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„Daphne“ in Dresden : Flucht und Verwandlung der Daphne

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Von der Mythenfigur zur Widerstandskämpferin: Camilla Nylund (vorn) füllt die Rolle der „Daphne” mit kindlicher Unsinnlichkeit Bild: ZB

In der Dresdner Semperoper versucht sich der 29 Jahre alte Dirigent Omer Meir Wellber mit Erfolg an Richard Strauss' „Daphne“. Die Inszenierung von Torsten Fischer reicht jedoch nicht an den musikalischen Glanz heran.

          Eine riesige, grell blendende Sonne erscheint am Horizont der Dresdner Semperopernbühne. Aus ihr steigt der mächtige Apollo herab: Phöbus, der Strahlende, Sohn des Zeus, Gott der Weissagung, der Schönheit und der Künste. Ein Mannsbild, ein Alleskönner: Weltenheiler, Drachentöter, Frauenbeglücker und Bezwinger der Zyklopen zugleich. „Durch mich wird Zukünftiges, Vergangenes und Gegenwärtiges offenbar“, prahlt er in Ovids Metamorphosen und baut sich in seiner ganzen Herrlichkeit siegesgewiss vor der scheuen Nymphe Daphne auf: „Durch mich tönt harmonisch das Lied zu den Klängen der Saiten.“

          Mächtig überbieten die Klänge der „Daphne“-Oper von Richard Strauss einander in immer neuen Aufgipfelungen an dieser Stelle, wenn Apollo, als Hirte des Dionysos verkleidet, sich mit eindeutigen Absichten der naturliebenden, aber unsinnlichen Daphne nähert: Die seidigen Streicher der Dresdner Staatskapelle schicken sich an, mit drängendem Tremolo die keusche Nymphenseele zu berauschen, Trompeten und Posaunen künden vom metallischen Strahlenglanz des Sonnengottes und der Strausssche élan vital entlädt sich schließlich in einem gleißenden Triumphakkord, zu dem in Torsten Fischers Inszenierung Apollo auf der Bühne die sich sträubende Daphne umarmt.

          Doch der euphorische Höhepunkt gleicht einem Schock, dem - ganz unstraussisch - ein Absturz in die Dysphorie, ja in die Depression folgt. Klarinetten und große Flöte stimmen einen harmonisch instabilen, vollständig verlassen klingenden Klagegesang an, das Englischhorn lässt die ganze Steigerung in trübseligen Seufzergesten zusammensacken, Bassetthorn, Oboe und Fagott fallen imitierend ein in diesen Kanon ungut heranschleichender, nagender Zweifelmotive.

          Torsten Fischer inszeniert die „Daphne” als hölzerne NS-Parabel

          Schatten über Arkadien

          So drastisch wie in der differenzierten, die überbordende Orchesterpolyphonie dieses Spätwerks durchsichtig und prägnant auffächernden Interpretation des jungen israelischen Dirigenten Omer Meir Wellber hat man diesen jähen Stimmungsumschwung noch nicht gehört. Überhaupt scheint dem Stück an diesem Premierenabend unter seiner Leitung eine neue Qualität zuzuwachsen. Das Arkadien, in das der alte Strauss sich in seiner meisterhaft orchestrierten Partitur flüchtete, ist hier von schwerer Melancholie befallen. Immer wieder ziehen dunkle Wolken auf über dieser in Wellbers Lesart streckenweise impressionistisch anmutender, voll betörender Schönheiten steckenden Hymne an die Natur.

          Das Paradies der Kunst scheint überschattet von Ungewissheiten der Harmonik und schneidenden Dissonanzen, die jedoch innerhalb des großen Entwicklungsbogens musikalisch eigentümlich folgenlos bleiben. Es ist ein hermetisch abgeschotteter Ziergarten, den Wellber im debussynahen Klang der Staatskapelle traumgleich heranzüchtet: eine Komposition, in der, wie hinter Glas, nicht nur die alterskindlichen Wunschträume des Komponisten, sondern auch seine Verunsicherungen und Zweifel mit eingefangen erscheinen.

