30.12.2010 · Macht Mozart die Menschen besser? Vielleicht. Sicher ist nur, dass gemeinsames Musizieren die Kultur des Dialogs fördert. Ein Besuch in der Barenboim-Said-Musikschule in Ramallah.
Von Eleonore BüningKurz vor sechs trudeln die ersten Eltern ein. Mütter mit und ohne Kopftuch setzen sich zusammen und quatschen. Die Väter schleppen unterdessen die Kleinsten herum, passen auf, dass das Geschwisterchen, das schon laufen kann, nicht die Treppe runterfällt oder dergleichen. Stress unterdessen auf der Bühne, letzte Vorkehrungen werden getroffen, die Lehrer sortieren Noten, suchen und sammeln die Kinder, arrangieren Notenständer, rücken Stühle. Plötzlich zücken alle Eltern ihre Fotoapparate. „A piece of Haydn“, sagt Martin Kögel, einer der Lehrer, und zieht sich ein paar Schritte zurück.
Ein kleiner Marsch, dreistimmig. Drei Knaben, zwischen sieben und neun, blasen so tüchtig in ihre Klarinetten hinein, als gelte es, noch einmal die Mauern von Jericho zu schleifen. Oder vielleicht wenigstens die lange Mauer, die das Westjordanland abriegelt? Die verhärteten Herzen erleuchten, ein bisschen Frieden stiften?
Ob ein Stück „western classical music“ wie der Haydn-Marsch dabei helfen könne, das ist allerdings hier im Al-Kasabah-Theater, einem Kinosaal im Zentrum von Ramallah, eine total unpassende Frage. Man wird angeguckt, als käme man geradewegs vom Mond, wenn man Lehrern oder Schülern mit so absurden Anliegen kommt wie: Kann Musik von Haydn oder Mozart die Menschen besser machen? Oder: Wie kann das Miteinander-Musizieren europäischer Kunstmusik einen Beitrag leisten zur Entspannungspolitik in Nahost? Die Musikschüler aus Ramallah und Umgebung, selbst die kleineren, haben andere Ziele im Kopf. Sie wollen einfach nur so gut werden auf ihrem Instrument, wie die älteren Kinder, und die wiederum wollen so gut werden, wie ihre Lehrer, damit sie eines Tages mitspielen dürfen im West-Eastern Divan Orchester und dann vielleicht, wer weiß, in anderen Orchestern der großen, weiten Welt.
Die Motivation jedes Einzelnen
Rausfinden aus der Lethargie der Aussichtslosigkeit, ein neues, eignes Ziel vor Augen haben: Das ist gewiss der erste Impuls. Andererseits kann es nicht schädlich sein, wenn sich dieser Ehrgeiz mit Musik verbindet. Wer die Sprache der Musik erlerne, werde fit gemacht für den Dialog, so hat das einmal Daniel Barenboim formuliert, und an diesem zarten Hoffnungsfaden hängt seine Barenboim-Said-Foundation, wie andere Education-Unternehmungen auch.
In Ramallah arbeiten heute nicht weniger als drei Musikschulen mehr oder weniger mit dieser Hypothese: Erstens das nach Edward Said benannte Nationale Konservatorium, gegründet 1994, zur palästinensischen Universität Bir Zeit gehörig. Zweitens das 2002 vom französischen Kulturzentrum gegründete „Al-Kamandjâti Music Centre“ in der Altstadt mit seinem malerischen, von schwedischen Designern gestalteten Innenhof. Und, schließlich, das in Westeuropa bekannteste, vor Ort teuerste, zweifellos elitärste Unternehmen: das Musikzentrum der Barenboim-Said-Foundation. Es hat mittlerweile 174 Schüler, unterhält zwei Chöre, lädt namhafte Musiker der westlichen Welt, wie die Pianisten Andras Schiff, zu Konzerten ein und darüberhinaus Musiklehrer auf Zeit, die sich aus Spitzenorchestern- und -Ensembles rekrutieren. Die Barenboim-Said-Foundation verlangt Studiengebühren von den Schülern, sie arbeitet nicht gratis in reiner Mildtätigkeit, wie das „Al Kamandjâti“. Die Motivation jedes Einzelnen ist zentrales Anliegen im Unterricht, regelmässig werden Elternkonzerte veranstaltet, in Abständen finden Workshops statt.
