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Claudio Abbado Die große Gabe des Klangs

30.04.2011 ·  Er gründet ein Orchester nach dem anderen und beglückt als Musikreisender die Welt mit großen Konzerten. Sollte Claudio Abbado auch noch ein eigenes Aufführungshaus erhalten? Unbedingt.

Von Julia Spinola, Rom
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Es gibt Dirigenten, die von ihren Musikern das Äußerste fordern. Mit befeuernder Mimik und kommandierender Körpersprache scheinen sie ihren Orchestern unentwegt zuzuschreien: „Gebt mir mehr! Gebt mir alles, was ihr habt!“ Andere - höflichere - Orchesterleiter mit dem gleichen Ziel ziehen es vor, ihrem Ensemble durch ein animierendes Zuzwinkern, durch aufmunternde oder flehende Gesten ein Maximum an Einsatz zu entlocken.

Und dann gibt es - singulär - einen Künstler wie Claudio Abbado: der scheinbar gar nichts nehmen, bekommen oder gar besitzen will. Stattdessen ist die ganze filigrane, sich geschmeidig verströmende Gestalt nur darauf ausgerichtet zu geben. Zu beschenken.

Das hört sich dann völlig anders an: nicht wie ein mitreißend oder weniger mitreißend, stimmig oder weniger stimmig interpretiertes Kunstwerk, das als akustischer Gegenstand in den Raum gestellt wird, sondern wie eine musikalische Naturerscheinung. Als begänne die Luft sich plötzlich wie von selbst in Schwingung zu versetzen und ganz aus sich heraus zu klingen.

So jetzt im Auditorium Parco della Musica in Rom mit den ersten Takten von Claude Debussys „Nocturnes“, die von weit her verlorene Klarinetten- und Fagottmotive herüberwehen lassen wie einen aus der Erinnerung aufsteigenden melancholischen Gesang des Naturschönen. Wie sich unter Abbados fließenden Bewegungen in diesem ersten Satz,

Aufhebung von Zeit und Raum

„Nuages“, die nach und nach hinzutretenden Stimmen zum differenziert aufgefächerten, flüchtigen, atmenden Ganzen formieren, das ist von berückender Schönheit. Selten hört man so klar, welche Farbenpracht in dieser Fülle an Grauschattierungen liegt. Die gleißende Überhelle und die rhythmische Wachheit des ersten Abschnitts der „Fêtes“ wischen dann den Himmel blank und wecken die Sinne für den sich im Mittelteil „aus der Ferne“ nähernden und wieder entschwindenden Marsch - eine ekstatische Vision, die schon die Utopie des letzten Satzes ankündigt: die Aufhebung von Zeit und Raum in den paradoxen Reprisenstrukturen eines schwerelosen, schließlich gleichsam verdunstenden Sirenengesangs.

Abbado als einen „gebenden“ Musiker zu bezeichnen ist mehr als nur eine Metapher für seinen ungewöhnlich auratischen Dirigierstil und seine schon oft beschriebene sanft-beharrliche Art zu proben, die auf wundersame Weise mit sparsamen Gesten, noch weniger Worten und dem Appell, genau aufeinander zu hören, auskommt. Abbado beschenkt die Welt auch mit einer Orchestergründung nach der anderen: Das European Youth Orchestra (1978), das European Chamber Orchestra (1981), das Gustav Mahler Youth Orchestra (1986), das Mahler Chamber Orchestra (1997), das Lucerne Festival Orchestra (2003) und - als jüngstes Kind - das Orchestra Mozart (2004) verdanken ihm ihre Existenz.

Welches außergewöhnliche Niveau die von ihm initiierten Ensembles auszeichnen, war auch auf der jüngsten Italien-Tournee eindrucksvoll zu erleben. Das Mahler Chamber Orchestra (MCO) musizierte erstmals gemeinsam mit dem Orchestra Mozart, und die sich rar machende, pianistisch nach wie vor fulminante Martha Argerich reiste als Solistin mit.

