Home
http://www.faz.net/-gs3-sjnz
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Daniel Barenboim Der Marathon-Mann

22.04.2006 ·  „Wohltemperiertes Klavier“, „Tristan“, Nahost-Konflikt: Was andere im Leben nicht schaffen, packt der Dirigent Daniel Barenboim in ein paar Tage. Sein einziges Doping ist die Musik.

Von Fabian Bremer
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Ein riesiges Wohnzimmer, außen gelb, innen verwinkelt. Die Akustik ist ausgesprochen gut. Und inzwischen gibt es auch noch einen neuen Steinway in der Berliner Philharmonie - 24 Präludien und Fugen stehen drauf; gut drei Stunden Musik. Eine der konzentriertesten Einmann-Shows der Klassik: Bachs „Wohltemperiertes Klavier“, Teil 1. Ein Werk, mit dem Pianisten Flagge zeigen, Meinung machen, Position beziehen. Ein Œuvre für finale Antworten: Was bedeuten die Tonarten? Wie stehen Form und Emotionen zueinander? Ein Stück Weltanschauung. Jede Note wird zur elaborierten, oft ein Leben lang ausgetüftelten Aussage. Exzentrisch wie bei Glenn Gould oder verspielt wie bei Friedrich Gulda. Bei Daniel Barenboim klingt Bach jedes Mal anders.

Der Pianist tritt auf, nimmt Platz, schraubt seinen Hocker ein bißchen höher, ein bißchen tiefer, und während die Rechte noch schraubt, greift die Linke die ersten Töne des C-Dur-Präludiums irgendwo aus der Luft, beiläufig fast, nebensächlich, unprätentiös. Und so geht es dann auch weiter.

Schwelgen im Bei-sich-Sein

Er kriecht in das Instrument, schwelgt in einer Romantik, die ein einziges Bei-sich-Sein ist, und wenn die Spannung abnimmt, schaut der Mann am Klavier durch die Klappe in das Auditorium, saugt die Stimmung auf, verknotet die Beine, weckt sich selbst aus der Träumerei, greift in die Tasten, bis zum nächsten Gehenlassen. Hier ist nichts abgezirkelt, mit sich selbst abgesprochen, sondern alles entsteht aus dem Moment - wenn er langweilig ist, soll er das auch sein, wenn er sich aufbäumt, kracht es. Und wenn die Notenblätter einmal größer sind als das Klavier, werden sie mit einem lässigen Handschlag kurzerhand flachgelegt. Wahrscheinlich so wie damals, als der Vater das Kind vor Bach setzte.

Da war Daniel Barenboim noch naiv, heute verkörpert er eine wissende Naivität und läßt sich einfach treiben. Bei ihm klingt Bach nicht nach altem Meister, nicht nach historischer Aufführungspraxis oder visionären Tasten-Thesen. Bei ihm entsteht alles im Jetzt, und das ist zutiefst intim.

Jeder Augenblick ist eine Ahnung der Zukunft. Barenboim ist Spinoza, Schopenhauer und Heidegger in Musik. Es riecht nach Wohnzimmer, wenn er spielt, und nach großer weiter Welt. Nach dem Konzert signiert er noch über eine Stunde lang Autogrammkarten und CDs. Die Zukunft beginnt eben in der Wirklichkeit und kennt kein Ende.

Er kennt die Mechanik

Vielleicht hat Bach Barenboim gerettet, damals, als die Berliner Philharmoniker Sir Simon Rattle und nicht ihn zum Chef wählten, als er Chicago verließ und sich wieder auf das Alte Testament des Klaviers konzentrierte. Allein mit sich und dem Steinway. Wenn Barenboim Bach spielt, hört man Wagners „Meistersinger“-Ouvertüre, das Liebesmotiv aus „Tristan“, viel Brahms, ein wenig Mahler. Vor allen Dingen aber hört man Barenboim selbst. Einer, der das Tschingderassabum, das Quäken und Mäkeln nicht nötig hat, der alles sagt, wenn er Musik macht. Einer, der einen Schlips trägt, wenn er musiziert, aber das Wort Mode nie gehört hat.

