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Claudio Abbado : Die große Gabe des Klangs

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Claudio Abbado beim letztjährigen Lucerne Festival Bild: Lucerne Festival

Er gründet ein Orchester nach dem anderen und beglückt als Musikreisender die Welt mit großen Konzerten. Sollte Claudio Abbado auch noch ein eigenes Aufführungshaus erhalten? Unbedingt.

          Es gibt Dirigenten, die von ihren Musikern das Äußerste fordern. Mit befeuernder Mimik und kommandierender Körpersprache scheinen sie ihren Orchestern unentwegt zuzuschreien: „Gebt mir mehr! Gebt mir alles, was ihr habt!“ Andere - höflichere - Orchesterleiter mit dem gleichen Ziel ziehen es vor, ihrem Ensemble durch ein animierendes Zuzwinkern, durch aufmunternde oder flehende Gesten ein Maximum an Einsatz zu entlocken.

          Und dann gibt es - singulär - einen Künstler wie Claudio Abbado: der scheinbar gar nichts nehmen, bekommen oder gar besitzen will. Stattdessen ist die ganze filigrane, sich geschmeidig verströmende Gestalt nur darauf ausgerichtet zu geben. Zu beschenken.

          Das hört sich dann völlig anders an: nicht wie ein mitreißend oder weniger mitreißend, stimmig oder weniger stimmig interpretiertes Kunstwerk, das als akustischer Gegenstand in den Raum gestellt wird, sondern wie eine musikalische Naturerscheinung. Als begänne die Luft sich plötzlich wie von selbst in Schwingung zu versetzen und ganz aus sich heraus zu klingen.

          Formvollendet: Modell des Konzertsaals in Bologna, den Renzo Piano bauen soll

          So jetzt im Auditorium Parco della Musica in Rom mit den ersten Takten von Claude Debussys „Nocturnes“, die von weit her verlorene Klarinetten- und Fagottmotive herüberwehen lassen wie einen aus der Erinnerung aufsteigenden melancholischen Gesang des Naturschönen. Wie sich unter Abbados fließenden Bewegungen in diesem ersten Satz,

          Aufhebung von Zeit und Raum

          „Nuages“, die nach und nach hinzutretenden Stimmen zum differenziert aufgefächerten, flüchtigen, atmenden Ganzen formieren, das ist von berückender Schönheit. Selten hört man so klar, welche Farbenpracht in dieser Fülle an Grauschattierungen liegt. Die gleißende Überhelle und die rhythmische Wachheit des ersten Abschnitts der „Fêtes“ wischen dann den Himmel blank und wecken die Sinne für den sich im Mittelteil „aus der Ferne“ nähernden und wieder entschwindenden Marsch - eine ekstatische Vision, die schon die Utopie des letzten Satzes ankündigt: die Aufhebung von Zeit und Raum in den paradoxen Reprisenstrukturen eines schwerelosen, schließlich gleichsam verdunstenden Sirenengesangs.

          Abbado als einen „gebenden“ Musiker zu bezeichnen ist mehr als nur eine Metapher für seinen ungewöhnlich auratischen Dirigierstil und seine schon oft beschriebene sanft-beharrliche Art zu proben, die auf wundersame Weise mit sparsamen Gesten, noch weniger Worten und dem Appell, genau aufeinander zu hören, auskommt. Abbado beschenkt die Welt auch mit einer Orchestergründung nach der anderen: Das European Youth Orchestra (1978), das European Chamber Orchestra (1981), das Gustav Mahler Youth Orchestra (1986), das Mahler Chamber Orchestra (1997), das Lucerne Festival Orchestra (2003) und - als jüngstes Kind - das Orchestra Mozart (2004) verdanken ihm ihre Existenz.

          Welches außergewöhnliche Niveau die von ihm initiierten Ensembles auszeichnen, war auch auf der jüngsten Italien-Tournee eindrucksvoll zu erleben. Das Mahler Chamber Orchestra (MCO) musizierte erstmals gemeinsam mit dem Orchestra Mozart, und die sich rar machende, pianistisch nach wie vor fulminante Martha Argerich reiste als Solistin mit.

          Immer wieder Energie für Neues

          Zu einem großen Klangkörper verschmolzen, spielen die Orchester mit einer bestechenden Präzision, die niemals kalt oder kantig wirkt. Die spieldosenartige, hochvirtuose Künstlichkeit, die das G-Dur-Klavierkonzert von Maurice Ravel charakterisiert, lässt die Musik in allen Farben funkeln und glitzern, ohne - und das ist die Kunst - ins Mechanische abzugleiten. Vielmehr wird das überdreht Automatenhafte zu einer übersprühenden Lebendigkeit zweiter Potenz erweckt.

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