Immer wieder Energie für Neues

Zu einem großen Klangkörper verschmolzen, spielen die Orchester mit einer bestechenden Präzision, die niemals kalt oder kantig wirkt. Die spieldosenartige, hochvirtuose Künstlichkeit, die das G-Dur-Klavierkonzert von Maurice Ravel charakterisiert, lässt die Musik in allen Farben funkeln und glitzern, ohne - und das ist die Kunst - ins Mechanische abzugleiten. Vielmehr wird das überdreht Automatenhafte zu einer übersprühenden Lebendigkeit zweiter Potenz erweckt.

Martha Argerich gibt ein schier irrsinniges Tempo vor, das sie beinahe lässig, mit viel Understatement, aber jederzeit brillant ausfüllt mit ihren mal raffiniert irrlichternden, mal an die Grenze des Bruitistischen getriebenen, jazzig gehämmerten Partien. Sogar zu einer Zugabe lässt sie sich hinreißen: Robert Schumanns „Traumes Wirren“ aus den Fantasiestücken op. 12 flattern in einer aberwitzigen, ganz und gar exzentrischen Flüchtigkeit durch den Saal.

Was bewegt einen Mann wie Abbado, der in seinem Künstlerleben schon die dirigentischen Traumpositionen in Mailand, London, Wien und Berlin innehatte und dem die Orchester dieser Welt zu Füßen liegen, dazu, seine Energie in neue Ensemblegründungen zu investieren? Abbados Gesicht leuchtet, während er in seinem Dirigentenzimmer an einem jener Protein-Drinks nippt, die seit seiner schweren Erkrankung vor zehn Jahren auf seinem Speiseplan stehen.

Ein zukunftsweisendes Wagnis

Nein, sagt er, nicht die Jugend der Musiker sei es gewesen, die ihn so gereizt habe. Das MCO sei schließlich längst erwachsen: Man reist inzwischen mit Babysitter für den eigenen Nachwuchs. Es ist die Internationalität der Klangkörper, die in ihnen sich bündelnde kulturelle Vielfalt, die Abbado dazu drängte, neue Orchester zu gründen. Der harte Kern des MCO besteht aus rund vierzig Musikern - die aus zwanzig verschiedenen Nationen stammen.

Und tatsächlich erscheint die Struktur dieses Orchesters immer noch wie ein zukunftsweisendes Wagnis - oder, wie Andreas Richter, der Orchestermanager, es ausdrückt: wie ein Experiment. Ein Klangkörper ohne festes Haus, ohne feste Trägerschaft und mit einem Nichts an öffentlichem Zuschuss bereist ganz Europa und die halbe Welt, bringt Platten heraus und stellt nebenbei auch noch Aus- und Weiterbildungsprojekte auf die Beine. Allein in dieser Saison gastiert man in 35 Städten zwölf verschiedener Länder.

Der Maestro träumt

In Bologna gibt es unerwartet eine Pressekonferenz: Das Orchestra Mozart braucht einen Saal. Der Architekt Renzo Piano hat deshalb das Modell einer „großen Stradivari“ entworfen, die 1800 Zuhörern Platz bieten und das Areal zwischen dem Museum für Moderne Kunst (MAMbo) und der Cineteca di Bologna um ein Musikzentrum ergänzen soll. Außer dem Konzertsaal, für dessen Akustik der Japaner Yasu Toyota verantwortlich zeichnen wird, sollen hier auch Unterrichtsräume für eine Musikschule und - Abbados Liebe zu Pflanzen - ein botanischer Garten unterkommen. Natürlich ist daran gedacht, dieses neue Zentrum für alle musikalischen Aktivitäten der Stadt zu öffnen.

Zwischen dreißig und fünfzig Millionen Euro wird das Projekt kosten: unmöglich zu realisieren im gnadenlos die Kulturbudgets herunterfahrenden Italien, denkt man spontan. Doch Abbado lächelt weise. Er träumt davon, dort bereits in der Saison 2013/14 das Orchestra Mozart zu dirigieren. Ein Konzertzyklus zum russischen Kino und eine Beethoven-Reihe schweben ihm vor. „Eine gute Idee lässt sich immer irgendwie in die Tat umsetzen“, beteuert er kühn. Seine Erfahrung hat ihm bislang immer recht gegeben. Abbado besitzt so etwas wie den grünen Daumen der Musik. Was immer er berührt, beginnt zu leben, gedeiht, blüht auf.

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Jahrgang 1962, Redakteurin im Feuilleton.

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