Barenboim denkt nicht in den Kategorien des Zeitgeistes, sondern in denen der Klassik. Wenn es um seine eigene Person geht, wenn es um die Staatsoper in Berlin geht, deren Musikchef er ist, oder wenn es um den Nahost-Konflikt geht. Er will nicht überzeugen, sondern bietet nur Positionen an. Selbst, wenn es sich um die Konkurrenz handelt.

Nachdem er ein Konzert mit dem Shooting-Star der Klassik dirigiert hatte, mit Lang Lang, der einen Flügel behandelt wie eine Barbie-Puppe, hat er ihn nach Sevilla eingeladen, das Klavier auseinandergeschraubt wie einen Ikea-Schrank und gesagt: „Es ist doch wichtig, die Mechanik zu kennen, Junge!“

Ein Iron-Man in Noten

Egal, wo Daniel Barenboim ist, da ist sein Wohnzimmer, da läßt er sich gehen, da empfängt er Gäste, da bezieht er Position. Manchmal merkt man gar nicht, wie nahe man ihm dauernd ist. Und manchmal versteht er selbst nicht, daß die Menschen aufstehen und klatschen, obwohl er doch nur gespielt hat.

Bachs „Wohltemperiertes Klavier“ war der Mittelpunkt der Festwochen der Berliner Staatsoper. Das Programm, das Barenboim in zwei Wochen absolviert hat, liest sich wie ein Iron-Man in Noten: „Tristan“-Premiere, „Parsifal“-Wiederaufnahme, ein Sinfoniekonzert mit Mahler, Bach Teil 1, „Tristan“, „Parsifal“, Bach Teil 2 und noch einmal Wagner. Einen Pausentag gab es nicht. Sein einziges Doping ist die Musik.

Während Intendanten über die Berliner Opernstiftungskrise debattieren, spielt Barenboim - er löst seinen Körper in Tönen auf, sein Denken und die Welt, die wir Wirklichkeit nennen. „Mein Körper hat sich daran gewöhnt“, sagt er. Aber zu Mozarts Geburtstag im Januar sollte er in der Philharmonie dirigieren, wurde mit einem Schwächeanfall ins Krankenhaus gebracht, berappelte sich, gastierte in Chicago und reiste nach den Festwochen sofort weiter nach Palästina und Israel - dort hält er Lectures für die BBC und besucht Bildungseinrichtungen, die er selbst erfunden hat.

Viele Städte umgekrempelt

Im Berliner Restaurant „Borchardt“ sitzt er auf einer roten Ledercouch. Hier, wo alle irgend etwas sein wollen, ist er einfach. Auch das ist sein Wohnzimmer. „Wissen Sie“, sagt er, „es ging mir wirklich nicht gut, ich hatte Probleme mit dem Blutdruck, meine Medikamente haben mich schwach gemacht, das war alles nicht richtig eingestellt. Aber jetzt fühle ich mich wieder fit.“

Klar, er kann Wagner dirigieren und Bach spielen. „Auf dem Papier sieht das wahnsinnig aus“, sagt er, „aber in der Praxis ist es eine Erholung.“ In der Musik verliert der Dirigent seinen Körper.

Barenboim hat viele Städte umgekrempelt: Chicago, Paris - und er war der erste, der in die deutsche Hauptstadt kam, gleich nach dem Mauerfall, noch vor Simon Rattle und Kent Nagano. Er hat die Staatskapelle zum profiliertesten Orchester geschliffen - inniger, zielgerichteter, erkennbarer als Rattles Philharmoniker. Und: Die Musiker lieben ihren Chef, träumen inzwischen davon, sich von der Oper selbständig zu machen, wollen ein eigenständiger Klangkörper werden.

Unterricht im Bombenhagel

Barenboim hat einen Musik-Kindergarten gegründet, das Berliner Pendant zu seinem Pionier-Projekt in Ramallah. Seine erste Handlung war es, Pressebesuche zu verbieten. Weil es um die Kinder geht. Und weil er, wo es wirklich wichtig ist, lieber ohne Öffentlichkeit arbeitet. Er hat das West-Eastern Divan Orchestra erfunden, in dem Palästinenser und Israelis, Christen, Juden und Muslime gemeinsam musizieren. Ausgebildet werden sie von Mitgliedern der Staatskapelle. Und die erzählen so passioniert von Unterrichtsstunden im Bombenhagel wie andere Kollegen von ihrem Dienstfrust.

