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Claudio Abbado in Luzern Was nur die Musik sagen kann

23.08.2010 ·  Wenn sich der Dirigent Claudio Abbado der Musik Gustav Mahlers widmet, darf man auf Offenbarungen hoffen. Beim Lucerne Festival gelang ihm jetzt eine mustergültige Aufführung der Neunten Symphonie.

Von Christian Wildhagen
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Stille kann ohrenbetäubend sein. Solche Momente eines atemlosen, bis aufs äußerste beredten Schweigens, in dem es keine Worte mehr gibt und dennoch alles gesagt scheint, stellen sich selten ein – im Konzertsaal sind sie Augenblicke der Erfüllung. Fast zwei Minuten, eine gefühlte Ewigkeit, währte die hochgespannte, übervolle Stille nach den letzten, ins tönende Nichts ersterbenden Klängen von Gustav Mahlers Neunter Symphonie im Luzerner Kunst- und Kongresszentrum. Wie in einem Brennglas schien sich alle Energie dieses magischen Stillstands in der Person des Dirigenten Claudio Abbado zu bündeln. Und Abbado modellierte das Schweigen mit einer unendlich langsamen, fast unsichtbaren Bewegung der rechten Hand, eine gleichermaßen bekräftigende wie mild resignierende Geste: Ja, hier gab es wirklich keine Fragen mehr – die Musik hatte jene Grenzen des Unsagbaren überschrittenen, an denen nicht nur für religiös empfängliche Menschen die Offenbarungen einer anderen, höheren Wahrheit beginnen.

Nun ist gerade das gewaltige Schluss-Adagio der Neunten Symphonie ein Stück Bekenntnismusik und somit prädestiniert für derartige Ahnungen einer wortlosen Transzendenz. Wie im Finale der Dritten und den langsamen Sätzen der Vierten und Sechsten Symphonie ringt Mahler hier buchstäblich mit letzten philosophischen und religiösen Fragen – nach dem Sinn des eigenen Seins und der Existenz eines Gottes, der sich ihm nun freilich nicht mehr, wie noch in der „Auferstehungssymphonie“, gütig und bewahrend zeigen will; der vielmehr zugelassen hat, dass Leid und Tod die Familie des Komponisten betroffen haben. Denn der große Klagegesang der Neunten erwächst – daran kann biographisch keinerlei Zweifel bestehen – aus den traumatischen Erlebnissen des Jahres 1907; jenes „annus horribilis“, in dem Mahlers Tochter qualvoll an Diphtherie stirbt und bei ihm selbst ein lebensbedrohlicher Herzfehler diagnostiziert wird.

Das größte Wunder vollzieht sich am Schluss

Kunst, die sich aus einer derart existentiell bedrohlichen Erfahrung speist, zielt auf nichts weniger als auf das interesselose Wohlgefallen im Sinne Kants – diese Musik sucht die direkte Ansprache an den Hörer, will berühren, aufrütteln, erschüttern und erheben. Und ebendiese Dringlichkeit legte Claudio Abbado in jeden Augenblick seiner Interpretation: Mit den berückend tonschön, leuchtend-satt, doch nie pastos spielenden Streichern des Lucerne Festival Orchestra formt er schon den Beginn des Schlusssatzes zu einem beschwörend intensiven Hymnus, in dem jeder Harmoniewechsel und jede Dissonanzreibung aufs subtilste ausgehört sind. Später entwickeln sich aus dieser dichten, quasi unentrinnbaren Klanglichkeit atemberaubende Steigerungen bis in Grenzbereiche der Dynamik, ohne dass der Gesamtklang jemals starr oder hart wird; vielmehr bleiben selbst im äußersten Fortissimo die einzelnen Orchestergruppen, ja einzelne Instrumente als Farbreize erkennbar.

Das größte Wunder dieser Aufführung vollzieht sich am Schluss, in jener einzigartigen Adagissimo-Passage, von Mahler mit so vielsagenden Vortragsanweisungen wie „ersterbend“ versehen, in der die Musik ihr eigenes Verstummen auskomponiert. Abbado lässt hier den Streicherklang gleichsam stufenweise denaturieren, die Töne entrücken wundersam in die Ferne, entmaterialisieren sich bis an die Hörschwelle, ohne im Mindesten an Intensität einzubüßen. Im Grenzbereich zur Stille entwickelt sich dann die letzte melodische Gestalt des Werkes, ein Selbstzitat Mahlers aus dem vierten seiner tragisch-prophetischen „Kindertotenlieder“, das der Neunten Symphonie ihre entscheidende inhaltliche Wendung gibt: „Sie sind uns nur voraus gegangen, / Wir holen sie ein auf jenen Höhn / Im Sonnenschein, der Tag ist schön auf jenen Höhn!“, lautet Friedrich Rückerts Originaltext. Abbado lässt diese visionäre Jenseits-Hoffnung wissend und zögernd, suchend und ahnungsvoll zugleich klingen, und gerade das Offene und Innig-Zurückhaltende dieses Ausklangs verleiht dem Schluss der Neunten eine selten so gehörte Stimmigkeit – eine Zuversicht, die für Momente tatsächlich alle Fragen beantwortet erscheinen lässt.

Künstlerische Lebenserfahrung und ungetrübte Musizierlust

In den ersten drei Sätzen erreicht die Intensität der Interpretation noch nicht die gleiche sublimierte Weißglut. Abbados Lesart wirkt hier sachlicher – weit weniger rhetorisch-emotional als etwa bei Leonard Bernstein. Dafür untermauert er mit der kompromisslosen Strenge seiner Form- und Tempodisposition eine berühmte These Adornos, der die Neunte Symphonie treffend das erste Werk der Neuen Musik genannt hat. Mahlers radikale, stellenweise rein linear gedachte Polyphonie und die mitunter fast filmschnittartigen Brüche im Satzverlauf treten ungemildert hervor, gefährden aber dennoch nicht die riesigen symphonischen Bögen, die Abbado souverän und auswendig dirigierend über das gesamte achtzigminütige Werk zieht.

Dass das Lucerne Festival Orchestra, dieser seit 2003 jeden Sommer ad hoc aus Weggefährten Abbados gebildete Klangkörper, dessen Konzept mit spürbarer innerer Beteiligung umsetzt, überrascht nicht, zumal angesichts prominenter Solisten wie Sabine Meyer, Kolja Blacher oder Reinhold Friedrich an den ersten Pulten. Die hier erreichte Symbiose aus künstlerischer Lebenserfahrung und ungetrübter Musizierlust auf höchstem Niveau macht gleichwohl sprachlos in ihrer beglückenden Tiefe und Perfektion.

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