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Corinna Harfouch zum Sechzigsten : Die Kunst des Raubtiers

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Widersprüchliche Weiberglanzrollen liegen ihr: Corinna Harfouch Bild: Picture-Alliance

Unter Feuer, und doch so beherrscht, so kühl, so überwältigend: Zum sechzigsten Geburtstag der großen Schauspielerin Corinna Harfouch, die eine Meisterin widersprüchlicher Weiberglanzrollen ist.

          Niemand kann Wut und Empörung schöner, hochfahrender spielen als Corinna Harfouch, der man mit Genuss und Faszination dabei zuschaut, wie sie alle Zündschnüre an seelischen Explosivstoffen unter Feuer setzt. Aber niemand sonst bleibt dabei auch so beherrscht, so kühl, so unterwältigend, so unhysterisch. Die hohe, schmale Gestalt, das weich verschlossene Gesicht, aus dem es schmerzlich blitzen kann, die rauh erregte Stimme –, wirken bei ihr wie die gepanzerte Deckung, hinter der Raubtierhaftes lauert. Immer auf dem Sprung, sich eine Figur zu krallen – aber sie dabei nicht zu zerstören. Sondern sich in ihr Innerstes zu wühlen. Ohne sich darin zu verlieren. Und alles unter der Kontrolle eines erstklassigen Gehirns zu behalten. Eine blitzgescheite Beherrschungsberserkerin.

          Die gebürtige Thüringerin, die in der DDR Krankenschwester und Textiltechnikerin gelernt hatte, bevor sie im ehemaligen Karl-Marx-Stadt und Ost-Berlin schwierige junge Frauen spielte (Polly, Gretchen à la Urfaust, Lady Macbeth à la Müller) und gleich auch im Film („Das Haus am Fluß“, „Die Schauspielerin“) mit widersprüchlichen Weiberglanzrollen auffiel (die sie bis ins cinematographische Heute hinein in aller Vielfalt grandios durchhält), befindet sich seit Anfang der neunziger Jahre, als sie Thomas Langhoffs Deutsches Theater frustriert verließ, auf freier Wildbahn. Kein Mitglied eines Ensembles. Ein Raubtier, das sich ihr Rudel sucht, von Zeit zu Zeit.

          Lady Courage

          Als Martha in Jürgen Goschs epochaler Berliner Inszenierung von Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ (2004), als Philosophenfrau Nadine in Yasmina Rezas „Im Schlitten Arthur Schopenhauers“ (Berlin, 2006, Regie: Gosch), als Schriftstellerin Nathalie Oppenheim in Rezas „Ihre Version des Spiels“ (Berlin, 2012, Regie: Stephan Kimmig) bot sie: ungeheuerliche Lebenstiefe. Nicht umsonst in Stücken, in denen schon an der Oberfläche alle Abgründe stecken.

          Lauter Frauen, die an einem Ungenügen zugrunde zu gehen drohen und sich wutsprühend dagegen wehren: Sei’s das Ungenügen am Manne (Albee) oder das Ungenügen an Intimität und Selbstschutz oder das Ungenügen daran, keinen Hass- oder Lustgegner mehr zu haben (Reza) – immer sah man der Harfouch beim großen, einsamen Kampf gegen das Unabänderliche zu, in das sie sich verbiss, als wolle sie sämtliche Schicksalsknochen zerkauen. Aber dabei die besten Manieren bewahrte. Eine Lady Courage, die auch als Castorfs Zuckmayer-General Harras (1997) schön witzig den Teufel aus dem Nazi-Problemkitsch-Häuschen trieb.

          Corinna Harfouch in „Des Teufels General“, 1996 Bilderstrecke

          Am schönsten, eindringlichsten, überwältigendsten war sie (für mich) in Stuttgart. Dort spielte sie 2009 ganz leise, vor Wut und Wucht gleichsam nur raubkatzenflüsternd, nacheinander drei Frauen in Yasushi Inoues „Jagdgewehr“, alle drei verletzt, verlassen, vergiftet von einem Mann. Und jede der drei bis in den Grund erschüttert von der Möglichkeit, eine ganz andere sein zu können. Und diese ganz andere schenkte ihnen die Harfouch mit Grandezza und toller Lust. Heute feiert sie ihren sechzigsten Geburtstag.

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