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Cornelia Froboess zum Siebzigsten : Felsin im Jammer

  • -Aktualisiert am

Cornelia Froboess Anfang September bei den Dreharbeiten zum Fernsehfilm „Freundinnen“ in München Bild: picture alliance / dpa

Schon als Teenager- und Rock-’n’-Roll-Filmmusikkomödienstar der frühen sechziger Jahre gab sie das Fräulein, das sich nicht so hatte: herb in aller Süße. Der großen Schauspielerin Cornelia Froboess zum Siebzigsten.

          Zuletzt hatte sie auf der Bühne ein paar Jahrzehnte Zuchthaus hinter sich und feilschte, trickste und kämpfte mit einer psychiatrisch-puritanischen Knastjuristin um ihre Entlassung, bevor lebenslänglich zu lebensendlich würde. Hier die ehemalige Terroristin, die Polizisten kaltblütig umnietete, dort die kaltblütige Richterin, die vor jede Erbarmungs- und Gnadehoffnung ein Verbotsschild aufrichtet.

          Cornelia Froboess war in David Mamets Schuld-und-Nerven-Duellstück „Die Anarchistin“ im Münchner Residenztheater die Frau, die nichts zu verlieren hat und alles aufs Spiel setzt – aber so, dass sie noch in den Nadelstichniederlagen, die ihr Sybille Canonicas juridische Zicke beibrachte, eine zähe Würde abstrahlte, ein schniefend trotziges „Was soll’s! Mir kann keener!“ mit sanft rotziger Chuzpe aus Bauch und Kopf kollern ließ. Als würde sie sich zu jedem Moment, auch und gerade im schmerzlichsten, zuflüstern: Hab’ dich nicht so! Du hältst das aus.

          2004 mit Rudolf Waldemar Brem in Thomas Langhoffs Inszenierung von Brechts „Mutter Courage und ihre Kinder“ im Münchner Residenz Theater Bilderstrecke
          2004 mit Rudolf Waldemar Brem in Thomas Langhoffs Inszenierung von Brechts „Mutter Courage und ihre Kinder“ im Münchner Residenz Theater :

          Als Ibsens Frau vom Meer, der ein Ausbruch aus der Enge und dem Gemütsmief von Ehe, Fjord und Stiefbürgerlichkeit ins Wilde, Gefährliche, Ehe- und Bürgerbrecherische nicht gelingt und die bei Mann und Herd und Kindern bleibt, zeigte sie 1989 ihn den Münchner Kammerspielen in Thomas Langhoffs grandios einfühlsamer Inszenierung, was es heißt, seiner Vernunft eine Schmerzensschnauze aufzusetzen. Als Krone und als Deckel. Die große Leere, die jetzt kommt, wird ihr nichts antun. Sie wird sie trotzdem spüren, aber keine Affäre daraus machen.

          Die in Wriezen an der Oder im Kriegsjahr 1943 Geborene brillierte als die berühmteste West-Berliner Kindersing-Schnauze der fünfziger Jahre, vom Schlagerproduzenten-Papa früh abgerichtet. Ihr Kräh-Hit „Pack die Badehose ein“ war ein Renner auf allen Kanälen. Aber auch als Teenager- und Rock-’n’-Roll-Filmmusikkomödienstar der frühen sechziger Jahre (mit Ponyfrisur und Pettycoat) und als Chanson- und Schlagersängerin („Zwei kleine Italiener“, „Lady Sunshine und Mister Moon“) gab sie schon das Fräulein, das sich nicht so hatte: herb in aller Süße. Bevor sie jegliche Schnulzenverpuppung ablegte und fast vierzig Jahre lang das Ensemble des Dieter Dorn, erst an den Münchner Kammerspielen, dann am Bayerischen Staatsschauspiel als starke Frau stützte. Immer auf der Figur-Kippe, aber mit beiden Beinen auf des Messers Schneide stehend. Die gefühlsechte Anti-Heulsuse.

          Frauen, die sich nichts vormachen lassen

          Unvergessen ihre Lotte Kotte aus Remscheid-Lennep in „Groß und klein“ von Botho Strauß, 1979, dem Stationendrama einer von allen verlassenen und abgestoßenen Frau, die sich durch Zimmer- und Beziehungsschluchten schlägt im zähen Kampf um ein bisschen Liebe. Da zeigte sie glitzernde Hornhaut auf wunder Seele, bis auf Hauchesdünne blankpoliert. Und als „Käthchen, das späte Mädchen“ im „Leichten Spiel. Neun Leben einer Frau“ von Strauß war sie 2009 eine der fröhlichsten Sterbenden, die sich denken lassen. Der die Erde schon „in den Schädel sintert“, die ihr Grab schon als Luftschloss baut. Bei Dorn war sie 1980 Shakespeares liebeszerrissene, aber maulfleißige Viola (in „Was ihr wollt“), 1976 Lessings männerreparierende und vernunftlachende Minna von Barnhelm und 1983 eine Helen im „Park“ von Botho Strauß, die in bundesrepublikanischer Mittsommernachtstollheit unterm korrekten Glatten, Zivilisierten, Manierlichen plötzlich einen Vulkan an Unkorrektheit ausbrechen lässt und gegen „Nigger und Ausländer“ loslegt – aber das, was da in ihr aufbricht, genießt wie ein Soufflé au lava.

          Das Beherrschte, Tapfere dieser Felsin in der Jammerbrandung, die ihren Ton schon auch mal ins maniriert Nölende, spitzmäulige, aber auch wundwehe Abkanzelnde ziehen kann, kennt als Gegenkraft das wunderbar Ergebene. Als Irene Harms, 1987 bei den Salzburger Festpielen, in Thomas Langhoffs Inszenierung von Schnitzlers „Einsamem Weg“, gab sie die Frau als Schauspielerin, die auf ein verpfuschtes, verspieltes Leben zurückblickt wie auf eine Schreckenskomödie. Oder als Pensionswirtin Insa in „Die eine oder andere“ von Botho Strauß, was sie zusammen mit ihrer Tragödin-Kollegin Gisela Stein 2005 im Münchner Residenztheater unter Dieter Dorns Regie als grandiosen Megärenball durchtanzte, zeigte sie überwältigend in aller Ordinärheit die Inbrunst einer Alkoholikerin, die unter der schrundigen Oberfläche einer Lebens- und Liebesverlorenen eine funkelnde Abgrundgrube freilegte. Cornelia Froboess spielt die Frauen, die sich nichts vormachen lassen, weil sie viel vom Leben und Überleben wissen. Was sie erst befähigt, anderen etwas vorzumachen: im Theater der großen Figuren. An diesem Montag feiert diese große Schauspielerin ihren siebzigsten Geburtstag.

          Quelle: F.A.Z.

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