Die Kinder sind stolz
Diesmal ist das Polyphonia Ensemble aus Berlin für sechs Tage angereist für einen Kammermusik-Workshop, teils sind es Orchestermusiker aus dem Deutschen Symphonie Orchester, teils aus der Staatskapelle. Die Noten für Mozarts Klarinettenquintett, ein Flötenquartett von Rossini und eine Bläsersonate von Stamitz wurden vorausgeschickt, die für den Workshop ausgewählten Kinder und Jugendlichen, bestens vorbereitet, haben nun zwei Vormittage und einen Nachmittag Zeit, um, gemeinsam mit ihren Gast-Lehrern, alles konzertreif zu polieren. Dazu kommt die Arbeit am „Vorprogramm“ der übrigen Schüler, die nicht ausgeschlossen sein sollen und einzelne Sätze einüben. Für anderthalb Tage also ist in allen acht lichthellen Klassenzimmern der Barenboim-Said-Foundation in Ramallah die Hölle los, ein konzentriertes Gewusel, Kakophonien auf den Fluren, Englisch ist die Geschäftssprache. Und, egal, wo man sich zum Zuhören hineinschleicht, überall das gleiche überraschende Ereignis: In ungeheurer Geschwindigkeit saugen diese jungen Musiker Anregungen und Anweisungen der fremden Lehrer auf, setzen sie um, probieren aus, verbessern sich. In Minutenschnelle verändert sich das Stück, nimmt Gestalt an und reift, der Fortschritt ist mit Händen zu greifen.
Und das Ergebnis, am dritten Abend, im Kinosaal, unterscheidet sich von den üblichen Schülerkonzerten, wie sie zu dieser Jahreszeit überall auf der Welt und tausendfach stattfinden, gewaltig dadurch, dass die Grenze zur Professionalität durchlässig wird. Normalerweise lieben die Eltern so etwas, die Kinder aber hassen es, das ist bei Vorspielen die Regel. Hier in Ramallah läuft es anders, deutlich sichtbar, noch deutlicher hörbar. Die Kinder haben großen Spaß, und sie sind stolz. Sie legen, egal, wie gut oder weit sie schon sind, den größten Ehrgeiz in die Sache. Diese jungen Musiker, so sagt es Thomas Rößeler, der Cellist von Polyphonia, einmal in der Pause ganz beglückt, , seien „regelrecht hungrig“ nach Musik, im Unterschied zu den „übersättigten“ Musikschülern in Europa, mit denen er es sonst so zu tun hat.
Allein das ist eine Erfolgsnachricht
Drei Fernsehteams filmen das Konzert. Außer den Eltern sitzen im Publikum etliche Vertreter von politischen und kulturellen Organisationen aus Ramallah und von auswärts, Götz Lingenthal vom Deutschen Vertretungsbüro (das sich hier in Westjordanland „Botschaft“ nicht nennen darf), Gero Schließ von der Deutschen Welle, Jörg Schumacher vom Goethe-Insitut Ramallah. Man sieht allein an der Fülle dieser mit Kulturarbeit in den palästinensischen Autonomiegebieten befassten Administrationen, wie stark die Stadt am Tropf hängt.
Aber auch der melancholische junge Nabeel Abboud Ashkar ist natürlich da, seines Zeichens Geiger und Physiker, der es in zäher Beharrlichkeit geschafft hat, mit Hilfe der Barenboim-Said-Foundation in Nazareth, jenseits der Mauer, das erste Musik-Konservatorium zu begründen und zum Blühen zu bringen. Seit kurzem ist Nabeel auch Leiter der Musikschule der Barenboim-Said-Stiftung in Ramallah, er selbst hat einige Zeit im Divan-Orchester mitgespielt. Heute ist Nabeel Abboud Ashkar stolz darauf, dass sich binnen kurzer Zeit die Schülerzahlen vervielfältigt haben in Nazareth und, dass sieben Kinder und Jugendliche aus Nazareth dabei sind an diesem Konzertabend. Sieben Israelis, siebzehn Palestinenser. Allein das ist eine Erfolgsnachricht. Und den besten unter ihnen, der famosen siebzehnjährigen Cellistin Mira, den Geigern Feras und Yamen sowie der Flötistin Dalia wird man eines Tages auf europäischen Podien wiederbegegnen, so viel ist sicher.
Eleonore Büning Jahrgang 1952, Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin
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