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Claudio Abbado zum Achtzigsten Der vollkommene Augenblick

 ·  Er gilt als Schweiger und Zuhörer, Moderator und Perfektionist unter den großen Dirigenten. An diesem Mittwoch wird der Maestro Claudio Abbado, der in seiner Jugend nie ein Orchester leiten wollte, achtzig Jahre alt.

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© dpa Vergrößern Beim Dirigieren geht es Claudio Abbado weniger um Lenkung. Zuhören und Empathie bilden die Signatur seines Schaffens

Unter den großen Dirigenten unserer Zeit ist er der einzige, der keine Kompromisse schließt. Claudio Abbado macht sich rar. Man findet ihn weder in Salzburg noch in Bayreuth. Auch in den Operngräben der großen Häuser und auf den Konzertpodien ist er ein selten anzutreffender Gast.

Seit dem großen biographischen Einschnitt im Jahr 2000, ausgelöst durch eine fast tödliche Erkrankung, die er überwand, zog sich Abbado zurück auf sich selbst, in seinen Garten auf Sardinien und auf die wenigen Musikerfreunde und Musikprojekte, die ihm wirklich wichtig sind.

Der Dirigent als Moderator

Und, zunehmend, auf eine Handvoll großer Komponisten: Mahler zunächst, Schubert, Beethoven, Mozart, Brahms, Debussy. Es ist leicht, diese Selbstbeschränkung mit Arroganz zu verwechseln, und gelegentlich trifft man auf Kritiker, die auch so denken. Aber da Claudio Abbado, wenn er denn auftritt, das persönliche Glück, das er in der Musik findet, auf genial strahlende Weise zu verallgemeinern weiß, ja, als ein Füllhorn ausgießt über alle und jeden, ist das Gegenteil der Fall: Er ist, unter den großen Dirigenten, zugleich der offenste, zugänglichste.

In Luzern, mit dem 2003 neu gegründeten Lucerne Festival Orchestra, schuf er sich seine persönliche Insel der Seligen. Mit dem Orchestra Mozart in Bologna erfand er noch einmal einen neuen Nachwuchsorchesterpool, anknüpfend an frühere Jugendorchestergründungen.

Schon als Kind von der Musik verzaubert

Mit diesen beiden Ensembles ist er auf der Suche nach dem vollkommenen Augenblick, das, was er selbst gern, mit Schlichtheit, Ergriffenheit und ganz ohne Augenzwinkern, „schöne Musik“ zu nennen pflegt. Wahre Musik. Die kammermusikalische Essenz der Musik. Ein Geheimnis, das zu ergründen nur dem vergönnt ist, der weiß, dass diese Luftkunst aus dem Nichts kommt und wieder ins Nichts verschwinden muss. Ein Credo, darin Naivität und Weisheit dicht beieinanderliegen. Ein Stoff, aus dem Legenden wachsen.

Eines wollte Abbado niemals sein: ein „Maestro“. Ja, er könne schwören, so erklärte er einmal im Interview, dass er, obwohl aufgewachsen in einem Musiklehrerhaushalt, nie die Absicht gehabt habe, Dirigent werden zu wollen; allein die Magie des Musikmachens habe ihn von Anfang an fasziniert, spätestens seit er, siebenjährig, in der Mailänder Scala die „Nocturnes“ von Claude Debussy gehört habe.

Seine Schlagtechnik ist brillant und unverwechselbar

Abbado hatte mit sechzehn in seiner Heimatstadt Mailand ein Klavier- und Kompositionsstudium begonnen. Später studierte er Dirigieren bei Hans Swarowsky in Wien, wurde er Assistent von Leonard Bernstein. Die ersten Erfolge stellten sich scheinbar leicht und rasch ein. Abbado wurde Chefdirigent in London und Mailand, übernahm, für wenige Jahre, die musikalische Leitung der Wiener Staatsoper und trat 1989 die Nachfolge von Herbert von Karajan bei den Berliner Philharmonikern an, ein Amt, das er bis 2002 ausfüllte.

Seither lebt er frei. Seine Schlagtechnik ist brillant und unverwechselbar. Oft kopiert, nie erreicht. Typisch die flüssigen Gesten, mit denen er scheinbar Nebensächliches ans Licht holt und auf den Punkt zu bringen weiß, typisch auch die Zwischenrufe „ascolta!“ in den Proben. Denn Musizieren beginnt nicht mit dem Spielen, sondern mit dem Zuhören.

Ein großer Schweiger mit Akribie

Zu den Legenden, die Abbado bis heute umranken, gehört die vom großen Schweiger und Probenmuffel. Das wurde kürzlich einmal wieder glänzend widerlegt von einem Film aus der Mitte der Achtziger, der bei Euroarts neu aufgelegt wurde. Norbert Beilharz begleitete Claudio Abbado damals in Mailand bei den Proben zu Verdis „Requiem“ mit der Kamera.

Die textphilologische Akribie, die aufführungsstilistische Perfektion, der Ernst dieses Dirigenten sind maßstäblich. Aber das Probenklima bleibt lustvoll und entspannt. Trifft, zum Beispiel, Montserrat Caballé den Ton nicht im finalen „Libera me“, dreimal geht es daneben, der große Schweiger feixt und grinst, sie ruft ihm zu: „Kriegst du ihn?“ Umarmung. Gelächter. Dann geht es. An diesem Mittwoch wird Claudio Abbado achtzig Jahre alt.

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