          Klaviatur der Macht

          Als Richard Strauss sich 1935 dem antiken Stoff zuwandte, war er 71 Jahre alt. Seine Erfolge mit „Salome“, „Elektra“, „Rosenkavalier“, „Ariadne auf Naxos“ und „Arabella“ hatten ihn zu einem der mächtigsten Komponisten des Landes gemacht. Er glich einem Musikgott, dem schlicht alles mit leichter Hand zu gelingen schien und der sich - sei es aus opportunistischem Kalkül, sei es aus blanker Geltungssucht - noch zugetraut hatte, auf der Klaviatur der neuen nationalsozialistischen Machthaber zu brillieren, ohne dadurch seine Autonomie zu verlieren: als Präsident der Reichsmusikkammer seit 1933, als Verfasser der Eröffnungshymne für die Olympischen Spiele in Berlin 1936, als Vorzeigekomponist des Regimes noch während dunkelster Kriegszeiten.

          Doch er hatte sich verschätzt und war tief verstrickt. 1935 zog er sich den Unmut von Hitler und Goebbels zu, weil er für die Uraufführung seiner „Schweigsamen Frau“ die Nennung des bereits emigrierten jüdischen Librettisten Stefan Zweig auf dem Besetzungszettel durchgesetzt hatte. Seinen Posten in der Reichsmusikkammer musste er daraufhin abgeben. Und unmittelbar anschließend begann er an der Bukolischen Tragödie „Daphne“ zu arbeiten, gemeinsam mit dem alles andere als begnadeten Joseph Gregor als Ersatzlibrettisten für Zweig.

          Nicht zu Unrecht hat man dem 1938 in Dresden uraufgeführten Werk oft seinen ästhetizistischen Eskapismus vorgeworfen: den opportunen Rückzug in die Mythenwelt des antiken Griechenlands. Torsten Fischers in der Entstehungszeit spielende Inszenierung ließ jetzt jedoch den Gedanken aufkommen, dass Strauss in der Figur des Apollo - wie versteckt auch immer - seine eigene Verstrickung und sein Scheitern chiffriert habe. Am Ende der Oper steht das Schuldbekenntnis des Gottes der Musik, der einsehen muss, dass sein Machtbedürfnis und seine Einmischung in Menschenwelt zu nichts als zu unheilvoller Verstrickung führen.

          Mythentransfer in die NS-Zeit

          Fischers etwas hölzern umgesetzte szenische Deutung, die Daphne mit Sophie Scholl gleichsetzt und Apollo als Nazi-Kommandanten auftreten lässt, führt dabei jedoch gleichzeitig in die Irre: So glatt gehen die Gleichungen in diesem komplizierten Stück selbstverständlich nicht auf. Die zahlreichen Widersprüche des Librettos scheinen hier doch allzu naiv geglättet.

          Musikalisch gelang eine glänzende Aufführung, die das feine Raffinement dieser farbigen Partitur zur Geltung brachte, ohne es in plattem Wohlklang zu ertränken. Auch die Sängerbesetzung, beinahe alles Rollendebüts, trug zu diesem Eindruck bei. Camilla Nylunds schlanker, leichtgängiger, instrumental geführter Sopran passte hervorragend zur kindlichen Unsinnlichkeit der Titelpartie, wenn auch die Höhen mitunter etwas zu trocken klangen. Ladislav Elgr war ein hingebungsvoller Leukippos, Christa Mayer eine charakteristisch dunkle Gaea und Georg Zeppenfeld ein imposanter Peneios. Einzig Robert Dean Smith fehlte es mitunter am erforderlichen tenoralen Glanz und an der nötigen Kraft, um die Monstrepartie des Apollo stimmlich überzeugend zu bewältigen.

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