Wenn das deutsche Ensemble- und Subventionstheater begründet werden muß, dann zeigt Barenboim, was möglich ist. Sollen die Schindhelms (Chef der Opernstiftung), Homokis (Intendant der Komischen Oper) und Harms' (Intendantin der Deutschen Oper) doch reden. Barenboim ist der Igel unter allen Hasen - immer schon da, wenn die anderen noch gar nicht wissen, wohin sie rennen sollen. Ein Netzwerker, der überall arbeiten kann und sich gerade dadurch unentbehrlich macht.

Barenboim fordert Bekenntnisse

Daniel Barenboim ist kein Simon Rattle, der mit Filmen wie „Rhythm is it“ einen Hype kreiert. Er hat die Gabe, Menschen nach ihren Bedürfnissen zu bedienen, ohne sich selbst untreu zu werden: Dem Champagner-Publikum der Staatsoper serviert er ein Festival, in dem er selbst im Mittelpunkt steht, Erzieher aus Palästina lädt er nächste Woche nach Berlin ein, ohne Gala-Konzert, zur Arbeit, und seinen Musikern gibt er Sendungsbewußtsein.

Überall ist der Dirigent selbst dabei. Populismus ist für Barenboim keine Sache des Augenblickes, sondern der innigen Verbindung. „Wenn man einmal ,Parsifal‘ dirigiert hat, dann kennt man Kundrys Wort von der Erkenntnis, die zum Bekenntnis wird.“ Barenboim hat erkannt und fordert Bekenntnisse - deshalb ist er einer der wenigen Klassikstars, für die man noch mit „Suche Karte“-Schildern die Nacht verbringt.

Hadern mit den Machtverhältnissen

Derzeit ist er wieder im Nahen Osten. Während die Zeitungen über Attentate, die Hamas, über politische Realitäten schreiben, sitzt Barenboim in Ramallah und sagt: „Heute war ein schöner Tag, ich habe eine Insel der Glückseligen gefunden.“ Ihm ist es gelungen, zwanzig Kinder aus Palästina nach Ramallah zu holen, um gemeinsam mit Kindern der Stadt zu musizieren. Gerade hat er mit ihnen geprobt.

Nach der Krankheit Scharons und dem Hamas-Sieg in Palästina schien der Kämpfer für eine Zwei-Staaten-Lösung desillusioniert, haderte mit den neuen Machtverhältnissen. Was er propagiert hatte, eine Lösung aus Er- und Bekenntnis, schien in weite Ferne gerückt. Aber inzwischen ist Barenboims Position wieder eindeutig: In Palästina ist die Mehrzahl der Bevölkerung unter achtzehn. Da kann es nur um eines gehen, um Bildung. „Und es ist erstaunlich, welchen Boom ausgerechnet die klassische Musik in dieser Region erlebt.“

Im „Borchardt“ kommentiert Barenboim seinen Bach-Klavierabend lapidar: „Der neue Flügel der Philharmonie ist wunderbar!“ Und man denkt, es habe nur der Teppich aus seinem Wohnzimmer darunter gefehlt. So wie Daniel Barenboim Bach spielt, lebt er auch mit der Wirklichkeit. Er ist ganz er selbst: in sich, mit seinem Weltbild, einen Blick ins Auditorium gerichtet, bereit zu reagieren - aber nicht, einen Halbton von seiner Vorstellung der Zukunft aus dem Jetzt abzuweichen. Und während er Musik macht, läßt er die anderen einfach weiter schwätzen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Landesfahrrad

Von Hannes Hintermeier

Wer hat´s erfunden? Na hoffentlich die Schweiz. Ihren Nationalstolz lässt sie sich einiges kosten: 2.000 Euro Stückpreis pro Militärfahrrad. Nur leider saugt der Sattel Regenwasser auf. Mehr