sie soll radikal schick sein, Originalität und Dringlichkeit simulieren durch ein sexy wording. Und mit diesem alarmistischen Marketing der Gegenwartsverhökerung wird gleichzeitig die Vergangenheit so schöngelogen, wie sie nie war. Offenbar identifiziert sich die „Maerzmusik“ bei ihrem kulturpessimistischen „nicht mehr“ mit dem Zeitbegriff des Freien, also des Sklavenhalters, der andere für sich arbeiten ließ und deshalb über seine Zeit frei verfügen durfte. Nun muss also diese Oberschicht des Zeitregimes auch endlich ihren Kirschgarten abholzen.

          Teil dieses „Thinking Together“ ist eine Podiumsdiskussion, bezahlt von der Bundeskulturstiftung, bei der sich die Festivalmacher der „Maerzmusik“, der Darmstädter Ferienkurse für Neue Musik, der Donaueschinger Musiktage und des Ultima Festivals Oslo austauschen über „die in der zeitgenössischen Musik vernachlässigten Themen ,Gender & Diversity‘, ,Dekolonisierung‘, ,Technologie‘ und ,Kuratieren‘“. Was, bitte, machen denn die Kuratoren dieser Festivals, wenn das „Kuratieren“ zu den vernachlässigten Themen ihrer Arbeit gehört? Wer kümmert sich eigentlich noch um die Musik? Um die ästhetische Unterscheidung, um die Sensibilisierung der hörenden Wahrnehmung? Um die Diskussion künstlerischer Qualität jenseits der Indienstnahme durch politische Moden? Erleben wir jetzt unter der Parole des „Diskursiven“ einen Neu-Stalinismus der Kulturpolitik, in der alle Akteure sich in Selbstbezichtigung von Defiziten üben und dadurch die richtige Gesinnung demonstrieren müssen?

          Die Musik wird zur Nebensache

          Seit Polzer die Leitung der „Maerzmusik“ vor vier Jahren übernahm, wächst die Kritik am Festival. Komponisten und Ensembles der Berliner Szene haben einen wichtigen Anlaufpunkt, einen strukturellen Anker für die Finanzierung ihres Lebensunterhalts verloren. Die Zahl der Auftragswerke ist erheblich gesunken, obwohl doch hier der Bund – als Träger der Berliner Festspiele – die Chance hätte, sich prominent als Financier neuer Musik zu zeigen. Stattdessen wird in diesem Jahr schon zum zweiten Mal in großem Umfang das Werk von Julius Eastman, eines 1990 verstorbenen Aktivisten für die Rechte von Schwulen und Schwarzen in den Vereinigten Staaten, präsentiert, der am Ende erklärte, Musik sei für ihn „secondary“, im Klartext: Nebensache. So ungefähr klingt sie auch. Dass die Musik beim ganzen Festival zur Nebensache geworden sei, ist ein Eindruck, den Polzer kaum vermeiden kann.

          Dabei beweist die „Maerzmusik“ vereinzelt noch erfreuliches Zutrauen in die Kunst, auch in diesem Jahr. Etwa mit der Uraufführung des Stücks „migrants“ von Georges Aperghis durch das Ensemble Resonanz oder mit dem Konzert des Ensembles Phønix 16 unter der Leitung von Timo Kreuser. Stücke wie „Charisma“, „Diamorphoses“, „Pour la Paix“ von Iannis Xenakis, teils sechzig Jahre alt, behutsam aktualisiert durch ein Video von Flüchtlingen an der griechisch-mazedonischen Grenze im März 2016, treffen den Hörer wie ein Schlag: nüchtern in der textlichen Beschreibung des Quälens und Tötens, schmerzhaft zerkratzt im Zuspiel des Tonbands, die Welt des Seienden transzendierend durch den Gesang, hinein in die Utopie des Sein-Sollenden. Würde die „Maerzmusik“, wie hier, statt die Seminaritis voranzutreiben, auf die Stärke der Musik setzen, hätte sie Dringlichkeit und Zukunft.

          Weitere Themen

          Hunderte Hörner am Hang Video-Seite öffnen

          Alphornfestival : Hunderte Hörner am Hang

          Hunderte Alphörner hatten sich am Sonntag unterhalb des Schweizer Bergs Mount Tracouet zum alljährlichen und weltweit größten Festival dieser Art zusammengefunden. Über 3.500 Schaulustige waren vor Ort, um der Musik zu lauschen.

          Konzert für Fische und Korallen Video-Seite öffnen

          Unterwasser-Festival : Konzert für Fische und Korallen

          Tauchausrüstung oder Schnorchel waren ein Muss beim Unterwasser-Festival vor den Florida Keys. Die am einzigen lebenden Korallenriff in Amerika abgespielten Rhythmen sollten die Aufmerksamkeit auch auf den Schutz des Ökosystems lenken.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.