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Veröffentlicht: 05.12.2012, 12:35 Uhr

Claudio Abbado auf Tournee Der Thomaskantor ist kein Historiker

Wenn ein Mozartorchester Bach spielt: Claudio Abbado und sein Orchestra Mozart Bologna sind auf großer Tournee und bringen die Werke von innen zum Leuchten.

© Wolfgang Runkel Im Orchestra Mozart Bologna harmonieren junge Talente mit gestandenen Profis

Seit acht Jahren besteht das Orchestra Mozart Bologna, gegründet und finanziert von engagierten Bologneser Sponsoren, künstlerisch geleitet von Claudio Abbado als Spiritus Rector. Abbado hat hinreichend Erfahrungen mit Orchestergründungen, ein halbes Dutzend sind es schon vom European Youth Orchestra 1978 über das Mahler Chamber Orchestra 1997 bis zu ebendem Bologneser Ensemble, das nicht, wie manchmal fälschlich vermutet, ein Jugendorchester ist, sondern ein hochqualifiziertes großes Kammerorchester, in dem neben jungen Musikern auch gestandene Größen mitwirken.

Abbados Sehnsucht, mit jungen, unverbrauchten Musikern zu arbeiten, hat viele wunderbare Früchte getragen. Musizieren gegen die Routine könnte man seine Ambitionen nennen, zum Wohle des Wesentlichen: der Musik. Die Bologneser Gründung erfolgte darüber hinaus sicher auch vor dem Hintergrund der italienischen Krise und des Sterbens regionaler Orchester und Operntheater. Aber mit dem Mozart-Orchester schaute man auch nach vorn und begriff, dass Musik, dass Kunst überhaupt eine soziale Dimension besitzt. So engagiert sich das Orchester stark für die Jugendarbeit und bei der Resozialisierung von Strafgefangenen.

Historisch ohne Nachzuahmen

Entscheidend aber sollte immer die künstlerische Qualität sein. Dass das Orchestra Mozart Bologna die Sinfonien seines Namenspatrons vorzüglich darzustellen vermag, ist diversen CD-Einspielungen abzuhören. Aber Johann Sebastian Bach? Mit einem reinen Bach-Programm begaben sich Abbado und das Orchester jetzt auf eine kurze Deutschland-Tournee, die nach Frankfurt am Main und Baden-Baden führte und am 6. Dezember in München endet. Der erste Abend in der Alten Oper Frankfurt geriet zu einem nicht zu kleinen Triumph: Das Publikum im (fast) ausverkauften großen Saal feierte Dirigent und Musiker geradezu emphatisch.

Abbados Bach-Bild zeichnet sich durch klare Linien, schlankes Musizieren, rhythmische Lebendigkeit und Transparenz aus. Er kommt dabei den „Historikern“ durchaus nahe, ohne diese nachzuahmen, was er auch nicht nötig hat. Seine Bach-Darstellungen überzeugen durch persönlichen Stil, in dem die Werke von innen zum Leuchten gebracht werden.

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Hervorragende Solisten unterstützen ihn dabei: Julia Kleiter singt mit wunderbarem Sopranklang die Kantate „Jauchzet Gott in allen Landen“, in brillanter Korrespondenz mit Reinhold Friedrichs Trompete. Isabelle Faust und Gregory Ahss präsentieren sich im Konzert für zwei Violinen und Streicher BWV 1043 als zugleich stilbewusste und kraftvolle Bach-Spieler. Ein höchst beweglicher Flötist ist Jacques Zoon in der Orchestersuite Nr. 2 h-Moll, und im finalen Zweiten Brandenburgischen Konzert agieren Raphael Christ (Violine), Jacques Zoon, Lucas Machias Navarro (Oboe), Reinhold Friedrich und das Orchester mit einer „schlanken“ Energie, dass man gebannt zuhörte. Historisch? Nein, danke! Aber hinreißende Musik, Bach näher als mancher trockene „Authentiker“.

Nächste Tourneestationen: Am Donnerstag, 6. Dezember, spielt das Orchestra Mozart Bologna im Münchner Herkulessaal, am Samstag, 8. Dezember, im Teatro Carlo Felice in Genf und am Montag, 9. Dezember, im Teatro Massimo in Palermo.

Quelle: F.A.Z.

 

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